DAH-Blog
Halbzeit bei „positive stimmen“!
Aufruf zum Mitmachen in der 2. Halbzeit. Foto: s.media, pixelio.de
Seit November sind 40 HIV-Positive im Rahmen des Projekts „positive stimmen – Leben mit HIV und Stigmatisierung“ in ganz Deutschland unterwegs und befragen andere Menschen mit HIV zu ihren Erfahrungen mit Stigmatisierung und Diskriminierung. Mehrere hundert Interviews sind bereits geführt, weitere werden folgen. Jetzt ist Halbzeit bei „positive stimmen“ und ein guter Moment, um innezuhalten und zu schauen, was bis jetzt erreicht wurde und wie es weitergehen soll. Carmen Vallero sprach darüber mit Michael Jähme aus dem Projektbeirat und Carolin Vierneisel, die das Projekt in der DAH koordiniert.
Was haben euch die Interviewerinnen und Interviewer bisher zurückgemeldet?
Carolin: Viele haben uns mitgeteilt, dass sie vor allem von den Begegnungen mit anderen HIV-Positiven, von ihren Lebensgeschichten und Erlebnissen beeindruckt sind. Allein schon die Tatsache, dass man sich zusammensetzt, um über Stigmatisierung nachzudenken und zu sprechen, wird als sehr eindringlich erlebt. Bei den Interviews entstehen oft sehr persönliche Kontakte, man tauscht Informationen aus, lernt Neues kennen. Manche Befragte haben zum Beispiel erst auf diesem Weg von den Positiventreffen im Waldschlösschen erfahren.
Anderen mitteilen zu können, was passiert ist, stärkt das Selbstwertgefühl
Michael, als Mitglied des Projektbeirats hast du einen guten Kontakt zu den Communities. Wie wird „positive stimmen“ dort aufgenommen?
Michael: Immer wieder höre ich von Interviewten, dass sie vorher unsicher waren und sich fragten, was das denn bringen solle, danach aber überrascht waren, weil alles so gut gelaufen ist und die Interviewer sich so viel Zeit genommen haben. Das Gespräch, so sagen sie, habe beiden Seiten viel gebracht. Mein Eindruck ist, dass viele unserer Interviewer die Gespräche mit großem Engagement und Einfühlungsvermögen gestalten. Daher kann ich Carolins Aussage nur bestätigen: Es gibt viele bereichernde Begegnungen.
Man nimmt sich Zeit, um HIV-Positiven zuzuhören – das scheint etwas Besonderes zu sein…
Michael: Das scheint die Interviewten tatsächlich sehr zu beeindrucken. Im Alltag und auch in den Aidshilfen ist es offenbar nicht immer so, dass HIV-Positive ihre Erlebnisse erzählen können und Zeit zum Zuhören da ist. Als Berater in meiner Aidshilfe und auch in der Onlineberatung bitte ich Rat Suchende immer wieder, genau zu erzählen, was sie erlebt haben und wie sie es erlebt haben. Aus der Traumaforschung wissen wir, dass Traumatisierte eine Öffentlichkeit brauchen. Das wirkt heilsam bei den seelischen Verletzungen und Kränkungen. Auch bei Stigmatisierung und Diskriminierung ist es wichtig, anderen mitteilen zu können, was passiert ist. Die Erfahrung, mit schlimmen Erlebnissen nicht allein gelassen zu werden, tut gut und stärkt das Selbstwertgefühl.
Das Projekt lädt dazu ein, sich gemeinsam lautstark zu empören
Das bedeutet, dass „positive stimmen“ weit mehr leistet, als Erfahrungen zu dokumentieren.
Michael: Ganz bestimmt! In der Beratungsstelle wird immer nur der Einzelfall in der akuten Situation geschildert und bearbeitet – höchstens bei dramatischen Erlebnissen erfährt auch die breite Öffentlichkeit davon. Das Projekt „positive stimmen“ erzeugt dagegen ein Gemeinschaftsgefühl. Hier wird deutlich, was jede und jeder von uns im Alltag aushalten muss. Jetzt kann dieser Druck endlich mal raus. Das Projekt lädt quasi dazu ein, sich gemeinsam lautstark zu empören. Damit überwinden wir die Vereinzelung.
Im ersten Treffen des Projektbeirats hast du gesagt, du möchtest erreichen, dass sich das Bild von Menschen mit HIV ändert. Was können HIV-Positive selbst dafür tun?
Michael: Menschen mit HIV leisten unglaublich viel. Ihnen steht Anerkennung und Wertschätzung zu, statt dass man sie ablehnt und beleidigt. Wir sind die Experten, wir wissen Bescheid, was wir im Leben mit HIV tun müssen, um uns und unseren Mitmenschen gerecht zu werden. Die Angst der anderen wird uns nicht gerecht. Es ist genau anders herum, als es oft gesehen wird: Nicht wir haben etwas zu gestehen – zum Beispiel, dass wir positiv sind -, sondern die anderen müssen ein Geständnis ablegen über ihr Halb- und Fehlwissen und ihre Vorurteile! Das Leben mit HIV ist ganz anders, als die meisten sich das vorstellen. HIV-Positive dürfen sich stark fühlen, sie dürfen sich empören und fordern, dass es nicht in Ordnung ist, sie zu benachteiligen.
Wir sind nicht mehr bereit, uns selbst zu stigmatisieren und Ausgrenzung hinzunehmen
Ist „positive stimmen“ dafür ein erster Ansatz?

(v.l.n.r.) Michael Jähme, Gabriele Trost, Markus Schmidt aus dem Projektbeirat
Michael: Nicht der erste, sondern ein weiterer Ansatz. Wir leben heute in einer Zeit, in der HIV in der Regel nicht mehr tödlich und die Infektiosität unter Kontrolle gebracht ist. Die Situation ist völlig anders als zu Beginn der Aids-Ära. Unsere Emotionalität hat sich geändert: Wir sind nicht mehr bereit, uns selbst zu stigmatisieren und hinzunehmen, dass Ausgrenzung der Preis ist, den Menschen mit HIV zu zahlen haben. Wir waren früher vereinzelt und sozusagen „leise Stimmen“. Ich wünsche mir, dass wir durch „positive stimmen“ lautstark werden, dass wir beeindrucken und etwas verändern, dass wir starkes Vorbild werden für diejenigen, die jetzt ihre HIV-Diagnose bekommen und ein langes Leben vor sich haben.
Ihr wolltet in das Projekt möglichst viele Orte einbinden, an denen Menschen mit HIV erreichbar sind: Schwerpunktpraxen, HIV-Ambulanzen, Gesundheitsämter und natürlich die regionalen Aidshilfen. Ist das gelungen?
Carolin: In sehr vielen Städten sind wir auf offene Ohren und großes Interesse gestoßen. Zahlreiche Aidshilfen unterstützen die Suche nach Interviewpartnerinnen und -partnern, indem sie Flyer auslegen, HIV-Positive auf das Projekt aufmerksam machen oder Räume für die Interviews bereitstellen. Wir haben allerdings noch zwei Monate vor uns, in denen Interviews zu führen sind. Deshalb freuen wir uns riesig, wenn die Aidshilfen und andere Einrichtungen – Ambulanzen, Praxen, Wohnprojekte – weiterhin mit uns im Projekt zusammenarbeiten wollen.
Macht mit, lasst euch interviewen!
„positive stimmen“ wird im Juli 2012 abgeschlossen. Soll die Diskussion zu Stigmatisierung danach weitergeführt werden?
Michael: Sie muss weitergehen! Wir brauchen ein bundesweites Netz von Seismografen, die ständig registrieren und dokumentieren, was Menschen mit HIV an Unrecht erleben. Wir konnten bisher ja erleben, wie wichtig das Erzählen und Gehörtwerden für die Einzelnen ist. Mich interessiert nun, ob die Gespräche auch die Interviewerinnen und Interviewer verändert haben und welche inneren Prozesse dadurch losgetreten wurden. Sie könnten eine wesentliche Rolle spielen bei der Frage, wie es weitergehen muss. Wenn man mitbekommt, was Menschen mit HIV alles aushalten müssen, dann will man doch auch, dass sich etwas verändert. Wie es weitergehen soll, hängt natürlich auch davon ab, welche Probleme und Handlungsbedarfe die Auswertung der Interviews offenlegen wird.
Carolin: Die Auswertungsergebnisse wollen wir auf der Selbsthilfekonferenz „Positive Begegnungen“ im August 2012 präsentieren und diskutieren, um dann weitere Schritte zu überlegen. Jetzt aber fangen wir erst mal mit der Dateneingabe an – bei den bisher 500 geführten Interviews mit Fragen auf 23 Seiten keine kleine Aufgabe. Und bis Ende März wollen wir natürlich noch viele weitere „positive stimmen“ einfangen. Daher auch an dieser Stelle noch mal der Aufruf: Macht mit, lasst euch interviewen! Mitmachen kann auch, wer keine Stigmatisierung erfahren hat – das Ziel ist ja, ein möglichst rundes Bild von der Situation der Menschen mit HIV in Deutschland zu bekommen.
Weitere Informationen zu „positive stimmen“
Müssen sich Trans* sterilisieren lassen? Unterschriftenaktion gegen schwedisches Gesetz
In Schweden sind Transgender und Transsexuelle (kurz: Trans*) gezwungen, sich sterilisieren zu lassen, um eine Änderung ihrer Geschlechtszugehörigkeit zu erreichen. Dagegen regt sich jetzt Protest. Von Sophie Neuberg und Susanne Reuber.
Wunderschönes Schweden: An jedem Fahnenmast eine blau-gelbe Fahne, dahinter ein gemütliches rotes Holzhäuschen, in jedem Häuschen ein glückliches, legal verheiratetes schwules oder lesbisches Paar, rundum sozial und gesundheitlich abgesichert und mit dem Rest der Bevölkerung vollkommen gleichberechtigt. Das war doch schon immer unser Klischee von Schweden, oder? Sozial, offen, fortschrittlich. Schon 1995 wurde dort beispielsweise die registrierte Partnerschaft eingeführt, die komplette Öffnung der Ehe für Schwule und Lesben wurde 2009 vom Parlament beschlossen.
Ende Januar waren es bereits 75.000 Unterschriften
Doch auf einmal zeigt das hübsche Häuschen einen Riss: Die amerikanische Organisation „AllOut“ sammelt Unterschriften gegen ein „barbarisches Gesetz“, das Transmenschen in Schweden zwingt, eine Sterilisations-OP durchführen zu lassen, um beispielsweise den Führerschein umschreiben zu lassen. Mit den Unterschriften – Ende Januar waren es schon knapp 75.000 – soll Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt aufgefordert werden, sich gegen die kleine konservative Partei der Christdemokraten durchzusetzen und das Gesetz zu ändern.
Barbarische Praxis im Land der Elche? Vorsicht, denn durch die plakative Ausdrucksweise von AllOut, wie etwa „Stop forced sterilization in Sweden“, kann es zu Missverständnissen kommen. Es geht dabei nämlich nicht darum, den Namen auf dem Führerschein zu ändern, sondern die Geschlechtszugehörigkeit. Den Vornamen zu ändern, ist in Schweden sogar besonders leicht und steht jedem offen – das hat ein gewisser/eine gewisse Jan-Olov Madeleine im Jahre 2009 vor Gericht durchgesetzt. Daraus folgte zwar kein Gesetz, aber die Rechtspraxis hat sich damit geändert: Man kann heute beim Finanzamt einen Teil des Vornamens ändern, ihm etwas hinzufügen oder etwas davon streichen lassen oder beim Patent- und Registeramt sämtliche Vornamen ändern lassen.
Der Vorschlag zur Abschaffung der Sterilisationspflicht wurde bisher nicht aufgegriffen
Die Frage einer Sterilisation stellt sich jedoch, wenn man die Geschlechtszugehörigkeit und damit zum Beispiel den Eintrag des Geschlechts auf der Geburtsurkunde ändern lassen will. Auch für den Führerschein ist das von Belang, da die dort angegebene Personennummer die Geschlechtszugehörigkeit verrät. Um den Geburtseintrag und damit auch die Personennummer zu ändern, verlangt das schwedische Gesetz, dass die Person fortpflanzungsunfähig ist.
Schon im Mai letzten Jahres hat die Sozialverwaltung einen Vorschlag zur Gesetzesänderung eingereicht und darin unter anderem nahegelegt, die Pflicht zur Sterilisation abzuschaffen. Dies auch vor dem Hintergrund, dass schon 2010 der EU-Ministerrat alle EU-Staaten aufgefordert hatte, Bedingungen fallen zu lassen, die bei einer Änderung der Geschlechtszugehörigkeit körperliche Eingriffe voraussetzen. Dass dieser Vorschlag nun nicht aufgegriffen wird und die Bedingung der Unfähigkeit zur Fortpflanzung weiterhin im Gesetz steht, dagegen richtet sich der Protest der schwedischen Vereinigung für die Rechte von Homosexuellen, Bisexuellen und Trans* (RFSL) in Zusammenarbeit mit AllOut.
Der entsprechende Passus im deutschen Transsexuellengesetz ist derzeit „nicht anwendbar“
Und hierzulande? Für eine Änderung der Geschlechtszugehörigkeit verlangt der entsprechende Passus im deutschen Transsexuellengesetz (TSG), dass die Person „dauernd fortpflanzungsunfähig“ ist und „sich einem ihre äußeren Geschlechtsmerkmale verändernden operativen Eingriff unterzogen hat, durch den eine deutliche Annäherung an das Erscheinungsbild des anderen Geschlechts erreicht worden ist“. Diese beiden Bedingungen hat das Bundesverfassungsgericht Anfang 2011 als „nicht vereinbar“ mit dem Grundgesetz bezeichnet, unter anderem wegen des Grundrechts auf körperliche Unversehrtheit. Bis eine neue gesetzliche Regelung verabschiedet wird, ist dieser Absatz „nicht anwendbar“, beschloss das BVG. Die lässt allerdings auf sich warten.
Um die Forderung nach Abschaffung des entsprechenden Paragrafen im schwedischen Gesetz zu bekräftigen, fanden am 18. Januar in verschiedenen schwedischen Städten Demonstrationen statt, zum Beispiel in Stockholm mit ca. 400 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Der RFSL bemüht sich derzeit, einen Termin mit Regierungschef Fredrik Reinfeldt zu bekommen, um ihm die Unterschriften zu überreichen, hatte bislang aber noch keinen Erfolg.
Die Chance auf einen Erfolg ist jetzt groß
Immerhin war das Thema auch Teil der Debatte, die die Vorsitzenden der Parteien im Januar im Schwedischen Reichstag führten. RFSL-Präsidentin Ulrika Westerlund ist sich sicher, dass dies den Aktivitäten ihrer Organisation und der Unterschriftensammlung von AllOut zu verdanken sei, weil der Protest viel Aufmerksamkeit erzeuge. Der RFSL werde auf jeden Fall weiterhin „lautstark kämpfen“, so Westerlund, da die Chance auf einen Erfolg derzeit groß sei. Sollte er eintreffen, wäre der Riss im fortschrittlichen Schwedenhaus gekittet.
Onlinepetition und weitere Infos
Im Heimatland verfolgt, in Deutschland nicht immer anerkannt

Podiumsteilnehmer Jurist Dirk Siegfried, Psychologin So-Rim Jung und LSDV-Vorstand Katayun Pirdawari (v. l.n.r.) (Foto: Jouanna Hassoun)
Schwule, Lesben und Transidenten, die aufgrund von Diskriminierung und Verfolgung ihr Heimatland verlassen und in Deutschland Asyl beantragen, können nicht sicher sein, anerkannt zu werden. Im Rahmen einer vom Lesben- und Schwulenverband in Deutschland organisierten Podiumsdiskussion am 27. Januar wurden Gründe und Hindernisse erläutert und Forderungen formuliert. Von Sophie Neuberg und Susanne Reuber
Erst die gute Nachricht: Seit einer Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts von 1988 kann Homosexualität in Deutschland als politischer Asylgrund anerkannt werden.
Damals recht fortschrittlich entschied das Gericht, dass Lesben und Schwule mit „irreversibler, schicksalhafter homosexueller Prägung“ Anspruch auf Asyl haben, wenn sie bei einer Rückkehr in ihr Heimatland in die Gefahr geraten, mit schweren Leibesstrafen oder der Todesstrafe belegt zu werden.
„irreversibler, schicksalhafter homosexueller Prägung“
Doch mit diesem positiven Urteil sind auch viele Schwierigkeiten verbunden. Was zum Beispiel ist eine „irreversible, schicksalhafte homosexuelle Prägung“? Und vor allem: Wie soll sie nachgewiesen werden? Es kann zum Beispiel sein, erklärte Psychologin So-Rim Jung vom LSVD (Lesben- und Schwulenverband in Deutschland) im Rahmen der Podiumsdiskussion „Situation homosexueller Asylsuchender in Deutschland“, dass ein Flüchtling ein psychologisches Gutachten vorlegen muss, das diesen Umstand bestätigt.
Ein solches Gutachten ist aber für Flüchtlinge oft viel zu teuer und einen wie auch immer gearteten medizinischen „Beweis“ der Homosexualität gibt es nicht. Immerhin berichtete Rechtsanwalt Dirk Siegfried, dass die Gutachten in aller Regel positiv ausfallen.
Die Formulierung der „irreversiblen Prägung“ sei 1988 ein Fortschritt gewesen, denn damit habe das Bundesverwaltungsgericht ausdrücken wollen, die Homosexualität könne – wie Nationalität oder ethnische Zugehörigkeit – als eine unveränderliche Tatsache betrachtet werden, die das Asylrecht begründet.
Heute klingt es absurd, wenn Flüchtlinge ihre Homosexualität nachweisen müssen, er habe aber kaum jemals erlebt, dass ein Gutachten negativ ausfalle, berichtete Dirk Siegfried: „Meist scheitern die Asylverfahren aus anderen Gründen“, so der Anwalt.
Zuallererst ist es für die meisten Hilfesuchenden schwer, überhaupt erst mal nach Deutschland zu kommen. Der Landweg scheidet aus, da die deutschen Nachbarländer alle als sichere Drittstaaten gelten, wohin Flüchtlinge sofort wieder abgeschoben werden können. Auch über den Seeweg kommen nur sehr wenige ins Asylverfahren, so dass nur der Luftweg ohne Zwischenlandung in einem Drittland als Möglichkeit verbleibt.
Flüchtlinge fühlen sich oft nicht in der Lage, einem Beamten sofort Auskunft über ihre sexuelle Orientierung zu geben
Ein weiteres Problem ist, dass die Asylbewerber bei ihrer ersten Anhörung vor dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge verpflichtet sind, detailliert sämtliche Fluchtgründe vorzutragen. Kurz nach ihrer Ankunft fühlen sich schwule und lesbische Flüchtlinge aber oft nicht in der Lage, einem Beamten über ihre sexuelle Orientierung Auskunft zu geben. Bringen sie diesen Grund jedoch erst später im Verfahren vor, wird ihnen oft nicht geglaubt.
Hat es dann jemand tatsächlich geschafft, seinen Antrag auf Asyl zu stellen, lässt die Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts von 1988 an mehreren Stellen viel Raum für Interpretation, zum Beispiel wenn es darum geht, welche Art der Verfolgung im Heimatland droht.
Da kann leider viel davon abhängen, welches Gericht in Deutschland die Entscheidung fällt, und wie im einzelnen Fall die Lage im Heimatland des Flüchtlings vom Auswärtigen Amt und vom Gericht eingeschätzt wird. So wird Schwulen und Lesben teilweise zugemutet, ihre Homosexualität im Verborgenen zu leben.
Es wird auch schon davon ausgegangen, die strafrechtliche Verfolgung der Homosexualität werde im Heimatland des Flüchtlings nicht wirklich angewandt. Bisweilen verlassen sich die deutschen Gerichte auch mal auf Aussagen des Auswärtigen Amts, wonach es im fraglichen Land Treffpunkte für Homosexuelle bzw. eine Szene gibt. Daraus wird dann geschlossen, man könne sich dort als Homosexueller durchaus arrangieren – so nach dem Motto: „Ein Schwuler muss nicht in Stöckeln durch Teheran herumlaufen“ –, mit etwas Diskretion würde es schon gehen.
Der Weg zum Standesamt kann für Asylbewerber zur Falle werden
Auch Asylbewerber, die mit ihrem deutschen Partner eine registrierte Partnerschaft eingehen wollen, können schon beim Standesamt in Schwierigkeiten geraten, weil ihnen unterstellt wird, auf diese Art und Weise ihren Aufenthalt sichern zu wollen. So droht sowohl vom Standesamt als auch von der Ausländerbehörde die Gefahr der Ausweisung, weil das Standesamt berechtigt ist, bei einem etwaigen Verdacht auf Scheinehe die Ausländerbehörde zu informieren.
Sowohl Podiumsteilnehmer als auch Publikum mussten bei diesen Erläuterungen oftmals den Kopf schütteln, insbesondere bei der Vorstellung, deutsche Gerichte fänden es zumutbar, unter Androhung der Todesstrafe (wie im Iran) seine Homosexualität im Verborgenen zu leben.
Das ist aber nicht alles, was sich im Asylverfahren als Problem herausstellen kann. Die Härte der drohenden Strafe und die Begründung der Verfolgung spielt auch eine Rolle. Dies hat auch mit der Entscheidung von 1988 zu tun: Das Bundesverwaltungsgericht wollte damals ausdrücklich nicht riskieren, den zu diesem Zeitpunkt in der Bundesrepublik Deutschland noch geltenden § 175 StGB als politische Verfolgung von Homosexuellen hinzustellen. Deshalb wurde präzisiert, eine Verfolgung wegen Verletzung der öffentlichen Sittlichkeit und Moral reiche nicht aus, um das Recht auf Asyl zu begründen.
Forderungen der Politik
Viel Entscheidungsspielraum für die Gerichte also und dementsprechend wenig Sicherheit für die Asylsuchenden, die während der ganzen Dauer des Verfahrens der sogenannten Residenzpflicht unterliegen. So dürfen sie den Bezirk oder Landkreis nicht verlassen, in dem die für sie zuständige Ausländerbehörde liegt.
Hinzu kommt, dass sie in einem Asylbewerberheim wohnen müssen, egal ob sie eventuell auch bei Verwandten unterkommen könnten. In den Heimen sind sie wiederum oft Zielscheibe von Diskriminierung und Misshandlung, denn auch unter Asylbewerbern ist Homophobie keine Seltenheit.
Am Ende der Diskussion fasste Rechtsanwalt Dirk Siegfried die wichtigsten politischen Forderungen zusammen, die sich aus der aktuellen Situation ergeben:
- Abschaffung der Residenzpflicht
- Entscheidung des Gesetzgebers, wonach die Gerichte von niemandem mehr verlangen dürfen, seine Sexualität zu verbergen
- Aufnahme durch die Bundesrepublik Deutschland und/oder durch ein Bundesland von bestimmten Menschen, die persönlich bedroht sind bzw. von Menschen aus bestimmten Regionen, indem man diesen Personen aus „völkerrechtlichen oder dringenden humanitären Gründen“ ein Visum anbietet (dafür ist das Bundesministerium des Innern zuständig, § 22 und § 23 Aufenthaltsgesetz).
Katayun Pirdawari vom LSVD-Vorstand appellierte zum Schluss an die schwul-lesbische Szene, die ungeheuren Schwierigkeiten, Beleidigungen und Schmerzen zu bedenken, die Flüchtlinge gerade aus muslimischen Ländern auf sich nehmen, wenn sie Homosexualität als Fluchtgrund angeben. Sie bat eindringlich darum, diese Flüchtlinge offen aufzunehmen und ihnen zu glauben, auch wenn sie vom Aussehen oder Auftreten her unseren hiesigen Vorstellungen nicht entsprechen.
Mehr Informationen zum Thema:
- www.lsvd.de
- „Fleeing Homophobia“ von Sabine Jansen und Thomas Spijkerboer, COC Nederland und Vrije Universiteit Amsterdam, September 2011 (vergleichende Studie zur Asylpraxis in der EU, zum kostenlosen Herunterladen in verschiedenen Sprachen)
„Eine wunderschöne Erleichterung“
Foto: einzmedia / pixelio.de
In einem Kalenderblatt erinnern wir an die Veröffentlichung des „EKAF-Statements“ am 30. Januar 2008:
Heute vor vier Jahren erschien in der Schweizerischen Ärztezeitung das Positionspapier „HIV-infizierte Menschen ohne andere STD* sind unter wirksamer antiretroviraler Therapie sexuell nicht infektiös“ der Eidgenössischen Kommission für Aidsfragen (EKAF).
*sexually transmitted disease = sexuell übertragbare Krankheit
Die EKAF wollte damit Menschen mit und ohne HIV Ängste nehmen und ein weitgehend „normales“ Sexleben ermöglichen. Das Papier schlug hohe Wellen: Die einen freuten sich darüber, dass diese entlastenden Informationen endlich öffentlich diskutiert wurden, nachdem sie zuvor nur in persönlichen Beratungsgesprächen Thema waren. Die anderen kritisierten die Datenlage insbesondere mit Blick auf den Sex zwischen Männern als zu dünn und fürchteten, das EKAF-Statement könne als „Freibrief“ für ungeschützten Sex missverstanden werden. Einen guten Überblick über die Diskussion bietet Ulli Würdemann in seinem Blog ondamaris.de.
Das Papier schlug hohe Wellen
Im April 2009 veröffentlichte die DAH dann ihr Positionspapier „HIV-Therapie und Prävention“ und bekräftigte damit die EKAF-Position. Darin heißt es: „Bei sexuellen Kontakten ohne Kondom mit einem/einer HIV-positiven Partner/in ist eine HIV-Übertragung unwahrscheinlich, wenn folgende Voraussetzungen erfüllt sind:
- Die Viruslast des HIV-positiven Partners/der HIV-positiven Partnerin ist seit mindestens sechs Monaten unter der Nachweisgrenze,
- die antiretroviralen Medikamente werden konsequent eingenommen,
- bei den Sexualpartner(inne)n liegen keine Schleimhautdefekte z. B. als Folge sexuell übertragbarer Infektionen vor.
Und wo stehen wir heute? Wissenschaftlich ist die Sache klar: Die im Mai 2011 veröffentlichte Studie „HPTN 052“ des HIV Prevention Trials Network hat zweifelsfrei belegt, dass die Wahrscheinlichkeit einer HIV-Übertragung bei ungeschütztem Sex durch eine erfolgreiche, kontrollierte HIV-Therapie um mindestens 96 Prozent reduziert wird (aidshilfe.de berichtete). Die Therapie schützt damit in etwa genauso effektiv wie Kondome, welche die HIV-Übertragungswahrscheinlichkeit um etwa 95 Prozent verringern. Außerdem liegen inzwischen Daten vor, nach denen sexuell übertragbare Infektionen bei erfolgreicher und kontrollierter HIV-Therapie mit einer Viruslast unter der Nachweisgrenze das HIV-Übertragungsrisiko nicht oder nur minimal erhöhen. Die entscheidenden Faktoren für die Viruslastmethode sind somit die Therapietreue, die Therapiekontrolle und eine Viruslast unter der Nachweisgrenze.
„EKAF“ ist bei vielen noch nicht angekommen
Angekommen in der Realität ist dieses Wissen bei vielen aber noch nicht. Nach wie vor droht Menschen mit HIV eine strafrechtliche Verfolgung, wenn sie ihre Sexpartner nicht über ihre Infektion aufklären. Ein besonders krasser Fall ist der von Nick Rhoades: Er war in Iowa zu 25 Jahren Haft verurteilt worden, weil er seinem Sexpartner bei einem One-Night-Stand nicht von seiner HIV-Infektion erzählt hatte – obwohl seine Viruslast unter der Nachweisgrenze lag (er also nicht ansteckend war) und er zudem noch ein Kondom benutzte. Neun Monate saß er im Hochsicherheitstrakt, bis die Öffentlichkeit auf seinen Fall aufmerksam wurde. Er kam frei, bleibt aber in Iowa als „Sexualstraftäter“ registriert (ein Video, in dem Rhoades seine Geschichte erzählt, findet man auf Youtube).
Es bleibt also viel zu tun – auch bei uns in Deutschland.
Vier Jahre EKAF-Statement – ein guter Anlass , um noch einmal drei Interviews zu veröffentlichen, die im Jahrbuch 2008/2009 der Deutschen AIDS-Hilfe erschienen sind. Holger Wicht hatte zwei schwule Paare und eine Familie dazu befragt, wie sie mit dem Thema HIV und Übertragungsrisiko umgehen. Allen gemein war damals eines: Erleichterung.
Frauen ohne Lobby

Ragazza bietet Frauen einen geschützten Raum zum sicheren Drogenkonsum
Domenica, eine der prominentesten Huren Hamburgs, gehörte einst zu den Mitbegründerinnen von Ragazza. Das Projekt, das sich um Grundbedürfnisse und die Versorgung von Drogen gebrauchenden Prostituierten in der Hansestadt kümmert, feiert nun seinen 20. Geburtstag. Axel Schock sprach mit Gudrun Greb. Die ausgebildete Krankenschwester und Betriebswirtin ist Geschäftsführerin der Beratungsstelle Ragazza im Stadtteil St. Georg.
Es gibt Projekte für Drogen Gebrauchende und Projekte für Straßenprostitution. Hat Ragazza mit dieser Spezialisierung auf Defizite reagiert?
Das hat etwas damit zu tun, dass der Hamburger Stadtteil St. Georg ein klassisches Prostitutionsgebiet ist, und zwar nicht erst seit 20, sondern bereits seit über 150 Jahren. Im Volksmund nannte man das früher den Hamburger Hausfrauenstrich. Zu diesen Frauen, die hier ihr kärgliches Einkommen mit Prostitution aufbesserten, kamen ab den 1970er Jahren Minderjährige und Drogengebraucherinnen. Ihre Einnahmequelle ist die Beschaffungsprostitution. Während man den Hamburger Hausfrauen noch mit einer gewissen Toleranz begegnete, reagierte man auf die Drogenprostitution mit Repressionen. Daher musste man diesen Frauen ein spezielles Angebot machen. Die Alternative wäre gewesen, weiterhin wegzuschauen.
Drogen gebrauchende Prostituierte stehen in der Hierarchie ganz unten
Die bereits bestehenden Projekte konnten diese Aufgabe nicht leisten?
Ein Problem war, dass diese Frauen sich dort nicht immer gut aufgehoben fühlten, weil sie in der Hierarchie, die es bei Drogenkonsumenten und Subsituierten gibt, ganz unten stehen. Eine Frau, die „nur“ dealt, steht auf einer höheren Stufe. Sexarbeiterinnen, die keine illegalisierten Drogen nehmen, glauben wiederum, sie seien etwas Besseres und würden professioneller arbeiten als Frauen, die anschaffen und ihr Geld für Drogen ausgeben.
Ein weiterer Grund war, dass Frauen andere Konsummuster und Konsumbedingungen haben als Männer und auch anders mit sich und ihrem Körper umgehen. Wir kamen daher zu dem Schluss, dass eine spezielle Überlebenshilfe für anschaffende Drogenkonsumentinnen gebraucht wird und wir Bedingungen schaffen müssen, in denen sie sich wohlfühlen und vor Übergriffen durch Männer – auch denen der Staatsmacht – geschützt sind.
Ragazza ging von 20 Jahren an den Start. Wie sah eure Arbeit damals aus?
Der Kern des Projekts war Sozialarbeit vor Ort. Das heißt, die Mitarbeiterinnen gingen durch die Straßen und boten den Frauen Arbeitsmaterialen wie Kondome und Gleitgel an, aber auch ein offenes Ohr und ein gutes Wort. Einmal in der Woche konnten wir sie zu einem Stammtisch in eine Kneipe am Hansaplatz in St. Georg einladen. Sie befindet sich in Bahnhofsnähe, wo sich die Frauen vorwiegend aufhalten. Später hatten wir dann eine eigene Anlaufstelle. Die Frauen mussten nun nicht mehr in der Kneipe herumsitzen, sondern konnten zu uns in einen geschützten Raum kommen.
Welche Nationalitäten haben eure Klientinnen?
Noch immer überwiegen deutsche Frauen. Aber es gibt natürlich Klientinnen aus allen möglichen Ländern, seit einigen Jahren verstärkt aus Osteuropa.

Der Drogenkonsumraum von Ragazza
Das Ragazza hat – einmalig in Europa – einen Druckraum eigens für Frauen. War es eigentlich schwierig, ihn gegenüber den Behörden durchzusetzen?
Konsumräume waren in der Zeit kein großes Thema mehr, weil die Drogenpolitik in Hamburg bereits sehr liberal war und es schon andere Druckräume gab. Vielmehr fragten andere Drogeneinrichtungen, ob Frauen tatsächlich einen eigenen Druckraum benötigen. Das Verständnis dafür war damals bei den Kollegen noch nicht sehr groß.
Hatten sie vielleicht nur Angst um ihr Stück vom Kuchen?
Sicher. Man muss das aber gar nicht so böse oder zynisch sehen. Die Drogeneinrichtungen standen damals von allen Seiten unter Beschuss. Bereits damals wurden dezentrale, auf die Stadt verteilte Konsumräume gefordert. Daher stellte sich die Frage, ob man St. Georg durch einen weiteren Druckraum noch mehr belasten sollte oder die Frauen zum Druckraum des Drop Inn lotsen könnte. Inzwischen hat sich aber der Sach- und Fachverstand durchgesetzt: Die Notwendigkeit eines Druckraums nur für Frauen zweifelt heute niemand mehr an.
Die psychische Verelendung nimmt seit einigen Jahren zu
Wie steht es heute um den Gesundheitszustand eurer Klientinnen?
Der körperliche Zustand der Klientinnen in Hamburg hat sich merklich verbessert. Einerseits gibt es ein umfangreiches Angebot der medizinischen Grundversorgung. Andererseits ist der intravenöse Drogengebrauch zugunsten weniger riskanter Konsumformen zurückgegangen, und daher kommen auch Abszesse, Thrombosen und Embolien nicht mehr so häufig vor. Sicherlich hat auch die Ambulanz, in der Drogenabhängige mit synthetischem Heroin behandelt werden, zur gesundheitlichen Verbesserungen beigetragen.
Allerdings müssen wir seit einigen Jahren eine zunehmende psychische Verelendung der Klientel feststellen. Dafür gibt es leider kein adäquates Hilfsangebot. Gemeinsam mit Psychologen und Psychiatern der niedrigschwelligen Einrichtungen versuchen wir zwar, dem etwas entgegenzusetzen, aber wir kommen hier schnell an unsere Grenzen.
Es gibt immer noch einen großen Bedarf an Information und Aufklärung
Inwieweit sind sexuell übertragbare Infektionen (STIs) ein Thema in eurer Arbeit?
Was Hepatitis, HIV und andere STIs angeht, gibt es immer noch einen großen Bedarf an Information und Aufklärung. Wir merken das besonders bei den Themenwochen, die wir regelmäßig durchführen. Wir suchen uns ein Thema aus, beispielsweise Syphilis oder HIV, und sprechen einen Monat lang unsere Besucherinnen darauf an. Unter anderem motivieren wir sie mit einem kleinen Quiz, ihr Wissen zu überprüfen. Auf diese Weise kommen wir mit den Frauen ins Gespräch und regen sie auch an, sich testen zu lassen.
In welcher Form könnt ihr Tests anbieten?
Wir haben das Glück, dass wir während unserer Öffnungszeiten auf Honorarbasis eine Allgemeinmedizinerin beschäftigen können. Die Ärztin ist zugleich im CASA Blanca tätig, dem „Centrum für AIDS und sexuell übertragbare Krankheiten“ in Altona. Außerdem arbeiten wir noch mit einer Gynäkologin zusammen.
Viele Frauen haben keine Krankenversicherung
Die beiden Ärztinnen machen Abstriche, Blutentnahmen und andere Untersuchungen und stellen auch Blickdiagnosen. Wenn die Ergebnisse vorliegen, können die Klientinnen diese mit den Sozialarbeiterinnen, Psychologinnen oder Ärztinnen besprechen. Dann allerdings beginnt oft das Problem: Viele Frauen haben nämlich keine Krankenversicherung.

Für sicheres Anschaffen: Grundausstattung in der Straßensozialarbeit
Eine Behandlung ist also nicht möglich, weil es keine Versichertenkarte gibt.
Wir selbst könnten auch gar nicht mit der Kasse abrechnen. Wir sind nur für die Grundversorgung da und können die Frauen danach nur weitervermitteln. Ohne Krankenversicherung ist das meist sehr schwierig.
Das heißt, ihr müsst die Frauen ins Ungewisse schicken…
Ja. Wir versuchen dann über Spenden und andere Kanäle, eine Behandlung zu ermöglichen. Das eine oder andere Mal gelingt das auch. Doch wir haben keine verlässlichen Wege und können leider nicht gewährleisten, dass diese Frauen tatsächlich die notwendige Behandlung bekommen.
Könnt ihr in solchen Fälle auf ein finanzielles Polster zurückgreifen?
Wir bekommen relativ häufig getragene Kleidung und andere Sachspenden, Geld aber in der Regel nicht. Die Bereitschaft, für unsere Klientel zu spenden, ist gleich null. Daher sind wir auch ganz glücklich, dass ein amerikanischer Kosmetikkonzern einen Fonds aufgelegt hat.
Die Bereitschaft, für Drogen gebrauchende Prostituierte zu spenden, ist gleich null
Du spricht vom MacAids-Fonds des Kosmetikherstellers Estée Lauder.
Ja. Dort wurde uns im vergangenen Juni ein Kleinbus bewilligt. Damit können wir nun ein Jahr lang auf der Straße HIV- und Aids-Beratung anbieten.
Wie sieht diese Beratungsarbeit konkret aus?
Wir fahren mit dem Mobil an die Standorte unserer Klientel, gehen durch die Straßen und laden die Frauen zu uns auf einen Kaffee ein. Hier können sie sich dann eine Pause gönnen, sich vielleicht ein bisschen aufwärmen und das eine oder andere besprechen. Wir besuchen mit dem Mobil aber auch Modellwohnungen, wo wir den dort tätigen Frauen das Gleiche direkt am Arbeitsplatz anbieten.
Woher wisst ihr, wo diese Modellwohnungen sind?
Wir werten die Adressen im Internet oder in den Anzeigen der Tageszeitungen aus und fahren dann zu den Wohnungen. Sie befinden sich meist in anonymen Wohnblocks und sind über die ganze Stadt verstreut.
Die Frauen können mit kaum jemandem offen über ihre Arbeit sprechen
Fühlen sich manche nicht bei ihrer Arbeit gestört und belästigt, wenn ihr plötzlich in der Tür steht?
Das ist ganz unterschiedlich. Zum Teil hat sich schon herumgesprochen, das wir mit unserem Mobil unterwegs sind. Wenn die Frauen Kundschaft haben, lassen sie uns gar nicht erst rein. Aber manchmal erwartet man uns schon. Wir werden auch weiterempfohlen und weitervermittelt. Leider ist es immer noch so, dass die Frauen mit kaum jemandem offen über ihren Job reden können. Sie können in der Regel nicht zum Arzt gehen und offen sagen, dass sie als Prostituierte arbeiten. Daher nutzen sie unsere Gesprächsangebote, weil sie hier ungehemmt Fragen stellen können.
Gibt es Dinge, die euch bei diesen Gesprächen immer noch überraschen?
Erstaunlich ist, wie wenig Erfahrung viele Frauen in punkto Sexualität tatsächlich haben und wie rudimentär ihr Wissen zum Beispiel über Schwangerschaft oder die Übertragungswege von HIV und anderen STIs ist. Wir haben auch festgestellt, dass ihr Wissen immer wieder aufgefrischt werden muss, weil es im Arbeitsalltag einfach verloren geht. Außerdem überrascht uns immer wieder, dass Frauen zwar den festen Vorsatz haben, sich zu schützen, sich dann aber doch dem Wunsch des Kunden nach ungeschütztem Sex beugen, wofür er in der Regel auch mehr bezahlt.
Ragazza e.V. feiert seinen 20. Geburtstag offiziell am 2. Februar mit einem Tag der offenen Tür.
Ragazza, Brennerstraße 19, 20099 Hamburg, Telefon 040-24 46 31. Internetseite: www.ragazza-hamburg.de
Vorbild Schweiz? Gesundheitszentren für schwule Männer

Der Checkpoint bietet in umfassendes Gesundheitsangebot für schwule Männer
Unter dem Eindruck steigender Fallzahlen bei sexuell übertragbaren Infektionen, insbesondere unter schwulen Männern, wird in Deutschland verstärkt die Einrichtung zielgruppenorientierter Gesundheitseinrichtungen diskutiert. Mit solch niedrigschwelligen Anlaufstellen sollen vor allem auch jene Männer erreicht werden, die sich beispielsweise mit ihren speziellen sexuellen Problemen und Fragen nicht gegenüber ihrem Hausarzt outen möchten.
In der Schweiz sind Zentren, die sich mit einem umfassenden Behandlungs-, Beratungs- und Testangebot an schwule Männer wenden, bereits Realität. 2006 wurde mit dem Checkpoint Zürich das erste Schweizer Gesundheitszentrum für homosexuelle Männer und Sexarbeiter eröffnet. Axel Schock hat sich mit Andreas Lehner, dem stellvertretenden Leiter des Checkpoint Zürich, über das Projekt unterhalten.
Das Checkpoint-Konzept scheint sich bewährt zu haben. Nach Zürich und Genf sollen nun auch Basel, Bern und Lausanne ein solches Gesundheitszentrum erhalten. Wer hat dazu ursprünglich die Idee geliefert bzw. das Projekt angestoßen?
Andreas Lehner: Das kommt ganz darauf an, wen man fragt. Fragt man beim Bundesamt für Gesundheit, haben sie es erfunden, fragt man die Zürcher Aids-Hilfe, dann stammt die Idee von ihr. Das eigentlich Entscheidende aber ist: Dies ist eine Initiative von schwulen Männern für schwule Männer.
Weg vom reinen HIV-Testcenter hin zum schwulen Gesundheitszentrum
Das Bundesamt hat die Checkpoint-Idee also von Anfang an unterstützt?
Man hat ganz einfach anhand der epidemiologischen Daten gesehen, dass Schwule eine Zielgruppe sind. Und wenn man die Kosten im Gesundheitsbereich speziell bei HIV senken möchte, dann muss man bei den schwulen Männern ansetzen. Hinzu kommt, dass, wie wir aus Erhebungen wissen, auch der allgemeine Gesundheitszustand von schwulen Männern deutlich schlechter ist als derjenige der Allgemeinbevölkerung.
Eine gute Idee zu haben ist das eine, sie finanziert zu bekommen das andere.
Wir werden direkt vom Bundesamt für Gesundheit finanziert, bekommen aber auch Geld von der Stadt und vom Kanton Zürich, allerdings für unterschiedliche Aufgaben.

Andreas Lehner gehört zu den Mitbegründern des Zürcher Checkpoint
Wie breit ist euer Angebot angelegt?
Inzwischen decken wir sehr viel ab. Angefangen haben wir mit HIV-Tests, dann kamen Beratung und Tests zu anderen sexuell übertragbaren Infektionen (STIs) dazu. Mittlerweile haben wir im Team auch Ärzte, die beispielsweise Abstriche oder Blutkontrollen bei HIV-Positiven durchführen können. Sie behandeln aber auch mal einen Husten, wenn ein Klient keinen Hausarzt hat. Neu ist ein Psychologe, und auch in diesem Jahr werden wir wieder das Angebot erweitern – je nach den Bedürfnissen der schwulen Community. Wir kommen immer mehr weg vom reinen HIV-Testcenter hin zum schwulen Gesundheitszentrum.
Müssen die Patienten für diese allgemeinmedzinischen ärztlichen Leistungen eigentlich ihre Versichertenkarte vorlegen, damit sie über die Krankenkassen abgerechnet werden können?
Natürlich können Leute bei uns über Krankenkasse abrechnen. Man kann bei uns all diese Behandlungen anonym in Anspruch nehmen.Das heißt, die staatlichen und städtischen Träger zahlen damit Leistungen, die eigentlich die Krankenkasse zahlen müsste?
Da wir auch Präventionsaufgaben wahrnehmen, können wir prinzipiell nicht kostendeckend arbeiten. Der Zürcher Checkpoint hat zehn Beschäftigte, hinzu kommen die Ärzte und Psychologen. Dies alles kann man nur finanzieren, wenn auch Förderung fließt. Krankenkassenzulässige Leistungen werden entweder von der Krankenkasse oder bei Anonymen in Bargeld bezahlt. Wir beanspruchen öffentliche Gelder nur für Male Sex Worker ohne Krankenkasse.
Die Klienten kommen aus allen Kantonen, einige sogar aus Deutschland angereist
Wie viele Klienten kommen zu euch?
Wir testen sehr viele Leute auf HIV und STIs. Wir führen im Jahr etwa 2000 HIV-Tests durch. Desweiteren behandeln und betreuen wir aber nicht nur HIV-Positive, sondern auch schwule Männer mit anderen gesundheitlichen Problemen. Viele Menschen suchen uns auch wegen psychischer Probleme auf. Pro Tag habe wir zwischen 20 und 50 Klienten. Wir werden die Öffnungszeiten voraussichtlich Mitte diesen Jahres auf fünf sechs die Woche erweitern.
Ihr habt auch sonntags bis 20 Uhr geöffnet.
Die Sonntagsöffnung ist vor allem für die PEP (HIV-Post-Expositions-Prophylaxe) gedacht, weil die potenziellen Infektionsfälle natürlich verstärkt freitags und samstags passieren.
Die Checkpoints sind in erster Linie ein Projekt von Schwulen für Schwule
Wie oft kommt es vor, dass Männer sich nach einem möglichen HIV-Infektionsrisiko an euch wenden?
Die Leute sind inzwischen gut darüber informiert, dass es eine PEP gibt. Wir haben sicherlich jede Woche zwei bis drei Fälle.

Der Zürcher Checkpoint hat sich bewusst in Bahnhofsnsähe niedergelassen (Foto:Wikiwaner)
Welche Überlegungen denn die Checkpoint-Begründer angestellt, um den idealen Ort für den Checkpoint zu finden? Waren beispielsweise die Nähe zur schwulen Szene oder ein diskreter Zugang ausschlaggebend?
Ich denke, wir haben eine kluge Mischung gefunden. Wir liegen direkt am Bahnhof. Viele reisen eigens aus anderen Kantonen an, um uns aufzusuchen. Übrigens gibt es auch sehr viele Deutsche, die drei, vier Stunden Zugreise auf sich nehmen, um sich bei uns anonym beraten und behandeln zu lassen. Der Zürcher Bahnhof liegt zudem recht nahe an der Szene, aber eben auch nicht mittendrin.
In Deutschland wird die Idee der Checkpoints für schwule Männer noch kritisch diskutiert. In der Debatte geht es vor allem um eine Öffnung des Angebots für Zielgruppen wie Migranten oder Drogengebraucher, die sich unter Umständen in einer weitaus schwierigeren Situation befinden als der krankenkassenversicherte schwule Mann. Kennt ihr ähnliche Diskussionen?
Natürlich, allerdings haben wir in der Schweiz grundsätzlich die Möglichkeit, „Sans-papiers“, Menschen ohne Aufenthaltsbewilligung, auch ohne Krankenkasse gratis zu behandeln. Die Checkpoints sind allerdings in erster Linie ein Projekt von Schwulen für Schwule. Darüber hinaus mehr zu leisten übersteigt unsere Möglichkeiten. Daher wäre es sinnvoller, wenn beispielsweise Migranten oder ihnen nahestehende Organisationen die Sache in die Hand nähmen und ein gezielt zugeschnittenes Projekt dieser Art installierten. Das ist ja grundsätzlich möglich.
Wie wird der Checkpoint unter den Schwulen wahrgenommen? Scheut man sich vielleicht, dort hinzugehen, weil man gesehen und in der Szene für HIV-positiv gehalten werden könnte?
Wir werden nicht allein als HIV-Projekt wahrgenommen, sondern als ein Projekt für die schwule Gesundheit. Außerdem kommen nicht nur schwule Männer zu uns, sondern auch heterosexuelle und Frauen. Wer generell Berührungsängste mit uns hat, kommt nicht zu uns, sondern geht woanders hin.

Auch Infoabende gehören zum Angebot des Gesundheitszentrums
Das heißt, wenn zu euch eine Heterofrau kommt, wird sie nicht abgewiesen und hat den gleichen Anspruch auf die Behandlung?
Grundsätzlich ja. Wenn wir ein überfülltes Wartezimmer haben, behalten wir uns allerdings vor, Heterosexelle abzuweisen, und bitten sie, zu einem anderen Zeitpunkt wiederzukommen.
Man kommt zu euch also in der Regel ohne Termin?
Bei längerfristigen ärztlichen Behandlungen werden die Patienten neuerdings mit Termin einbestellt, denn sie wollen nicht jedes Mal auf ihre Beratung oder Behandlung warten müssen.
In Deutschland wie in der Schweiz hat sich eine Ärztelandschaft entwickelt, die sich speziell an schwule Patienten richtet, darunter sind nicht zuletzt auch viele HIV-Schwerpunktpraxen. Erleben diese die Checkpoints nicht als starke Konkurrenz?
Das ist definitiv so. Allerdings gibt es auch sehr viele falsche Vorstellungen darüber, was wir im Checkpoint eigentlich tun. Die Legende, dass es bei uns alles gratis gäbe, macht einem Zürcher Allgemeinmediziner natürlich Angst. Bei uns arbeiten allerdings auch sehr viele Nicht-Ärzte; Menschen, die aus der konzeptionellen Prävention oder aus der Beratung kommen. Wir mussten den niedergelassenen Arztkollegen auch klar machen: „Zu uns kommen Leute, die eben gerade nicht zu euch gehen möchten“. Wir nehmen denen nicht wirklich Klienten weg, aber diese Angst besteht verständlicherweise.
Wenn ihr bei einem Klienten beispielsweise einen Tripper, eine organische Erkrankung oder Bluthochdruck diagnostiziert: Werden diese Patienten dann bei euch auch therapiert, oder verweist ihr sie an Fachärzte weiter?
Das kommt darauf an. Bei Syphilis, Hepatitis C oder Chlamydien beispielsweise können wir selbst Therapien anbieten. Sobald aber große Apparatemedizin notwendig ist, verweisen wir an Fachärzte in unserem Netzwerk.
Wie sieht eure Vor-Ort-Arbeit aus?
Eine ganz wichtige Sache ist für uns „Checkpoint mobil“. Wir gehen direkt in die Bars, Discos und Darkrooms und bieten dort HIV- und Syphilis-Tests an. Im Gegensatz zu Deutschland ist dies bei uns recht kostengünstig zu machen, da für die Diagnosestellung keine Ärzteaufsicht vor Ort vorschrieben ist. Wir machen dabei allerdings keine HIV-Schnelltests. Wir wollen nicht, dass die Situation entsteht, sagen zu müssen: „Du bist HIV-positiv, aber tanz erst einmal weiter und komm morgen zu uns zur Beratung.“ Eine Bar ist kein ideales Setting für solche Gespräche, und die Leute sind auf solche Test-Ergebnisse auch nicht vorbereitet. Deshalb müssen sie sich diese bei uns im Checkpoint abholen. Über 90 Prozent kommen tatsächlich auch vorbei. Syphilis-Testergebnisse erfahren sie hingegen sofort vor Ort.
Wir haben inzwischen ein gutes STI-Monitoring. Wir erkennen sofort, wer gerade von einem Kurztrip aus Berlin kommt.
Wie notwendig erachtet ihr die Tests auf STIs?
Die Netzwerke unter den schwulen Männern sind gerade in der Schweiz sehr klein. Wenn einer mit einer frischen Syphilis in die Szene geht, breitet sich das rasch aus. Deshalb entstehen immer wieder entsprechende Wellen.
Wir haben inzwischen ein gutes Monitoring, was die STIs angeht. Wir erkennen sofort, wer gerade von einem Kurztrip aus Berlin oder London zurückgekommen ist. Das ist auch leicht erklärbar. In Berlin beispielsweise ergeben sich andere Möglichkeiten, und die Leute fühlen sich freier, bestimmte Dinge zu tun. Damit wachsen auch die Möglichkeiten, dass man sich etwas holt. Tendenziell ist festzustellen, dass gerade Chlaymydien-Infektionen sehr stark zunehmen. Grundsätzlich haben unsere Erfahrungen gezeigt, dass die Entscheidung richtig war, den Fokus in unserer Arbeit verstärkt auf sexuell übertragbare Infektionen zu legen.
Internetauftritt des Checkpoint Zürich
„Die allermeisten Männer wollen sich auch auf andere STIs testen lassen“

Kai Eckstein (Foto: Hein & Fiete)
„Hein & Fiete“ ist ein HIV-Präventionsprojekt für schwule und bisexuelle Männer mit einem Infoladen im Hamburger Stadtviertel St. Georg, nur fünf Minuten vom Hauptbahnhof entfernt. Im Infoladen kann man sich auch testen lassen, neben HIV auch auf andere sexuell übertragbare Infektionen (STIs). Christine Höpfner befragte dazu Kai Eckstein, den Infoladen-Koordinator und Präventionsberater von Hein & Fiete.
Kai, seit wann gibt es euer Testangebot schon, und wie sieht es genau aus?
HIV- und STI-Tests bietet Hein & Fiete schon seit 2004 an, zusammen mit CASA blanca, einer Beratungsstelle der Hansestadt Hamburg im Stadtteil Altona. Angefangen haben wir mit Tests auf HIV, Syphilis und Hepatitis A, B und C, seit Mai 2011 sind bei uns auch Untersuchungen auf Tripper und Chlamydien möglich. Beraten und testen lassen kann man sich jeden Dienstag und Donnerstag von 16 bis 18 Uhr. Das Angebot ist kostenlos, anonym, und man muss sich vorher auch nicht anmelden.
Der Infoladen liegt mitten in der Szene
Was HIV angeht, bieten wir sämtliche Testverfahren an, üblicherweise den „Combo-ELISA“ als Suchtest plus „Immunoblot“ als Bestätigungstest, wahlweise aber auch den Schnelltest und den PCR-Test zum direkten Virusnachweis. Auch hier liegt das Ergebnis schon nach zwei Tagen vor, man muss also nicht mehr wie früher eine ganze Woche darauf warten. Einen Schnelltest setzen wir z. B. dann ein, wenn die Testberatung ergibt, dass der Nutzer ein hohes Risiko hatte und nicht in der Lage ist, zwei Tage auf sein Ergebnis zu warten.
Was hat Hein & Fiete bewogen, Tests anzubieten? Eigentlich ist das doch eine Aufgabe des öffentlichen Gesundheitsdienstes …
Worüber wir hier sprechen, ist ja ein Angebot von CASA blanca, also eines öffentlichen Gesundheitsdienstes – nur eben in den Räumen von Hein & Fiete. Und das hat klare Vorteile: Unser Projekt ist fest in der Schwulenszene verankert und kann die Männer daher besser erreichen als eine Behörde. Der Infoladen liegt inmitten der Hamburger Schwulenszene, und wir haben viele schwule Ehrenamtliche, die im Infoladen mitarbeiten und mit unserem Vor-Ort-Team auch in den verschiedenen Szenen unterwegs sind. Schwule und bisexuelle Männer erreichen wir ebenso über Schwulenmagazine, das Internet und soziale Netzwerke wie Facebook. Überall dort ist Hein & Fiete auch mit eigenen Kampagnen präsent, die auf das Thema „HIV- und STI-Test“ fokussieren. Und dann sind wir ja auch noch in die bundesweite DAH-Kampagne ICH WEISS WAS ICH TU eingebunden und haben bei deren Testwochen mitgemacht.
Trotzdem habt ihr einen Kooperationspartner…
Die Präventionsberatung kommt gut an
Den brauchen wir, weil bei Hein & Fiete kein Arzt mitarbeitet. Wo immer HIV- und STI-Tests angeboten werden, muss dafür ein Arzt oder eine Ärztin im Haus sein. Die Kooperation mit einer Gesundheitsbehörde hat dabei den Vorteil, dass das Testangebot für die Nutzer kostenlos ist. In unserem Fall ist für die Blutentnahme und die medizinische Beratung eine Ärztin von CASA blanca zuständig, während ich und zwei weitere schwule Kollegen die Präventionsberatung durchführen. Das Testergebnis wird dann von der Ärztin und mir mitgeteilt.
Wie etliche andere Präventionsprojekte hat auch Hein & Fiete an den 2011 veröffentlichten Standards der DAH für HIV- und STI-Tests mitgewirkt. Hat sich dadurch für euch etwas geändert?
Nein, denn was wir hier gemeinsam als Standard formuliert haben, ist für Hein & Fiete nichts Neues, weil wir seit jeher großen Wert auf ein qualitativ hochwertiges Angebot legen. Besonders wichtig ist für uns dabei die Einbettung des HIV-Tests in eine Beratung, die auch andere STIs einbezieht und das individuelle Risiko- und Schutzverhalten zum Thema macht. Diese „Präventionsberatung“ kommt gut an – manche Männer kommen genau deswegen zu Hein & Fiete.
Wie geht ihr bei der Präventionsberatung vor?
Wer bei uns einen HIV-Test machen möchte, wird erst einmal gebeten, einen Fragebogen als Grundlage für das anschließende Beratungsgespräch auszufüllen. Hier geht es darum, mit dem Nutzer zu einer Einschätzung seines persönlichen Risikos zu kommen und gemeinsam zu überlegen, wie er sich schützen kann. Besprochen wird dabei auch, ob für ihn – neben den üblichen Schutzmaßnahmen wie z. B. Kondomgebrauch – noch andere Strategien der Risikominimierung in Betracht kommen. Da wir weder zum Test raten noch davon abraten, kann es durchaus sein, dass der Interessent am Ende des Gesprächs zu dem Schluss kommt, dass er sich nicht testen lässt.
Beratung bietet ihr auch nach dem Test an…
Ein Auffanggespräch kann sehr hilfreich sein
Sicher, bei der Mitteilung des Testergebnisses. Bei einem negativen Ergebnis besprechen wir mit dem Getesteten, was dieser Befund für ihn und sein künftiges Safer-Sex-Verhalten bedeutet. Lautet die Diagnose „HIV-positiv“, kann der Betroffene natürlich erst mal alle seine Fragen loswerden. Zwar ist die Information, dass heute auch mit HIV ein langes und relativ gesundes Leben möglich ist, in unserer Zielgruppe weitgehend angekommen. Zu erfahren, dass man selbst betroffen ist, löst aber trotzdem Ängste aus – kaum jemand kann das einfach wegstecken. Für die meisten ist die Diagnose mit Ungewissheit und der bangen Frage verbunden, was jetzt passieren wird. Das „Auffanggespräch“ mit der Ärztin und uns Beratern kann hier sehr hilfreich sein. Zugleich bieten wir den Betroffenen an, sie an Einrichtungen wie die AIDS-Hilfe Hamburg, die Aidsseelsorge oder eine andere psychosoziale Beratungsstelle zu vermitteln. Und falls sie dies wünschen, sagen wir ihnen auch, wo sie HIV-Schwerpunktärzte finden.
Wie sieht es mit der Nutzung des Testangebots bei Hein & Fiete aus?
2010 haben wir 1.344 Präventionsberatungen – einschließlich der Beratung bei Befundmitteilung – und 638 HIV-Tests durchgeführt, von denen 30 positiv ausfielen. Außerdem haben wir acht akute Syphilis-Infektionen diagnostiziert. Die Nutzerzahlen sind inzwischen noch weiter gestiegen, was einerseits auf unsere Werbung, andererseits auf die Erweiterung des STI-Testangebots zurückzuführen ist. Von Mai bis Juli 2011 erfolgten bei Hein & Fiete 135 Rektal- und 160 Rachenabstriche; dabei wurden zehn akute Tripper- und zehn akute Chlamydien-Infektionen diagnostiziert. Insgesamt stellen wir fest, dass die allermeisten Männer sich nicht nur auf HIV, sondern auch auf andere STIs testen lassen wollen.
Und welche Männer nutzen das Testangebot?
Über 90 Prozent aller Getesteten sind schwule und bisexuelle Männer aus ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen und Schichten. Unser Angebot ist offensichtlich auch für solche Männer attraktiv, die sich in ihrem sozialen Umfeld nicht so ohne Weiteres als schwul outen können. Zu den Nutzern gehören immer öfter auch Männer mit Migrationshintergrund, was auf etwa ein Fünftel zutrifft. Sie stammen vor allem aus arabischen und englischsprachigen Ländern. Hin und wieder kommen auch Touristen, wobei es sich aber meist um Männer aus dem Hamburger Umland handeln dürfte. Woher sie genau kommen, wissen wir nicht, das fragen wir ja auch nicht ab.
Habt ihr vor, den Test auch direkt in den Szenen anzubieten?
Hein & Fiete ist ja selbst ein Szenetreffpunkt und wird so gut genutzt, dass wir mit dem Angebot nicht noch an weiteren Orten präsent sein müssen. Außerdem testen wir auf verschiedene STIs, und das lässt sich nicht so ohne Weiteres in jeder Umgebung machen. Aber weil STIs in der HIV-Prävention eine immer wichtigere Rolle spielen – manche von ihnen erhöhen das Übertragungsrisiko, und für HIV-Positive gibt es besondere Behandlungsempfehlungen –, könnten wir uns vorstellen, dass wir das Testangebot auf weitere STIs wie z. B. Feigwarzen ausdehnen und dann vielleicht sogar jeden Tag Tests ermöglichen.
Wie Beratung bei Hein & Fiete aussieht, zeigt dieses Video: http://www.youtube.com/user/HeinFieteTV
Sexuell übertragbare Infektionen in Deutschland

Plakatmotiv der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung
Während die Zahl neuer HIV-Infektionen in Deutschland bereits im zweiten Jahr rückläufig ist, nehmen einige sexuell übertragbare Infektionen (STIs) zu.
Einige Fakten zu STIs in Deutschland
Sexuell übertragbare Infektionen, umgangssprachlich auch Geschlechtskrankheiten genannt, werden unter anderem durch Bakterien (Chlamydien, Syphilis/Lues und Gonorrhoe/Tripper), Viren (HIV-Infektion, Herpes genitalis, Feigwarzen und Hepatitis B), Pilze (Candida albicans), Protozoen (Trichomonas vaginalis) und Arthropoden (Filzläuse, Krätzmilben) ausgelöst.
STIs sind für HIV-Positive von besonderer Bedeutung
Mit STIs Infizierte haben ein deutlich erhöhtes Risiko, sich zusätzlich mit HIV zu infizieren. HIV wird beispielsweise leichter übertragen, wenn bei den Genitalschleimhäuten entzündliche Veränderungen vorliegen. Umgekehrt tragen HIV-Infizierte ein erhöhtes Risiko, sich mit anderen STIs anzustecken. Einige STIs verlaufen bei Menschen mit HIV außerdem schwerer und sind schlechter behandelbar; das ist besonders bei Herpes, Infektionen mit humanem Papilloma-Virus und bei Syphilis der Fall. Häufig muss bei der STI-Behandlung die HIV-Therapie darauf abgestimmt werden.
STIs in Zahlen
Zu den meisten Geschlechtskrankheiten liegen keine verlässlichen Zahlen vor. Sicher ist, dass Hepatitis-B-Infektionen rückläufig sind, seit 1995 die Hepatitis-B-Impfung bei Kindern und Jugendlichen eingeführt wurde.
Zu den häufigsten STIs in Deutschland zählen Chlamydien-Infektionen. In Einzelstudien wurden bei 20- bis 24-jährigen Frauen Prävalenzraten von bis zu 10 % ermittelt. Schätzungen zufolge bleiben beispielsweise mehr als 100.000 Frauen in Deutschland durch unbehandelte Chlamydien-Infektionen ungewollt kinderlos.
Chlamydien-Infektionen sind auch ein besonderes Problem bei Schwulen und anderen Männern, die Sex mit Männern haben, was jedoch erst vor einigen Jahren erkannt wurde. Eine Studie des Robert Koch-Instituts (RKI) in dieser Gruppe ergab, dass knapp 12 % der Untersuchten mit Chlamydien und/oder Gonokokken infiziert waren.
Im Gegensatz zu den anderen STIs werden Syphilis-Fälle bereits seit Jahrzehnten systematisch erfasst. Die Zahl der gemeldeten Fälle ist seit den 1970er Jahren – nicht zuletzt unter dem Eindruck von Aids – von über 9.000 zur Jahrtausendwende auf unter 2.000 gesunken. Seither ist die Zahl, besonders unter Männern, allerdings wieder sehr deutlich angestiegen. Jährlich werden rund 3.000 Syphilis-Erkrankungen registriert. „Damit ist die Zahl der Betroffenen inzwischen ähnlich hoch wie vor dem Bekanntwerden von Aids”, sagt Dr. Ulrich Marcus vom RKI.
Testempfehlungen
Die meisten STIs lassen sich, sofern rechtzeitig erkannt, gut behandeln. Daher ist es wichtig, die Symptome zu kennen. Wer Sex mit wechselnden Partnern hat, sollte sich auch ohne akute Beschwerden einmal im Jahr auf STIs untersuchen lassen.
Das Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg empfiehlt beispielsweise folgende Testungen:
Schwule und andere Männer, die Sex mit Männern haben: HIV, Syphilis, Gonorrhö, Chlamydien, Hepatitis B. Männer, die mit mehr als zwei Männern im Monat Sex haben, sollten sich vierteljährlich durchchecken lassen. Männer mit weniger Partnern wird eine halbjährliche oder jährliche Untersuchung angeraten.
Prostituierte: HIV, Syphilis, Gonorrhö, Chlamydien, Hepatitis B, Trichomoniasis. Frauen wird außerdem eine Untersuchung auf bakterielle Vaginose empfohlen.
Drogengebraucher: HIV, Syphilis, Hepatitis B und C
Personen aus der übrigen Bevölkerung
- mit häufig wechselnden heterosexuellen Kontakten: Gonorrhö, Chlamydien, Hepatitis B und ggf. HIV
- mit sexuellen Kontakten zu Menschen aus Hochprävalenzländern und aus Osteuropa: Gonorrhö, Chlamydien, Hepatitis B und. HIV
- mit sexuellen Kontakten zu Prostituierten: Gonorrhö, Chlamydien, Hepatitis B und HIV
Mädchen und Frauen bis 25 Jahren: Chlamydien
Menschen aus Hochprävalenzländern und aus Osteuropa: Syphilis, Gonorrhö, Chlamydien, Hepatitis A, B und C sowie HIV.
(sho)
Weiterführende Links:
Grundlegende Informationen zu den wichtigsten sexuell übertragbaren Infektionen auf aidshilfe.de
DAH-Broschüre „Sexuell übertragbare Krankheiten“ (pdf-Download)
Neue russische Verhältnisse

Protest in St. Petersburg gegen die anti-homosexuellen Gesetze (Foto: NGO VIKHOD)
In Russland droht Homosexuellen und der HIV-Prävention eine Zeitenwende. Mit neuen antihomosexuellen Gesetzen soll das öffentliche Leben von Schwulen und Lesben radikal beschnitten werden. Die Aids-Organisationen, die sich speziell um die Aufklärung von Homosexuellen bemühen, stehen vor dem Aus. Sergiu Grimalschi, DAH-Referent für Internationales, erläutert im Gespräch mit Axel Schock die politischen Hintergründe und die Folgen.
Die russischen Regionen Rjasan und Archangelsk haben bereits Gesetze verabschiedet, die „öffentliche Aktivitäten“ unter hohe Strafen stellen, die im Beisein von Jugendlichen „Sodomie, Lesbianismus, Bisexualismus, Transsexualität und Pädophilie“ positiv darstellen. St. Petersburg, Kostroma und Moskau wollen nun mit vergleichbaren Verboten der „Schwulenpropaganda“ nachziehen. Welche Folgen werden diese Gesetze haben?
Alles, was sich an die Öffentlichkeit wendet, seien es Medienberichte, Veranstaltungen, Aufklärungs- und Beratungsangebote, wird dadurch eingedämmt werden. Viele Organisationen wie auch die Massenmedien werden sich selbst zensieren, um kein Risiko einzugehen und sich vor einer Verurteilung zu schützen. Ich kann mir zum Beispiel schwer vorstellen, dass das lesbisch-schwule Filmfestival in St. Petersburg in seiner bisherigen Form auch künftig wird stattfinden können.
Wenn, wie zu erwarten ist, auch die Schwulenmetropolen St. Petersburg und Moskau die antihomosexuellen Gesetze verabschieden, wird ein Sechstel der schwulen Männer in Russland unter diesen Repressionen leben. Bedeutet dies, das sich das öffentliche Leben der Schwulen und Lesben in Russland 2012 maßgeblich verändern wird?
Ein freies homosexuelles Leben wird in Russland kaum mehr möglich sein
Ich befürchte dies und hoffe zugleich, dass in der Auslegung der Gesetze dennoch Raum für homosexuelles Leben bleibt. Sicherlich werden sich Formen entwickeln, wie man dieses Gesetz umgehen kann. Außerdem wird es Abmachungen zwischen vielleicht moderateren Organisationen und lokalen Autoritäten geben. Eine solche Zusammenarbeit gab bisher beispielsweise zwischen homosexuellen Menschenrechtsorganisationen und St. Petersburger Behörden, insbesondere im Kulturbereich.

Gay Pride-Demonstrationen könnten als "Homosexuellenpropaganda" mit Geldstrafe geahndet werden.
Kommen diese Gesetzesinitiativen von ganz oben oder eher von der regionalen Ebene, wo sie auch verabschiedet werden?
Sie kommen ganz eindeutig aus der regionalen Politik. Damit möchten Lokalpolitiker Ansehen bei der breiten Bevölkerung gewinnen. Letztlich sind diese Gesetzesinitiativen vom Mob diktiert. Über Putin und seine Regierung kann man sehr viel Schlechtes sagen, aber ich glaube nicht, dass von dort entsprechende Anweisungen kamen, anders als beispielsweise in der Drogenpolitik.
Homosexualität wird bewusst mit Pädophilie gleichgesetzt
Das heißt, diese antihomosexuellen Gesetze werden auch von einer Mehrheit der russischen Gesellschaft getragen?
Die russische Gesellschaft ist hinsichtlich Homosexualität eigentlich viel toleranter als viele andere südsosteuropäische Staaten wie etwa Serbien, die Türkei oder Bulgarien. Die Mehrheit der Bevölkerung möchte allerdings, dass auf gesellschaftliche Randgruppen pädagogisch mit repressiven Maßnahmen eingewirkt wird. Davon sind Drogengebraucher wie Homosexuelle gleichermaßen betroffen.
Dabei spielt der Schutz der Familie und der Jugend eine besondere Rolle. Dies sind Denkweisen, die aus den Tiefen der russischen Geschichte stammen, als man beispielsweise ungeliebte Randgruppen unterdrückte, um „die Errungenschaften des Sozialismus“ zu schützen. Das erklärt, warum in der Ausformulierung der Gesetze der Schutz der Jugend besonders betont und Homosexualität widersinnig mit Pädophilie gleichgesetzt wurde.

Protest in St. Petersburg. (Foto : RIA)
Das heißt, ein großer Teil der Gesellschaft glaubt, die Familie und den Staat vor dem negativen Einfluss der Homosexuellen schützen zu müssen?
Ja, sehr viele Russen sind der Ansicht, dass vermeintlich schlechtes Verhalten nachgeahmt wird. Nur wenige, selbst innerhalb des Schulsystems, setzen darauf, dass jeder Mensch durch Reflexion in der Lage ist, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden.
Die Prävention bei schwulen und bisexuellen Männern wurde in Russland bisher maßgeblich durch Mittel aus dem Global Fund finanziert. Diese Förderung endete mit dem neuen Jahr. Was bedeutet dies für die Arbeit der HIV-Projekte?
Was die medizinische Versorgung angeht, sieht sich der russische Staat in der Verantwortung. Für die Prävention allerdings, gerade bei schwulen und bisexuellen Männern, gibt es so gut wie keine finanzielle Unterstützung mehr. Derzeit ist nur eine einzige Organisation von HIV-Positiven vom Staat für die landesweite Prävention beauftragt. Dort wird gute Arbeit geleistet, aber sie verfügen bei Weitem nicht über die tatsächlich notwendigen Kapazitäten.
Viele andere Projekte befinden sich heute in einer dramatischen Situation. Der Organisation LaSky beispielsweise, mit der wir zusammenarbeiten und die in zehn Regionen Russlands ein HIV-Präventionsnetzwerk aufgebaut hat, wurde die Förderung ersatzlos gestrichen. Allein ehrenamtlich ist diese Arbeit aber nicht zu stemmen, schon deshalb nicht, weil man dafür beispielsweise Streetwork-Materialien wie Broschüren oder Kondome braucht. Viele der Projekte liegen folglich auf Eis.
Viele HIV-Präventionsprojekte sind auf Eis gelegt
Steht das Aus dieser Förderungen im Zusammenhang mit den antihomosexuellen Gesetzesinitiativen?
Dies ist unabhängig davon geschehen, auch wenn tragischerweise zur gleichen Zeit. Der Global Fund hat seine Finanzierung eingestellt, weil es hier und da Korruption gab, vor allem aber, weil die Mitgliedsländer ihre versprochenen Beitragszahlungen nicht geleistet haben. Die zur Verfügung stehenden Mittel des Global Fund waren ausgeschöpft.
Man müsste eigentlich annehmen, dass ein Staat wie Russland kein Geld vom Global Fund benötigt, sondern die Kosten für Prävention selbst stemmen könnte.
Dass der Staat nicht sofort in diese Lücke springt und seine Verantwortung wahrnimmt, hat gewiss mit der Stimmung im Lande zu tun. Auf Verwaltungsebene gibt es sicherlich Menschen, die für die Zusammenarbeit mit NGOs verantwortlich sind und sich nun sehr genau überlegen, ob sie sich in der Prävention für Schwule einsetzen und entsprechende Projekte finanzieren oder darauf lieber verzichten, weil sie sonst womöglich mit dem Antihomosexuellengesetz in Konflikt geraten.
Ist den russischen Politikern bewusst, dass eine vernachlässigte Prävention zu steigenden Infektionszahlen und damit auch zu steigenden Behandlungskosten führen wird?
Man ist tatsächlich blind für diese Zusammenhänge. Vor allem aber herrscht die Überzeugung, dass die Belange von Randgruppen nicht zu den Hauptinteressen des Staates gehören. In Russland gibt es sicherlich eine strukturelle Homophobie, darüber hinaus aber auch eine generelle Ignoranz gegenüber sozialen Minderheiten. Hinzu kommt, dass in Russland Repression eine durchaus akzeptierte Form der Prävention darstellt, das gilt gerade auch gegenüber Drogengebrauchern. Zum anderen wurde versäumt, rechtzeitig die HIV-Statistiken auf den neuesten Stand zu bringen. Das erklärt vielleicht ein wenig die fehlende Motivation der politisch Verantwortlichen.

Homosexuelle in Russland rufen zur Solidarität auf
Das heißt, es gibt in Russland keine offiziell anerkannten Zahlen zu HIV bei schwulen und bisexuellen Männern?
Es gibt diese Zahlen, aber sie sind offensichtlich nicht hoch genug, um eine breit angelegte Prävention zu veranlassen, wie sie nach Ansicht von Fachleuten dringend notwendig wäre. Die Prognosen werden ignoriert. Hinzu kommt, dass es sehr viele HIV-Infektionen gibt, bei denen aus Angst oder Scham andere Infektionswege als Sex zwischen Männern angegeben wurden.
Die europaweit durchgeführte Internetumfrage EMIS ermittelte in den russischen Ballungszentren bei homosexuellen Männern eine HIV-Prävalenz von bis zu 12 %. Das müsste die politisch Verantwortlichen in Russland doch eigentlich alarmieren.
Dass es diese Zahlen gibt, ist mit ein Verdienst der DAH. Wir haben in die EMIS-Studie gezielt osteuropäische Länder einbezogen, um ihnen Daten für ihre Gesundheitspolitik zur Verfügung stellen zu können. Das sind allerdings nicht die Zahlen des nationalen russischen Aids-Komitees – deren Werte liegen deutlich niedriger.
Die Menschen aus Russland hoffen auf internationale Solidarität und Unterstützung
Wie können Institutionen oder Einzelpersonen in Deutschland die Homosexuellen in Russland unterstützen?
Das Wichtigste ist, dieses Phänomen nicht zu übersehen und zu sagen: Das ist weit weg, das geht uns nichts an. Man muss die Entwicklungen in Russland aufmerksam verfolgen und auch handeln. Dazu sind ganz besonders all jene aufgefordert, die mit HIV/Aids, Homosexualität sowie sexuellen und anderen Minderheiten befasst sind. Ich sehe aber auch eine Verantwortung im kulturellen Bereich. Wenn in St. Petersburg lesbisch-schwule Filme bald nicht mehr öffentlich gezeigt werden dürfen, wird man die Menschen einfach persönlich zu geschlossenen Vorführungen einladen und auf diese Weise das Verbot umgehen. Wichtig ist aber weiterhin, dass solche kulturellen Veranstaltungen überhaupt stattfinden. Hier hoffen die Organisationen in Russland auf Unterstützung, auch aus Deutschland. Die Erwartungen sind sehr groß, wie ich feststellen konnte, und es tut weh, zu sehen, dass es in dieser Hinsicht in Deutschland bislang noch große Zurückhaltung gibt.
Westliche Organisationen und Politiker sind in der Verantwortung
Wie könnte eine Unterstützung konkret aussehen?
Wir haben zum Beispiel zu vielen Organisationen Kontakt, die keine Aussichten auf Projektgelder haben, weil sie in Osteuropa noch nicht so bekannt sind. Hier sehe ich westliche Organisationen in der Verantwortung, gemeinsam mit den Kollegen in Osteuropa Projekte durchzuführen. Wir stehen als Deutsche AIDS-Hilfe bereit, Kontakte zu geeigneten Partnern in Russland herzustellen. Möglich ist auch eine Unterstützung im Rahmen von Städtepartnerschaften, so etwa in Form eines Austauschs. Ein deutscher Politiker, der einer Homosexuellen-Initiative einen offiziellen Besuch abstattet, kann damit ein deutliches Signal setzen und zudem den Menschen in Russland Mut machen. Nun ist bekannt, wie es in Russland derzeit um Schwule und Lesben und um Menschen mit HIV steht. Niemand kann später sagen, er habe nichts davon gewusst.
Wäre es nicht auch an der Zeit, dass in Deutschland auf höchster politischer Ebene gegen die antihomosexuellen Gesetze in Russland protestiert wird?
Selbstverständlich, und ich sehe auch dort große Zurückhaltung. Viele andere Länder haben sehr offen gegen die Gesetze protestiert. Ich bin froh, dass die Grünen hierzu eine Anfrage in den Bundestag eingebracht haben. Dabei sollte es aber nicht bleiben. Der Protest sollte nicht nur innerhalb Deutschlands kundgetan werden, sondern auch in Russland ankommen.
Weitere Informationen:
Meldung zu den russischen Gesetzesinitativen auf aidshilfe.de
Aufruf zur Unterstützung der Schwule und Lesben in Russland auf queer.de
Amnesty International über die anti-homoseuellen Gesetze in der Russischen Föderation
lgbtnation.com über die Vorgänge in Russland
Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Fraktion (Bündnis 90/Die Grünen)
Online-Petition gegen die Gesetzesinitativen auf allout.org.
„Ich wünsche mir, dass für uns alle Normalität einkehrt“
Foto: Andrea Damm/pixelio.de
HIV ist ein schwer übertragbares Virus – im Alltag und im Arbeitsleben ist keine Ansteckung zu befürchten. Statistiken zeigen außerdem, dass HIV-positive Arbeitnehmer im Schnitt genauso leistungsfähig sind und genauso wenig oder viel Fehlzeiten haben wie ihre Kollegen (unter denen es ja auch Menschen mit anderen chronischen Krankheiten geben kann). Dieses Wissen ist aber bei vielen Menschen noch nicht angekommen, wie die Journalistin Sabine Otto im Gespräch mit dem Arzt Thomas R.* erfuhr (*Name von der Redaktion geändert):
Thomas, du bist Facharzt für Innere Medizin in eigener Praxis und hast auch HIV-positive Patienten. Aber nicht alle Kollegen oder Patienten wissen, dass du selbst HIV-positiv bist. Warum ist das so?
Beim Outing unterscheide ich – oute ich mich meinen Klienten oder meinen Arbeitskollegen gegenüber? Einige meiner positiven Patienten kennen meinen Serostatus, und ich habe das Gefühl, dass damit verantwortungsvoll umgegangen wird. Für manche ist es tatsächlich eine Hilfe, zu wissen, dass auch ihr Doktor positiv ist. Meinen Kollegen gegenüber bin ich ehrlich gesagt noch unentschlossen und wäge Vorteile und Nachteile gegeneinander ab. Insgesamt betrachte ich die Mitteilung als meine sehr persönliche Sache, die stark von dem Vertrauensverhältnis, das zu Arbeitskollegen besteht, bestimmt wird. Weil ich in meiner Leistungsfähigkeit, wie mittlerweile viele andere Positive, kaum beeinträchtigt bin, fühle ich mich auch nicht unter Druck gesetzt. Außerdem – auch wenn die HIV-Infektion mittlerweile als chronisch behandelbar gilt, ist die gesellschaftliche Akzeptanz den medizinischen Fortschritten nicht unbedingt gefolgt.
Ist ein „positives Coming-out“ also schwieriger als das Coming-out als Schwuler?
Ja, absolut. Das Coming-out als HIV-Positiver ist auch nach Jahren ein immer noch nicht abgeschlossener Prozess für mich. Es ist viel schwieriger als das schwule Coming-out. Mit dem schwulen Coming-out gehen viele schöne Dinge einher. Du schüttelst die vorgelebte, normative Sexualität ab. Du erlebst viel Aufregendes, machst schöne Erfahrungen, lernst deinen ersten Freund kennen und tauchst in ein neues Leben ein. Ein positives Testergebnis ist zwar auch aufregend, aber in einem sehr unangenehmen Sinne, es war für mich mit sehr viel Stress verbunden. Man setzt sich dann nicht mit den Spaßfaktoren des Lebens auseinander, sondern mit Krankheit, Sterben und Tod. 1998, als ich mein positives Testergebnis erhielt, waren die Perspektiven für mich noch ganz andere als heute. Die Kombinationstherapien gegen HIV wurden damals erst seit zwei Jahren auf breiter Basis eingesetzt, und man wusste noch nicht, dass man bei guter Behandlung einmal eine annähernd normale Lebenserwartung bei guter Lebensqualität haben würde.
Manchen Patienten hilft es, wenn auch ihr Arzt HIV-positiv ist
Du hast ja erst ziemlich spät einen HIV-Test machen lassen.
Ja, erst, als es nicht mehr ging und sich Krankheitssymptome zeigten. Ich habe mich lange vor dem Test und dem damit verbundenen Ergebnis gedrückt. Das war damals bei vielen meiner Freunde so, dass man sich fragte: Warum sollst du dich mit einer Sache belasten, an der man sowieso nichts ändern kann? In den Anfangszeiten gab es ja noch keine wirksame Behandlung. Das hatte sich zwar schon 1995/96 geändert, aber ich habe die Entwicklung „verschlafen“. Ich musste dann sofort mit der Behandlung anfangen, weil meine Werte nicht gut waren. Von da an verschwand ich fast täglich in den Katakomben der Universitätsbibliothek und versuchte, fehlendes Wissen aus Fachjournalen zu erwerben. Das war gut, weil ich so schnell herausfand, dass meine Behandlung damals medizinisch nicht mehr auf der Höhe war. Ich habe mir dann einen anderen Arzt gesucht und bekam dort eine neue Kombinationstherapie, unter der sich mein Gesundheitszustand rasch besserte. Wir haben über die Jahre ein sehr gutes Vertrauensverhältnis aufgebaut, er hat mich gefördert und ermuntert, mich auch beruflich mit dem Thema auseinanderzusetzen.
Hast du anderen schnell von deinem positiven Testergebnis erzählt?
Ja, noch am selben Tag. Zunächst meinem besten Freund und später auch dem allerengsten Freundeskreis. Das waren vielleicht zwei bis maximal drei Leute, die ich sehr gut kannte und zu denen ich Vertrauen hatte. Es hat sich dann auch keine Freundschaft wegen meines Positivseins aufgelöst.
Weiß deine Familie, dass du positiv bist?
Die gesellschaftliche Akzeptanz ist den medizinischen Fortschritten nicht unbedingt gefolgt
Nein. Da schwangen dann natürlich die Erlebnisse mit, die ich noch von meinem schwulen Coming-out in Erinnerung hatte, aber ich sehe auch gar keine Notwendigkeit dazu. Klar, die Familie kann eine ganz wichtige Ressource bei der Unterstützung in Lebenskrisen sein, es bleibt aber eine individuelle Entscheidung.
Wie ist das positive Coming-out gegenüber neuen Partnern, Sexualpartnern?
Am Anfang hatte ich Panik, jemanden infizieren zu können und niemanden mehr kennenzulernen. Auch, weil ich mir bis dahin selbst nicht vorstellen konnte, mit einem Positiven zusammen zu sein. Aber das hat sich im Laufe der Jahre vollständig aufgelöst. Auf meine Sexualität hat der positive Status kaum noch Einfluss. Der Umgang in der Schwulenszene ist mittlerweile relativ offen. Wenn du mit jemandem zusammen bist, von dem du das Testergebnis nicht kennst oder wenn sein Testergebnis negativ ist, dann wird Safer Sex gemacht. Viele meiner Freunde sind auch positiv, da erübrigt sich das Thema.
Auf dem letzten Deutsch-Österreichischen Aids-Kongress in Hannover hast du dich bei einer Podiumsdiskussion zum Thema „HIV und Erwerbsleben“ auch in der Öffentlichkeit als positiv geoutet. Warum?
Das war eine spontane Entscheidung, aus einem Bauchgefühl heraus – ursprünglich wollte ich nicht aufs Podium. Aber kurz vorher hatte ich ein Erlebnis, dass mir wieder gezeigt hat, wie viel Unwissen und Vorurteile es gibt – und dass man was dagegen tun muss: Ein Mann kam zu mir in die Praxis und wollte einen HIV-Test machen. Er hatte gehört, dass der Pächter einer Kneipe, in die er öfter ging, HIV-positiv war. Der hatte nicht etwa Sex ohne Kondom mit ihm gehabt – er war gar nicht schwul –, sondern hatte allein schon deshalb Angst, weil er mit ihm in einem Raum gewesen war.
Und wie waren die Reaktionen auf dein Coming-out, wie hast du das erlebt?
Viele meiner Kollegen waren bei dieser Veranstaltung anwesend. Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich, angesprochen wurde ich danach aber nur von wenigen. Es gab wohl einige, die es „kopfschüttelnd“ zur Kenntnis nahmen, und andere, die mir später sagten, dass es ein richtiger und wichtiger Schritt gewesen sei. Ich war überrascht, als ich von einem Bekannten erfuhr, dass der Podiumsauftritt zum Aufhänger der Kongressberichtserstattung in der Samstagsausgabe der FAZ wurde. Ich empfand den Artikel insgesamt als positiv und differenziert.
In deinem Beruf hast du sehr viel mit HIV-Positiven zu tun. Welche Erfahrungen haben die mit ihrem Coming-out am Arbeitsplatz gemacht?
Ich kenne Leute, die sich am Arbeitsplatz geoutet haben und die … (Pause) Es gibt nur wenige, die wirklich schlechte Erfahrungen gemacht haben. Ein Fall, das war ein Manager im Automobilbereich, wohl auch ein sehr konservatives Unternehmen. Als seine Krankheit irgendwie im Betrieb öffentlich geworden ist, hat man ihm ziemlich schnell zu verstehen gegeben, dass es nicht zum Firmenimage passe, HIV-positiv zu sein. Das war das extremste Beispiel, von dem ich gehört habe. Dabei dürfte es im Berufsleben eigentlich keine Einschränkungen für HIV-Positive geben. Sogar ein Gefäßchirurg, der sicher unterhalb der Nachweisgrenze ist, stellt für Patienten keine Gefahr dar und könnte seine Tätigkeit weiter fortführen. Wo kein Virus, da gibt es auch keine Übertragungsmöglichkeiten. Das wissen aber selbst viele Betroffene nicht, und gesamtgesellschaftlich ist das auch noch nicht angekommen. Ich betrachte diese Erkenntnis hier aus der rein beruflichen Perspektive – die Prävention von sexuell übertragbaren Erkrankungen bleibt weiterhin unverzichtbar.
Viele Probleme sind eher psychosozialer Natur
Warum ist das Coming-out in der Firma für viele Betroffene trotzdem so schwierig?
Schau dir doch die Werbefilme vieler Unternehmen an. Da kann der Spot noch so forsch und jugendlich daherkommen, wichtig ist ein „unbeflecktes“ Image. Stell dir zum Beispiel einfach ein großes deutsches Bankinstitut vor. Da geht man nicht zu irgendwelchen Empfängen ohne Ehefrau und outet sich schon gar nicht als HIV-positiver schwuler Mann.
Ist es wirklich das Imageproblem, oder dominiert bei Arbeitgebern die Angst vor Ausfallzeiten und Leistungseinschränkung?
Du hast natürlich deine regelmäßigen Arzttermine. Normalerweise gehe ich einmal im Quartal zum Arzt, um meine Laborwerte checken zu lassen. Das ist aber etwas, was auch viele andere chronisch Kranke für sich in Anspruch nehmen. Und in Bezug auf Leistungseinschränkungen sehe ich da bei mir, wie bei vielen anderen, zurzeit keine Probleme. In meiner Praxis sehe ich, dass viele Probleme und Ausfallzeiten nicht körperlicher, sondern eher psychosozialer Natur sind, also unter anderem mit der Krankheitsbewältigung zu tun haben.
Was wünschst du dir also?
Einen selbstverständlicheren Umgang mit der Erkrankung. Dass man nicht tagelang darüber nachdenken muss, ob man irgendjemandem ein Ergebnis mitteilen muss oder nicht. Dass Leute sich nicht gezwungen fühlen, ihre Medikamente heimlich auf der Personaltoilette einzunehmen, und sich nicht rechtfertigen müssen, wenn sie einen Arzttermin wahrnehmen müssen. Dass Arbeitsplätze geschaffen werden, die auf die individuellen Bedürfnisse von Betroffenen zugeschnitten sind. Dass die Krankheit endlich den Stellenwert erfährt, den sie mittlerweile aufgrund der medizinischen Fortschritte und Erkenntnisse im Jahre 2011 haben sollte. Ich wünsche mir, dass für uns alle Normalität in diese ganze Geschichte einkehrt.
Positive Weiblichkeit

Aktstudie in freier Natur. Foto: Sabine Faber
Die Fotografin Sabine Faber will mit ihrem Langzeitprojekt „HIV+ – Das Ende der Weiblichkeit?“ zu einer neuen Sicht auf die Sexualität und Erotik HIV-positiver Frauen verhelfen. Von Axel Schock
Seit 28 Jahren lebt Sabine Faber mit HIV und hat im Laufe dieser Zeit die unterschiedlichsten Phasen im Umgang mit der Krankheit durchlebt. Ihr öffentliches Coming-out als HIV-Positive hatte sie anlässlich des Welt-Aids-Tages 2005. Für die vierfache Mutter, die seit Mitte der 90er Jahre in einem Mehrgenerationenprojekt in einem Dorf auf der schwäbischen Alb wohnt, war dies ein wichtiger und auch sehr mutiger Schritt.
Ihr Projekt: ein Kalender mit erotischen Fotografien HIV-positiver Frauen
„Irgendwann aber verstärkten sich die Selbstzweifel, und ich spürte, wie mir mein Selbstbewusstsein im Umgang mit meinem Körper und meiner Sexualität abhanden kam“, erzählt die 48-Jährige. Und sie wusste, dass sie mit dieser Erfahrung nicht alleine ist. „Ich kannte eine Menge positiver Frauen, die alle hübsch anzuschauen waren, und trotzdem hatten sie das gleiche Problem. Sie fühlten sich nicht mehr attraktiv und begehrenswert und hatten die Hoffnung auf gelebte und erfüllte Sexualität für sich schon aufgegeben.“
1998 entschloss sich Sabine Faber deshalb kurzerhand, diesen Frauen mit Hilfe ihrer Kamera das Gegenteil zu beweisen. Ihre Idee: ein Kalender mit erotischen Fotografien HIV-positiver Frauen. Erscheinen sollte er zur Jahrtausendwende. Doch die Realisierung ihres „Millenniumsprojektes“ gestaltete sich schwieriger als gedacht, denn nur wenige positive Frauen erklärten sich zunächst bereit, sich für das Kalenderprojekt fotografieren zu lassen.
Vielen Frauen fehlte der Mut, sich über Fotografien als HIV-positiv zu outen
Das Problem war dabei weniger, dass sie mehr oder weniger nackt posieren sollten. Den meisten fehlte der Mut, sich über diese Fotografien als HIV-positiv zu outen. Immer wieder kam es vor, dass zunächst sehr interessierte Frauen kurzfristig einen Rückzieher machten. „In solchen eher frustrierenden Phasen habe ich zum Glück immer wieder große Unterstützung durch meinen Partner erfahren, der mich zum Weitermachen ermutigte“, erzählt Sabine Faber. Und nach und nach ergaben sich dann doch immer wieder neue Aufnahmen.
Wenn die porträtierten Frauen wünschten, dass ihr Gesicht auf den Fotos nicht zu sehen sein sollte, fand Sabine Faber stets passende Körperpositionen und Bildausschnitte – die eine wirft sich in aufreizendem Latex-Outfit in Pose, die andere wird als liegender Frauentorso auf einer Waldlichtung inszeniert.
Seit einigen Jahren erlebt die Fotografin eine wachsende Offenheit bei den Frauen, die sie für ihr Fotoprojekt anspricht. Zurückzuführen ist dies ihrer Erfahrung nach unter anderem auf die neue Generation von HIV-Medikamenten. Die therapiebedingte Fettumverteilung habe viele Frauen stark belastet und davon abgehalten, ihren Körper vor der Kamera zu präsentieren.
Ihre Modelle – das bisher jüngste war 15, das älteste Mitte 50 – stammen aus dem ganzen Bundesgebiet, von Baden-Württemberg bis Berlin. Angesprochen hat Sabine Faber sie beispielsweise auf Positiventreffen und bei der Konferenz „Positive Begegnungen“.
Ich möchte die Frauen auf den Fotos so authentisch wie möglich erscheinen lassen
Als ideal haben sich für die Fotografin die Familienfreizeiten der baden-württembergischen Selbsthilfegruppe „Aids und Kinder“ herausgestellt. In der entspannten Urlaubsatmosphäre und in der ländlichen Idylle findet Sabine Faber stets passende Locations für ihre Fotosessions.
„Die Shootings machen den Frauen immer sehr viel Spaß“, sagt die Fotografin. „Ich möchte sie auf den Fotos so authentisch wie möglich erscheinen lassen.“ Mindestens so aufregend wie die Erlebnisse der Fotosessions ist für die Hobbymodels natürlich das fertige Ergebnis. „Sie sind immer total begeistert“, sagt Sabine Faber nicht ohne Stolz.
Für die meisten der Fotografierten sind die Bilder tatsächlich eine Überraschung: Die Kamera als objektive Instanz beweist ihnen, dass sie auch mit dem Virus weiterhin sexuelle attraktive Frauen sind, die stolz auf ihre Weiblichkeit, ihre erotische Ausstrahlung und ihre Schönheit sein können.
Derzeit zeigt Sabine Faber ihre Porträts auf Einladung der Weimarer Aidshilfe in der Weimarer Galerie „Markt 21“. Sie hofft, ihre Ausstellung bald auch in anderen Städten präsentieren zu können.„Ich möchte damit auch explizit positive Frauen ansprechen und weg von diesen Bildern, wie wir sie in den 90er Jahren etwa durch die Benetton-Werbung oder auch heute noch durch die Michael-Stich-Stiftung kennen. Sterben und Elend ist für mich eine falsche Message. Dies ist ein Bild von HIV und Aids, das so nicht stimmt und so auch nie gestimmt hat“.
Wie sehr sie mit ihren Bildern positive Frauen bewegt und ermutigt, hat sich bei der Eröffnung ihrer Weimarer Ausstellung gezeigt. Eine 65-jährige Besucherin hat sich spontan bereit erklärt, demnächst für Sabine Faber Modell zu stehen.
Sabine Fabers Ausstellung „HIV+ – Das Ende der Weiblichkeit?“ in der Weimarer Galerie „Markt 21“ ist noch bis zum 19. Januar 2012 zu sehen.
HIV und Aids 2011
Ereignisse und Erlebnisse, Begegnungen und Schlagzeilen: Wir haben Persönlichkeiten aus Politik und Kultur, aus der Aidsprävention und Aidshilfebewegung gefragt, was ihnen vom Jahr 2011 in Erinnerung bleiben und was uns weiter beschäftigen wird.

Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP)
Daniel Bahr, Bundesminister für Gesundheit:
„Wir blicken zurück auf ein erfolgreiches Jahr: Die HIV-Neuinfektionszahlen in Deutschland sind rückläufig, und im europäischen Vergleich haben wir weiterhin eine der niedrigsten Neuinfektionsraten. Die Entwicklung zeigt: Prävention wirkt. Wir sind erfolgreich, weil Staat und Bürger seit langem Hand in Hand zusammenarbeiten. Wichtig bleibt, dass wir die Menschen weiterhin gut über die Infektion, Übertragungswege und Schutzmöglichkeiten informieren. Denn wer gut informiert ist, kann Risiken realistisch einschätzen und neigt nicht dazu, andere wegen irrationaler Ängste zu diskriminieren. HIV und Aids können weltweit nur dann besiegt werden, wenn wir informieren, wenn die Menschenrechte beachtet werden und betroffene Menschen nicht ausgegrenzt werden. Hierfür tragen wir alle eine gemeinsame Verantwortung.
Zübeyde, Marcel, Ernst und Thomas haben andere ermutigt, in die Öffentlichkeit zu gehen
Stigmatisierungen und die Angst vor Diskriminierungen beeinflussen das eigene Gesundheitsverhalten. Menschen, die Diskriminierungen erlebt haben oder Angst vor Ausgrenzung haben, zögern, ihren Partner oder ihre Partnerin, die Familie, den Freundeskreis, Kolleginnen und Kollegen und selbst ihren Arzt ins Vertrauen zu ziehen. Viele leben daher isoliert und einsam. Andere lassen sich aus Angst vor den Folgen eines positiven Ergebnisses nicht testen.
Das persönliche Gespräch mit den Menschen, die in unserer aktuellen Kampagne zum Welt-Aids-Tag mutig ihre Gesichter gezeigt haben, bleibt mir in besonderer Erinnerung. Zübeyde, Marcel, Ernst und Thomas haben andere ermutigt, in die Öffentlichkeit zu gehen und über das Leben mit HIV und Aids zu berichten. Mit dieser Kampagne wird ein wichtiger Beitrag geleistet, um noch bestehende Diskriminierungen und Stigmatisierungen weiter abzubauen. Es bleibt noch viel zu tun und jeder einzelne kann dazu seinen Beitrag leisten.“
Dirk Niebel, Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung:

Bundesminister Dirk Niebel (FDP)
„Besonders in Erinnerung bleibt mir der kürzlich von UNAIDS in Berlin vorgestellte aktuelle Welt-Aids-Bericht, seine Zahlen machen Mut und geben Hoffnung: Die Zahl der HIV-Neuinfektionen geht zurück. Im Vergleich zum Höhepunkt der Epidemie 1997 ist eine Verringerung der jährlichen Neuinfektionen um 21 Prozent zu verzeichnen. In den 22 Ländern des subsaharischen Afrikas konnte auch der Zugang zu antiretroviraler Behandlung innerhalb eines Jahres um 20 Prozent verbessert werden. Diese positiven Trends attestieren die Wirksamkeit des internationalen entwicklungspolitischen Engagements im Kampf gegen HIV/Aids.
Das Jahr 2011 war zugleich geprägt von einem großen Erfolg in der Zusammenarbeit mit dem Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Malaria und Tuberkulose (GFATM). Das BMZ hatte die für den GFATM vorgesehenen Mittel in Höhe von 200 Millionen Euro für 2011 nach massiven Vorwürfen der Mittelfehlverwendung zunächst zurückgehalten und auf die Einsetzung einer unabhängigen Prüfkommission bestanden. Mitglied der Prüfkommission war auch der ehemalige Vizepräsident des Bundesrechnungshofs, Norbert Hauser.
Die Kommission hatte erhebliche Mittelfehlverwendungen bestätigt, woraufhin wir uns für umfassende Reformen des GFATM zum Wohle der Kranken eingesetzt haben. Unsere Zielrichtung war dabei immer klar: wir müssen sicherstellen, dass deutsche Steuergelder bei den Bedürftigen ankommen. Es darf nicht sein, dass Risikoeinschätzung bei der Vergabe und vor allem bei der Überwachung der Mittel eine untergeordnete Rolle spielt. Es darf nicht sein, dass bei der Beschaffung und Verteilung von Medikamenten keine Standards definiert werden, an denen die Länder gemessen werden.
Der Globale Fonds muss im nächsten Jahr beweisen, dass es ihm ernst ist mit der Umsetzung der Reformschritte
Und es darf nicht sein, dass Staaten, die dazu finanziell in der Lage wären, ihre Verantwortung an die internationale Gemeinschaft abgeben, anstatt ihre Kranken durch ein effizientes Gesundheitssystem selber zu versorgen. Am Ende dieses Jahres kann ich sagen, dass wir einen großen Schritt weitergekommen sind: Der Globale Fonds hat eine Strategie und einen Transformationsplan beschlossen, die Grundlage für sein neues, nachhaltigeres Geschäftsmodell sind. Es wurde ein Risikomodell erarbeitet, das eine differenziertere Zusammenarbeit mit den Partnerländern erlaubt – was die Art der Zusammenarbeit betrifft, nicht den Umfang der Mittel. Es werden Maßnahmen erarbeitet, die die Beschaffung und Verteilung von Medikamenten und anderen Gesundheitsprodukten korruptionsresistenter und effizienter gestalten. Und es wurden neue Zugangskriterien definiert, die sicherstellen, dass die bedürftigsten Länder mit der höchsten Krankheitslast wieder den Großteil der Mittel erhalten. Die Reformen stimmen zuversichtlich, und auf dieser Grundlage habe ich die für 2011 zugesagten 200 Millionen gerne freigegeben.
Zum Abschluss ein kurzer Ausblick auf das Jahr 2012: Es wird das Jahr der Umsetzung der Reformen im GFATM – der Globale Fonds muss im nächsten Jahr beweisen, dass es ihm ernst ist mit der Umsetzung der Reformschritte. Der Globale Fonds muss sich weiter konzentrieren, in seiner Arbeit noch zielgerichteter Prioritäten setzen und die Instrumente weiter verfeinern. Ich stehe zu diesem Reformprozess und werde ihn auch weiterhin konstruktiv und eng begleiten: Zum Wohle der betroffenen Menschen in unseren Partnerländern.“
Sylvia Urban, Mitglied des Bundesvorstands der Deutschen AIDS-Hilfe:

DAH-Vorstandsfrau Sylvia Urban
„Ich sehe mit sehr gemischten Gefühlen auf das Jahr zurück und will nur zwei Aspekte herausgreifen: Einerseits haben wir nicht nur in Deutschland, sondern 30 Jahre nach dem Beginn der Epidemie erstmals auch weltweit sinkende Neininfektionszahlen. Das zeigt nicht nur, dass Prävention wirkt, sondern auch, dass mehr Menschen Zugang zur antiretroviralen Therapie haben. Denn wie wir aus der Studie HTPN 052 jetzt auch wissenschaftlich belegt wissen, sinkt das Risiko, sich bei frühzeitig behandelten HIV-Positiven anzustecken, drastisch.
30 Jahre nach dem Beginn der Epidemie haben wir sinkende Neininfektionszahlen
Und damit bin ich bei meinem zweiten Punkt: Eines der wesentlichen Instrumente, mehr Menschen den Zugang zu Prävention und Therapie zu verschaffen, ist der Globale Fonds zur Bekämpfung von Aids, Malaria und Tuberkulose. Er befindet sich zurzeit in schwerer Finanznot, weil die Geberländer ihre Zusagen nicht einhalten.
Für mich ist es einfach nur unsäglich, dass die Bundesregierung zur Euro- und Bankenrettung mit Milliardensummen jongliert, die sich kein Mensch mehr vorstellen kann, aber zögert, die bereits zugesagt 400 Millionen für die nächsten zwei Jahre zu garantieren, ganz zu schweigen von einer Aufstockung des Budgets. Damit nimmt sie in Kauf, dass Menschen lebensnotwendige Hilfe verwehrt bleibt. Wir werden gemeinsam mit unseren Bündnispartnern nicht nachlassen, die Politik in die Verantwortung zu nehmen.“
Dirk Meyer, Leiter des Aids-Referats der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung:

Dirk Meyer, Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung
„Mir werden von 2011 in ganz besonderer Weise die Menschen der aktuellen Welt-Aids-Tag-Kampagne im Gedächtnis bleiben, die die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zusammen mit der DAH, der Deutschen AIDS-Stiftung und dem Bundesministerium für Gesundheit durchgeführt hat. Nicht allein, dass die Kampagne so fantastisch gelaufen ist. Ich war beeindruckt von diesen elf Menschen, die sich als Welt-Aids-Tags-Botschafter so mutig in der Öffentlichkeit positioniert haben. Das hätte ich in dieser Form nicht erwartet, und nicht weniger erfreut war ich über die hohe Akzeptanz und Resonanz.
Die rückläufigen HIV-Neuinfektionen in Deutschland waren sicherlich nicht nur für mich ein großer positiver Aha-Effekt
In diesem Zusammenhang ist mir allerdings auch noch einmal deutlich geworden, wie verbreitet Diskriminierungserfahrungen für Menschen mit HIV im Alltag sind, und das 30 Jahre, nachdem Aids als Phänomen erstmals beschrieben wurde. Das hat Auswirkungen im Arbeitsleben genauso wie in der medizinischen Versorgung. Von einer Normalisierung – im positiven Sinne – kann angesichts dieser Situation noch lange nicht gesprochen werden.
Was ich sicherlich auch nicht vergessen werde: dass das Robert Koch-Institut durch seine neuen, zurückberechneten Zahlen verkünden konnte, dass die HIV-Neuinfektionen in Deutschland seit 2007 rückläufig sind. Das war, sicherlich nicht nur für mich, ein großer positiver Aha-Effekt. Damit wurde das Gefühl, dass Prävention wirkt, nun auch in der Epidemiologie mit klaren Fakten abgebildet. All jene, die sich in den letzten Jahren im Bereich Prävention engagiert haben, haben nun die Sicherheit, dass ihr Gefühl sie nicht getrogen und die Arbeit über die Jahre sich ausgezahlt hat. Für mich ist dies ein wirklich tolles Highlight.
Mein dritter Punkt schließlich ist ein ganz persönlicher. Ich habe mich nach über 25 Jahren Aidshilfearbeit beruflich verändert und gewissermaßen die Seiten gewechselt. Seit April bin ich nun als Referent bzw. Referatsleiter im Aids-Referat der BZgA tätig. Dies war für mich ein tiefgreifender, aber auch wohlüberlegter Schritt, den ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge vollzogen habe. Denn natürlich habe ich meine Arbeit in der Aidshilfe, zuletzt als Geschäftsführer der Aids-Hilfe NRW, sehr gerne gemacht und tolle Kolleginnen und Kollegen gehabt. In gleichem Maße aber reizt mich natürlich auch die neue Herausforderung. Auch damit wird das Jahr 2011 für mich stets in besonderem Maße verbunden sein.“
Jacqueline Hofer, ehrenamtliche Mitarbeiterin der JVA-Gruppe der Münchner Aids-Hilfe:

Jacqueline Hofer, Ehrenamtlerin der Münchner AIDS-Hilfe
„Zu den Aufgaben der JVA-Gruppe der Münchner Aids-Hilfe, bei der ich ehrenamtlich mitwirke, gehört vor allem die Präventionsarbeit im Jugendarrest (ein Video dazu gibt’s auf Youtube, d. Red.). In diesem Jahr hatten wir allerdings zwei besondere Anfragen, die für uns als Gruppe, aber auch persönlich eine große Herausforderungen waren. Zum einen lud uns die Haftanstalt Stadelheim auf ihre Therapiestation für Sexualstraftäter ein. Nun sind die Fakten, die es in Aufklärungs- und Beratungsgesprächen zu vermitteln gilt, überall gleich – ganz egal, mit welchen Menschengruppen man es zu tun hat. Hier aber stießen wir an unsere Grenzen. Wir haben lange darüber diskutieren müssen, wer sich in der Lage sieht, diese Aufgabe zu übernehmen, und wir wurden konfrontiert damit, welche eigenen Ängste und welche Befangenheit plötzlich zu Tage traten. Wir haben uns als Gruppe dadurch noch einmal ganz anders und intensiv kennengelernt.
Zum anderen hatten wir auch eine Anfrage einer offenen Behindertengruppe, und auch dies war eine ungewöhnliche Erfahrung. Wir waren vorher unnötigerweise völlig nervös. Das Ganze ist dann aber super angekommen und hat ihnen viel gebracht. Das hat uns wahnsinnig gefreut und gestärkt. Dieses Erlebnis und das damit verbundene tolle Gefühl nehme ich auf jeden Fall mit ins neue Jahr.“
Georg Behrens, Vorsitzender der Deutschen AIDS-Gesellschaft:

Georg Behrens, Deutsche AIDS-Gesellschaft
„Zu den besonderen Momenten in Bezug auf HIV/Aids in 2011 zählte für mich der Deutsch-Österreichische AIDS-Kongress und die Straßenbahnaktion der Braunschweiger AIDS-Hilfe ‚Aids braucht positive Gesichter‘, die dort mit dem Medienpreis der AIDS-Stiftung ausgezeichnet wurde. Die Aktion wurde zum Anlass für ein ähnliches Projekt während des DÖAK 2011 in Hannover.
Die Straßenbahn mit den Bildern selbstbewusster Männern und Frauen, die Gesicht zeigen und für einen „gesunden Umgang“ mit HIV werben, war ein starkes Zeichen. Gefreut hat mich auch, dass der sensible Beitrag der Doku-Reihe „37 Grad“ im ZDF mit dem Thema „Ich bleibe immer positiv“ mit einem Preis ausgezeichnet wurde.
Studienergebnisse zeigten erstmals den positiven Effekt der HIV-Therapie auf die Übertragung des Virus
Die Teilnehmer der IAS Conference in Rom belohnten im Juli eine aufwendige internationale Studie mit stehenden Ovationen. Die Ergebnisse zeigten erstmals den positiven Effekt der HIV-Therapie auf die Übertragung des Virus. Ein Moment, der die Autoren und Zuhörer gleichsam fesselte und der half, den Slogan „Treatment is Prevention“ in die Welt zu tragen.
Wissenschaftlich gab es in 2011 viele Fortschritte, die uns helfen, die Immunantwort gegen HIV besser zu verstehen und für eine Impfung nutzbar zu machen. Das Thema Heilung wird mittlerweile von verschiedenen Richtungen angegangen, ohne dass natürlich ein schneller Erfolg absehbar ist. Hier entwickeln sich viele innovative Ideen. Ich erwarte jedoch, dass eine Heilung – wann auch immer – nur für einen Teil der Menschen mit HIV möglich sein wird. Das Jahr 2011 hat für mich erneut gezeigt, dass die Fortschritte in der HIV-Medizin schneller vorangehen als der Abbau von gesellschaftlichen Vorurteilen gegenüber Menschen mit HIV.”
Michael Stock, Filmregisseur („Postcard to Daddy“):

Michael Stock, Filmemacher
„Durch die nun schon über ein Jahrzehnt andauernde Therapie ist HIV in meinem Leben glücklicherweise etwas mehr in den Hintergrund getreten. Zuletzt hatte ich hingegen mit meiner Krebserkrankung zu kämpfen, die vielleicht in Zusammenhang mit der Langzeittherapie steht. Den Krebs habe ich Dank unserer privilegierten medizinischen Versorgung überstehen können.
Das zurückliegende Jahr habe ich, auch im Sinne der Selbstheilung, vor allem dafür genutzt, mich gedanklich von meinen eigenen Problemen weg hin zu den Problemen der Welt zu bewegen. Dadurch kam ich auf das Thema der gerechteren Verteilung der Weltressourcen. Speziell interessiert mich die Verteilung von Medikamenten, insbesondere der Generika von HIV-Medikamenten. Die letzten Monate habe ich mich nun gemeinsam mit meinem Partner Carsten Cierocki intensiv mit dieser Problematik beschäftigt. Im kommenden Jahr werden wir nun nach Ostafrika reisen, um dort einen Dokumentarfilm über die Situation der Menschen mit HIV in den Drittweltländern zu drehen.
Claudia Schieren, Bundesvorstand JES:

Claudia Schieren, JES-Bundesvorstand
„Als Vertreterin der Drogengebraucher-Community JES in Deutschland bleibt mir am ehesten die weltweite Aktion zum Welt-Aids-Tag in Erinnerung, bei der sich viele Vertreter und Vertreterinnen von User-Netzwerken aufgemacht haben, die menschenunwürdige Drogen und HIV-Politik in Russland zu kritisieren (ein Video zu dieser Aktion gibt’s auf Youtube, d. Red.).
Drogenkonsumenten in Russland konsumieren unter katastrophalen Umständen und sterben an den Folgen des Konsums und an HIV/Aids. Auch JES hat, unterstützt von der Deutschen AIDS-Hilfe und anderen Institutionen, vor der russischen Botschaft in Berlin auf diese Umstände aufmerksam gemacht.
Die Diarmorphin-Behandlung wäre ein guter Schritt
Weiterhin erinnere ich mich an die Menschen auch in Deutschland, die mit HIV infiziert sind oder an Aids erkrankt sind und die immer noch auf eine adäquate Behandlungsmöglichkeit warten. Mittlerweile haben zwar viele HIV-infizierte Drogengebraucher eine HIV-Behandlung, können aber leider noch nicht alle Möglichkeiten ausschöpfen, um ihre Abhängigkeit behandeln zu lassen. Die Diarmorphin-Behandlung wäre ein guter Schritt, den wir als JES-Netzwerk begrüßen würden und für den wir mit einem Vertreter im GBA (Gemeinsamer Bundesausschuss der Krankenkassen) sitzen und uns dort auch weiterhin für die Belange Drogen gebrauchender, HIV- und Hepatitis-infizierter und an Aids erkrankter Menschen einsetzen.
Trotz der mittlerweile guten Behandelbarkeit von HIV und Aids sterben nach wie vor viele Menschen an der Krankheit und an ihren Folgen. Auch im direkten Umfeld von JES verlieren wir fast jährlich Menschen, die uns lieb geworden sind. Somit muss man leider sagen, dass HIV und Aids ein ständiger Begleiter bleiben wird, auch in unserem Netzwerk.“
Ernst Grandl, Architekt und Botschafter der diesjährigen Welt-Aids-Tags-Kampagne:

Ernst Grandl, Botschafter des Welt-Aids-Tages 2011
„Mir war wichtig, in der Botschafterkampagne zum Welt-Aids-Tag mitzumachen, weil das diesjährige Motto „Positiv zusammen leben“ und eben auch HIV überleben genau mein Thema war. Ich hatte mich zunächst ganz auf die Naturheilkunde verlassen und wollte buchstäblich bis zuletzt nichts von einer Medikation wissen. Die Schulmedizin hat mir schließlich ein zweites Leben geschenkt.
Ich hatte schon etwas Grusel davor gehabt, welche Reaktionen ich auf die Plakate und Filmspots mit mir bekommen würden, schließlich war dies auch so etwas wie mein nationales Coming-out. Meine Schwiegereltern haben ganz positiv reagiert. Diese Menschen sind weit über 70, haben ihre eigenen Krankheitserfahrungen und sehen, dass ich fit durchs Leben hüpfe. Die konnten das gut als eines der Lebensschicksale einordnen, die einen treffen können – und so möchte ich es auch gerne gesehen wissen.
Das Erleben der immer stärker werdenden Offenheit wird mir von diesem Jahr ganz besonders in Erinnerung bleiben
Durch meine Botschaftertätigkeit bekam ich aber auch ganz überraschend wieder Kontakt zu einem Kommilitonen aus meiner Studienzeit. Der schrieb mir in einer Mail: „Erst habe ich dich auf einem großen Plakat gesehen, dann an jeder Bushaltestelle und am Abend auch noch als Postkarte in der Kneipe, und überall hattest du dieses Grinsen, das mir sagte: Warum hast du dich jahrelang nicht gemeldet?“ Ein anderer Bekannter hat durch meine Offenheit den Mut gefunden, bei einem gemeinsamen Essen selbst zu erzählen, dass er bereits seit über 20 Jahren mit dem Virus lebt. Diese vielen Begegnungen, die Gespräche, die sich daraus ergeben haben, das Erleben der immer stärker werdenden Offenheit – all das wird mir sicher von diesem Jahr ganz besonders in Erinnerung bleiben.
Dieses besondere Jahr hat in mir aber auch die Idee wachsen lassen, dass ich mich nicht nur als Botschafter des Welt-Aids-Tages 2011 einbringen möchte, sondern vielleicht auch durch ein eher mittelfristiges Projekt, das ich mit meinem Architektenberuf verbinden kann. Ich denke da beispielsweise an eine Seniorenanlage für Positive, die im fortgeschrittenen Alter besondere Unterstützung benötigen.“

Christa Grandmont (Foto: Mark Strombach)
Christa „Chrissy“ Grandmont, Protagonistin des Dokumentarfilms „Mein positives Leben“:
„Für mich wird dieses Jahr natürlich im besonderen Maße mit Mark Strombachs Film ‚Mein positives Leben‘ verbunden bleiben (einen Trailer zum Film gibt’s hier, d. Red.). Endlich mal wurden auch Langzeitüberlebende wahrgenommen und ihnen zugehört. Mich haben viele Leute aufgrund des Filmes angesprochen: ‚Wie kann man denn 30 Jahre mit dem Virus leben? Und wie lebst du eigentlich damit?‘ Ja, wie lebe ich damit? Positiv! Ich hab nicht ‚Hier!‘ geschrien, als ich den Virus bekam, und ich kann ihn nicht einfach wegschicken. Ich habe einen Wahnsinnsrespekt vor ihm, denn er kennt keine Ausgrenzungen, so wie wir sie sogar unter uns Positiven machen. Der Virus trifft Männer und Frauen, Alte und Junge, den interessiert weder Religion, Hautfarbe noch ob ich Hartz-IV-Empfängerin, schwul oder Mercedes-Fahrer bin.
Ich kann’s nicht ändern, dass ich den Virus habe, und mir geht es so weit ja auch gut.
Na klar, ich habe schlechtere und bessere Phasen. Aber es ist nicht der Virus, der mich umhaut. Medikamente sind ok, wir sind froh, dass wir sie haben. Aber manchmal, wenn ich mir den Beipackzettel anschaue, überkommt es mich doch. Und das geht nicht nur mir so. Das sind keine bunten Smarties, sondern pure Chemie. Ich muss den Teufel mit dem Beelzebub austreiben, aber natürlich ist der nicht zu vertreiben, auch wenn das andere offensichtlich für möglich halten.
Mensch Chrissy, haste gut weggesteckt!
Ich habe fünf Schlaganfälle dieses Jahr hinter mir, aber dann bin ich dem nachgegangen, und was finde ich im Internet? Dass 60 Prozent aller HIV-Positiven über 50 von Diabetes und Bluthochdruck betroffen sind. Sagt mein Arzt: „Das kann ja gar nicht sein.“ Sag ich zu ihm: „Hammse Strom zuhaus? Gehn’s se mal ins Internet, kieken sie, wat da steht.“
Ich darf zufrieden sein, ich bin gut aus der Nummer herausgekommen: Ich habe keinen Sprachverlust erlitten, ich sabber nicht herum, ich mach so weiter wie zuvor. Jedes Jahr ist für mich ein gutes Jahr. Ich habe keine Zeit, um mich hinzulegen. Ich will weitermachen. Im Januar trete ich mit dem Straßenchor in der Berliner Philharmonie auf, da singen wir die ‚Carmina Burana‘.
Woher ich diese Kraft nehme? Na, aus meinem Leben. Nicht schlappmachen, nicht hängen lassen, sag ich mir immer. Jetzt, am Ende dieses Jahres, denke ich: „Mensch Chrissy, haste gut weggesteckt!“ 65 will ich auf jeden Fall noch werden, und dann wird aber mal so richtig gefeiert. Da will ich die Chippendales auf meiner Party strippen sehen!“
(zusammengestellt von Axel Schock)
„Die Frauen sind hoch motiviert, sich einzubringen“

Quelle: www.wikimedia.org
Im November 2011 hat die Deutsche AIDS-Hilfe ein Seminar zum Thema „HIV-positive Frauen und Studien: mit uns und für uns!“ veranstaltet. Eine der Seminarleiterinnen war Dr. Annette Haberl, seit 1996 am Frankfurter HIVCENTER tätig, Vorstandsmitglied der Deutschen AIDS-Gesellschaft (DAIG) und Mitglied des Nationalen AIDS-Beirats (NAB).
Sophie Neuberg sprach mit ihr über die Ergebnisse des Seminars und die Forderungen von Frauen an die Forschung.
Wie sieht es mit frauenspezifischen Aspekten in der HIV- und Aids-Forschung aus?
Auch wenn hier in den letzten Jahren insgesamt eine positive Entwicklung zu beobachten ist, liegt der Frauenanteil bei klinischen Studien nach wie vor bei nur 20 bis 30 Prozent. Je nach Größe der Studie ist dann eine Unter-Analyse zu den Frauen statistisch oft nicht mehr aussagekräftig, weil ihre Gesamtzahl einfach zu klein ist. HIV ist damit in der Medizin aber keine Ausnahme, auch in anderen Bereichen ist der Frauenanteil in klinischen Studien ein Problem. Bei Medikamentenstudien sind Frauen oft schon deshalb unterrepräsentiert, weil sie schwanger werden könnten, was dann ein sogenanntes unerwünschtes Ereignis wäre und zum Studienausschluss führen würde.
Gibt es denn Medikamente, bei denen sich im Nachhinein herausgestellt hat, dass sie bei Frauen eine andere Wirkung oder spezielle Nebenwirkungen haben?
Ein Beispiel ist die Substanz Nevirapin: Erst 2005, neun Jahre nach der Zulassung in den USA, hat die zuständige Food and Drug Administration (FDA) eine Warnung herausgegeben, dass das Medikament bei Frauen mit hohen Helferzellzahlen bei Therapiebeginn eine deutlich höhere Nebenwirkungsrate hat als bei Männern mit vergleichbaren Werten. Mit mehr Frauen in der Zulassungsstudie hätte man das natürlich früher entdeckt. So musste erst der klinische Alltag mühsam die notwendigen Daten liefern. Gerade in Zulassungsstudien für neue Medikamente ist deshalb ein höherer Frauenanteil erforderlich.
Was sind im HIV- und Aids-Bereich Aspekte, die Frauen besonders betreffen und interessieren?
Wir brauchen ein zentrales Schwangerschaftsregister
Ein wichtiges Thema ist die Empfängnisverhütung, denn viele HIV-Medikamente haben Wechselwirkungen mit oralen Verhütungsmitteln, sodass Frauen die Pille nicht nehmen können bzw. durch sie keinen sicheren Schutz vor einer Schwangerschaft haben. Natürlich ist auch die Sicherheit der HIV-Medikamente in der Schwangerschaft ein großes Thema. Da fehlte uns bislang in Deutschland ein Schwangerschaftsregister, wie es beispielsweise in den USA schon lange existiert. Wir sind aber gerade dabei, ein solches Register einzurichten. Es wird im nächsten Jahr bundesweit an den Start gehen. Bei der Datenerfassung geht es im Wesentlichen darum, zu erfahren, wie viele Schwangerschaften HIV-positiver Frauen es in Deutschland überhaupt gibt, wie die Frauen behandelt werden und wie hoch die Fehlbildungsrate bei den Kindern ist. Die Fehlbildungsrate liegt in unserer Bevölkerung zwischen zwei und vier Prozent. Zu zeigen, dass diese Rate bei Kindern, die in der Schwangerschaft HIV-Medikamenten ausgesetzt waren, nicht höher ist, bringt Frauen und ihren Ärztinnen und Ärzten mehr Sicherheit.

Annette Haberl (Quelle: bmg.bund.de)
Ein weiteres Thema, das Frauen momentan sehr interessiert, sind die Wechseljahre. Die HIV-Patientinnen werden älter, und da stellt sich die Frage: Wie wird man als Frau gut alt mit HIV? Das wissen wir ja noch gar nicht. Wie sieht es mit der Knochendichte nach den Wechseljahren aus? Die HIV-Infektion selbst scheint sich negativauf den Knochenstoffwechsel auszuwirken, und unter HIV-Medikamenten kann es zu einer – weiteren – Verringerung der Knochendichte bis zur Osteoporose kommen. Um aber Fragen rund um die Wechseljahre beantworten zu können, brauchen wir zum einen klinische Studien und zum anderen Ergebnisse aus Langzeitstudien mit einer festen Gruppe von Frauen, eine sogenannte Kohorte.
Außerdem stellt sich die Frage, was mit dem Risiko für einen Herzinfarkt ist. Frauen ohne HIV haben nach der Menopause ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen – bei Frauen mit HIV scheint es drastisch erhöht zu sein. Das sind Themen, die auch die Seminarteilnehmerinnen sehr interessiert haben.
Viele Frauen mit HIV stehen wirtschaftlich nicht gut da
Sind Frauen eigentlich besonders an ergänzender oder alternativer Medizin interessiert?
Dazu stehen uns bislang keine Studienergebnisse zur Verfügung. Vom Gefühl her würde ich sagen, ja, Frauen informieren sich darüber, was sie zusätzlich zur Medikamenteneinnahme noch für sich tun können, aber ich habe keine konkreten Zahlen. Dieser Bereich liegt völlig brach. Man müsste die Frauen hier erst einmal nach ihren Bedürfnissen fragen. Ein Problem ist allerdings, dass die meisten Frauen mit HIV bei uns wirtschaftlich nicht gut dastehen, sodass sie sich kaum etwas extra leisten können. Manchmal ist schon die sogenannte gesunde Ernährung finanziell ein Riesenproblem. Vor allem alleinerziehende Mütter mit HIV sind hier betroffen. Da ist Alternativmedizin aus wirtschaftlichen Gründen einfach kein Thema.
Gibt es aktuelle Forschungsergebnisse, die für Frauen besonders wichtig sind?
In der berühmt gewordenen Studie mit dem Namen HPTN 052 war der Anteil der Männer und Frauen ausgewogen. Sie hat wissenschaftlich bewiesen: Eine gut funktionierende HIV-Therapie reduziert das Risiko der Übertragung um mindestens 96 Prozent und ist damit genauso effektiv wie Kondome. Das ist für Frauen mit HIV eine wichtige Nachricht, und das nicht nur beim Thema Kinderwunsch.
In einer anderen Arbeit wurden kürzlich die Ergebnisse mehrerer Studien nach möglichen geschlechtsspezifischen Unterschieden in der HIV-Therapie ausgewertet. Erfreulicherweise zeigte sich dabei, dass der Therapieerfolg bei Männern und Frauen gleich war. Wir sehen allerdings bei Frauen immer noch häufiger Therapiewechsel aufgrund von Verträglichkeitsproblemen. Das Nebenwirkungsprofil bei Frauen und Männern ist einfach unterschiedlich.
Im Seminar ging es auch um die geringe Teilnahme von Frauen an Studien. Was meinen Sie, woran das liegt?
Die Teilnahme an Studien bringt oft Belastungen mit sich
Im Seminar habe ich erlebt, dass Frauen sehr daran interessiert sind, mehr über Studien zu erfahren. Sie wollen wissen, wie diese konzipiert werden, ob sie daran mitwirken können, wo welche Studien laufen usw. Die Frauen waren hoch motiviert, sich einzubringen. Dabei muss man wissen, dass die Teilnahme an einer Studie für die einzelne Teilnehmerin meist keinen Vorteil hat, sondern oft sogar mit Belastungen wie häufigeren Visiten und Blutabnahmen verbunden ist – das alles für das hehre Ziel, zum Fortschritt der Wissenschaft beizutragen. Wenn Frauen Kinder haben, ist eine Studienteilnahme für sie oft auch mit organisatorischen Schwierigkeiten verbunden. Dazu kommt vielleicht noch eine finanzielle Belastung durch Babysitter, Fahrkarten usw. – da bräuchte man eine entsprechende Aufwandsentschädigung, Kinderbetreuung oder auch einfach eine Fahrtkostenerstattung. Wenn Frauen eine bestimmte Empfängnisverhütung brauchen, um an einer Studie teilnehmen zu können, muss auch dafür die Kostenübernahme gesichert sein. Es geht doch nicht an, dass eine Frau sich in eine Studie einbringt, die Belastung auf sich nimmt und noch dazu die Kosten für eine Spirale selbst tragen muss!
Was müsste sich bei der Pharma-Industrie ändern, damit sich das verbessert?
Die genannten organisatorischen und finanziellen Barrieren müssen abgebaut werden. Außerdem ist es wichtig, die Frauen besser zu informieren: Warum ist eine Studie notwendig? Wie wird sie durchgeführt? Was sind die einzelnen Schritte? Man muss sich mehr Zeit nehmen – und da nehme ich mich nicht aus –, um den Frauen zu erklären, welche Konzepte und Studientypen es gibt. Frauen möchten hier ernst genommen werden. Sie sind kritisch, und das zu Recht. Im Seminar beklagten die Frauen, dass sie über Ergebnisse gar nicht informiert werden, wenn sie an einer Studie teilgenommen haben. Es ist aber sehr wichtig, dass man als Studienteilnehmer ein Feedback bekommt und erfährt, was bei einem Forschungsprojekt herausgekommen ist.
Frauen mit HIV wollen außerdem mehr Mitbestimmung: Sie müssen deshalb bereits in einer frühen Phase der Planung einbezogen werden, damit sich eben nicht plötzlich herausstellt, dass eine Empfängnisverhütung zwar nötig ist, die Kosten aber nicht übernommen werden, weil keiner daran gedacht hat.
Frauen müssen sich aber auch besser positionieren und gemeinsam ihre Forderungen stellen, zum Beispiel, dass Langzeitdaten von Frauen gezielt erfasst werden müssen. Wir brauchen Verlaufsdaten zu Wirkungen und Nebenwirkungen, und dazu brauchen wir eben eine HIV-Kohorte von Frauen, die natürlich Geld kostet. Die gemeinsame Forderung von Betroffenen und Medizinern nach mehr frauenspezifischer Forschung im HIV-Bereich kann sicher dazu beitragen, die Finanzierung voranzutreiben und Firmen hier in die Verantwortung zu nehmen. Die Frauen jedenfalls sind bereit, sich aktiv an der Forschung zu beteiligen, aber man muss sie mit ihnen zusammen sinnvoll gestalten.
Positive Stimmen in Haft
HIV-positive Gefangene fürchten oft, vergessen zu werden (Foto: John Updike/pixelio.de)
Hildegard Welbers und Manfred Müller arbeiten ehrenamtlich für die Aidshilfe, Hildegard betreut schon seit längerem HIV-positive Gefangene. Im Projekt positive stimmen kommen sie auch mit Menschen hinter Gittern über HIV-bezogene Stigmatisierung und Diskriminierung ins Gespräch. Carmen Vallero befragte sie zu ihren Erfahrungen in dieser besonderen Interviewsituation.
Ihr habt beide schon einige Interviews zu positive stimmen geführt, nun auch im Gefängnis. Wie kam es zu diesen Kontakten?
Hildegard: „Ich bin ja öfter in der JVA, da ich dort Insassen vonseiten der Aidshilfe betreue, und ich habe Klienten dort auf das Projekt angesprochen. Einige haben sofort Interesse gehabt.“
Manfred: „Ich war vorher noch nie in einem Knast. Ich habe die Anfrage über eine hauptamtliche Mitarbeiterin der Aidshilfe erhalten. Ich finde das Projekt sehr wichtig, und mir gefällt, dass auch Menschen hinter Gittern erreicht werden, daher war das auch für mich spannend. Vor meinem Besuch dort musste ich den Fragebogen der Gefängnisleitung geben, damit sie einen Blick darauf werfen konnte und wusste, worum es geht. Dann bin ich mit der Mitarbeiterin der lokalen Aidshilfe dort hingegangen. Ich musste durch die ganzen Kontrollen, also auch alle Taschen ausleeren, und nach einer kurzen Vorstellung bin ich mit dem Klienten in einem abgeschlossenen Raum allein geblieben. Alle waren sehr nett, aber ehrlich gesagt, ein bisschen Angst hatte ich schon.“
Es ist ein himmelweiter Unterscheid zu einem Interview im Café
Wovor hast du dich denn gefürchtet?
Manfred: „Nun, es ist ein himmelweiter Unterschied zu einem Interview im Café. Ich hatte mir am Anfang da schon ein paar Gedanken gemacht, und die Vorstellung, meinen Personalausweis abgeben zu müssen und dann wird hinter mir abgeschlossen, hat mir gar nicht gefallen. Sonst ist mir der Kontext und der Alltag der Interviewpartner/innen halt auch vertrauter. Hier empfand ich das Setting also erst mal als unangenehm. Das ist dann aber schnell verflogen, ich habe mich genauso wohl und sicher in der Situation und in der Durchführung gefühlt wie an jedem anderen Ort.“
Würdet ihr sagen, dass die Anforderungen an euch als Interviewer oder Interviewerin im Knast andere sind?
Hildegard: „Ja, man muss sehr aufmerksam sein und sich sehr zurücknehmen. Es ist schwerer, das Gegenüber einzuschätzen. Ich empfinde die Situation als sehr viel sensibler.“
Manfred: „Einer meiner Interviewpartner sagte, dass er auch schon einmal zugeschlagen, also Gewalt angewendet hat, wenn er diskriminiert wurde. Das hat mich erst mal erschreckt. Beim Reden miteinander hat sich das aber schnell gelöst und ich konnte mich im Gespräch zurückhalten, schließlich bin ich da ja nicht als Berater. Hier muss man einfach aufpassen, in der Rolle zu bleiben. Besonders gut war, dass ein Austausch stattfand, mein Gesprächspartner hat mich gefragt, wie ich lebe, wie lange ich positiv bin, und es ist uns nach meiner Auffassung gut gelungen, unterschiedliche Meinungen zu akzeptieren.“
Sind eure Gesprächspartner in der JVA als HIV-positiv geoutet? Und sind die Stigmatisierungserfahrungen, die daraus entstehen können, andere als in Freiheit?
Hildegard: „Meine Klienten leben offen mit HIV, die Bediensteten und die Mithäftlinge wissen von der Infektion. Das war am Anfang wohl sehr schwer, aber nachdem die Aidshilfe eingebunden wurde und Informationsveranstaltungen gemacht hat, läuft es viel besser. Ich habe überhaupt den Eindruck, dass vonseiten der Anstaltsleitung mittlerweile sehr viel aufmerksamer z. B. mit schwulenfeindlichen Sprüchen umgegangen wird. Das wird nicht toleriert, und die Beamten sind da ziemlich hinterher. Die Leitung soll sofort informiert werden, man will verhindern, dass es zu schlimmen Stigmatisierungen und Übergriffen kommt.“
Bei Schlägereien werden Insassen mit HIV „verschont“
Manfred: „Auch meine Gesprächspartner sind als positiv geoutet. Diese Inhaftierten haben es nach meinem Eindruck schwer, weil die JVA-Mitarbeiter oft nicht genug wissen über die Infektion. Da gibt es immer noch Bedienstete, die an eine Übertragung durch die Luft oder durch Händedruck denken. Das führt dazu, dass die HIV-positiven Häftlinge bestimmte Arbeiten nicht machen können, weil dort ein Risiko vermutet wird, was gar nicht besteht. Bei Auseinandersetzungen, die in eine Schlägerei münden, werden die Insassen mit HIV „verschont“, weil die Mithäftlinge Angst haben, sich zu infizieren. Oft werden sie daher eher verbal angegriffen, handgreifliche Auseinandersetzungen mit Positiven sind selten – so wurde mir das zumindest berichtet. Wer dagegen seine Infektion geheim hält, wird insofern auch nicht stigmatisiert. Ich fand einfach, dass es da so ein Dauerkribbeln gibt. Es ist nicht nur die direkte Diskriminierung, im Knast muss man viel mehr um seine Rechte kämpfen. Die medizinische Versorgung ist anders, man kann nicht einfach den Arzt wechseln, alles ist viel schwieriger und aufwendiger. Diese Probleme nehmen daher einen großen Raum ein.“
Da ist viel Angst, dass man vergessen wird
Hildegard: „Ja, die medizinische Information und Versorgung ist oft ein Thema. Es besteht große Sorge, dass die Medikamente, die draußen zur Verfügung stehen, im Knast nicht ankommen. Da ist viel Angst, dass man vergessen wird oder dass einem etwas vorenthalten wird. Es gibt Klienten, die hartnäckig sind, immer wieder Anträge schreiben und auf ihre Rechte pochen. Hier gibt es dann auch Bedienstete, die sie ein bisschen schmoren lassen. Das sind Erfahrungen, die draußen weniger gemacht werden. Hinter den Mauern muss alles vehement verfolgt werden, da fühlen sich Menschen mit HIV oft benachteiligt und stigmatisiert.“
Positive stimmen soll auch die Vernetzung untereinander anregen. Ist dies in Haft überhaupt möglich?
Hildegard: „Dazu kann ich erzählen, dass einer meiner Klienten Kontakt zur Aidshilfe aufgenommen hat, weil er gern ein positives Netzwerk finden möchte, um sich mit anderen auszutauschen. Leider ist der Besuch einer Gruppe draußen nicht so einfach, wir versuchen das aber zu organisieren. Meine Interviewpartner im Knast sind in verschiedenen Abteilungen, und ich glaube nicht, dass sie voneinander wissen.“
Manfred: „Wirklich vernetzen können sich die Häftlinge nicht. Meine Interviewpartner wissen alle von den jeweils anderen über die Beteiligung an positive stimmen. Ich glaube aber, dass diese Kontakte zueinander bereits vorher bestanden, man trifft sich ja auch auf den Informationsveranstaltungen z. B. der Aidshilfe und kommt da miteinander ins Gespräch.“
Es passiert viel, weil man sich Zeit nimmt
Welche Veränderungen wünschen sich Menschen mit HIV in Haft?
Hildegard: „In jedem Fall möchten sie sicher sein, dass sie gleichgestellt sind, was die medizinische Versorgung angeht. Sie möchten, dass man sich hier mehr um sie kümmert, sie ernst nimmt und sie nicht mehr so viel kämpfen müssen.“
Positive stimmen bringt Menschen mit HIV miteinander ins Gespräch. Wie war die Erfahrung hinter Gittern für euch?
Manfred: „Ich hatte den Eindruck, dass mein Gesprächspartner es gut fand, dass jemand da war, der zuhört – und das war auch für mich ein tolles Gefühl. Die Ebene, also dass wir auf Augenhöhe miteinander sprechen können, trotz unserer Unterschiedlichkeit, das hat uns glaube ich beide ziemlich beeindruckt.“
Hildegard: „Ich finde auch, bei diesem Projekt passiert viel allein dadurch, dass man sich Zeit für die Gespräche nimmt. Dass überhaupt jemand etwas über die Häftlinge wissen möchte, dass sie gefragt werden, weil sie als ‚wichtig genug‘ erachtet werden, dass ihre Meinung zählt und sie auch gehört werden, dafür ist viel Dankbarkeit spürbar. Und vielleicht kann auch einfach nur durch Zuhören viel von der Angst abgebaut werden. Und damit verändern wir die Welt – nicht nur in Haft!“
Letzte Ruhe unter Freunden

Die Gemeinschaftsgrabstätte auf dem Frankfurter Hauptfriedhof
„Die Trauer braucht einen Ort, die Idee der Gemeinschaftsgrabstätte entspricht der Lebenswirklichkeit vieler Menschen.“ Mit diesen Worten hatte 2008 Frankfurts Bürgermeisterin Jutta Ebeling eine Gemeinschaftsgrabstätte für Menschen mit HIV und Aids auf dem Hauptfriedhof eröffnet. Vergleichbare Projekte gibt es auch in Berlin, Köln und Hamburg. Von Axel Schock
Man lebt zweimal“, schrieb Honoré de Balzac: „Das erste Mal in der Wirklichkeit, das zweite Mal in der Erinnerung.“ Wie also erinnern wir uns an die an Aids verstorbenen Menschen? Was bleibt von ihnen, wie bleiben sie in unserem Gedächtnis? Mit diesen und anderen Fragen zum Gedenken beschäftigt sich unser Blog-Themenschwerpunkt auch in diesem Monat.
„Eine Gemeinschaftsgrabstätte, die offen sein sollte für die verschiedenen Lebensweisen, die weder sexuelles Gewordensein noch ethnische Herkunft oder religiöse Unterschiede verleugnet oder diskriminiert und trotzdem eine Form der individuellen, würdevollen letzten Ruhestätte garantiert.“ So beschreibt Christian Setzepfandt, Vorstandsmitglied der Frankfurter AIDS-Hilfe, die Besonderheit dieser Grabstätte auf dem Hauptfriedhof der Hessenmetropole. Hier sollen Menschen ihren Platz finden, die aufgrund ihrer Erkrankung vielleicht keine Zeit und Kraft hatten, für den eigenen Todesfall vorzusorgen.
Andere wiederum möchten ihrer Familie nicht mit der Pflege eines individuellen Grabes zur Last fallen oder haben vielleicht nicht einmal Zu- und Angehörige, die sich darum kümmern könnten oder wollten. Betroffen sind nicht zuletzt vor allem Randständige der Gesellschaft: Drogengebraucher, Migranten, Prostituierte und Schwule, die aufgrund ihres Lebensstils und wegen HIV mit der Herkunftsfamilie gebrochen haben oder aus ihr verstoßen wurden.
Solidarität über den Tod hinaus
Immer wieder auch kommt es vor, dass die Beisetzung von Amts wegen durchgeführt wird. Um die Kosten für eine solche Sozialbestattung gering zu halten, wird der Verstorbene dann oft fernab seines Lebensfeldes bestattet, beispielweise auf preisgünstigeren Friedhöfen in den neuen Bundesländern. Für Freunde und Lebenspartner wird der Ort der Trauer damit meist unerreichbar.
Für viele HIV-Positive ist die Entscheidung, dereinst in einer Gemeinschaftgrabstätte speziell für Menschen mit HIV und Aids beigesetzt zu werden, auch ein ganz bewusster Akt und tröstlicher Gedanke: die letzte Ruhe unter Seinesgleichen zu finden, an einem von vielen besuchten Ort, und so über den Tod hinaus Solidarität zu erfahren und nicht vergessen zu werden.
Die auf einer leichten Anhöhe im Gewann F gelegene Grabstätte war einst Familiengrab des Generaldirektors einer Versicherung. Die AIDS-Hilfe Frankfurt hat für die denkmalgeschützte Grabanlage aus dem Jahr 1929 die Patenschaft übernommen und sie von dem Bildhauer Helmut Hirte neu gestalten lassen. In den Grabkammern unterhalb einer historischen Säule mit der Inschrift „Die Liebe höret nimmer auf“ haben exakt hundert Urnen Platz. Genauso viele drehbare Würfel aus Juramarmor finden sich an einer Metallskulptur. An den Seiten dieser Marmorblöcke ist Platz für die Namen und Lebensdaten der Verstorbenen, aber auch für eine weitergehende individuelle Ausgestaltung. Zehn Beisetzungen haben bereits stattgefunden, ebenso viele Reservierungen liegen für die Grabstätte vor.

Die Marmorwürfel sind mit den Namen der Bestatteten beschriftet. Foto: Axel Schock
1988 war der Fassbinder-Schauspieler Kurt Raab 47-jährig an den Folgen von Aids verstorben. Nachdem seine niederbayrische Heimatgemeinde Steinbeißen es wegen Aids abgelehnt hatte, den berühmten Sohn der Stadt zu bestatten, fand Raab schließlich in Hamburg auf dem Ohlsdorfer Friedhof seine letzte Ruhestätte. Dieser skandalöse Vorfall war eine der Initialzündungen zur Gründung des Memento e.V. Engagierte Hamburger aus der Schwulen- und Aidsbewegung schlossen sich zusammen, um über einen Weg nachzudenken, wie auch jene an Aids Verstorbenen eine menschenwürdige Beisetzung erfahren können, denen sie von der Familie oder – wie im Falle von Raab – sogar von den Behörden verweigert wird. 1995 erwarb Memento e.V. auf dem Ohlsdorfer Friedhof in der Nähe des Rosengartens ein historisches Grabmal, ließ das alte Mosaik aufwendig restaurieren und schuf so einen würdigen Ort für das erste Gemeinschaftsgrab dieser Art in Deutschland. Über den Zuspruch waren die Initiatoren mehr als überrascht. Die Nachfrage war so groß, dass die Grabstätte schon zwei Jahre später um eine daneben liegende erweitert wurde. Das Grabmal hierzu gestaltete der Bühnenbildner und Städteplaner Klaus Neumann: zwei Stahlrahmen – stilisierte Türrahmen und Wände –, davor eine steinerne, vielfach durchbohrte Tür. Die Löcher sind mit farbigen Glasstäben gefüllt und ergeben Schriftzeichen in Blindenschrift. Diese formen den Namen „Memento“ und eine Verszeile aus Ferdinand Freiligraths Gedicht „Der Liebe Dauer“: „Lieb, so lang du lieben magst.“Die Hamburger Idee wurde recht bald von einer Gruppe im Umfeld der ökumenischen Initiative „KIRCHE positHIV“ in Berlin aufgegriffen, doch erst 2002 konnte eine Patenschaft für eine passende Grabstelle auf dem St. Matthäus-Kirchhof in Schöneberg übernommen werden.
Auf den Marmortafeln des restaurierten Grabdenkmals werden der Name sowie Geburts- und Sterbedatum eingraviert. Im Gegensatz zu den anderen Gemeinschaftsgräbern in Deutschland sind hier neben Urnen- auch Erdbestattungen möglich. Unter anderem ist hier Hans Peter Hauschild beigesetzt, ehemals im Vorstand der Deutschen AIDS-Hilfe.
Noch in Planung ist ein Gemeinschaftsgrab auf dem Melaten-Friedhof in Köln. Die örtliche Aidshilfe hat dafür die Patenschaft eines historischen Grabmals übernommen und mit der Denkmalbehörde bereits dessen Restaurierung abgesprochen. Im Sommer 2012, so die bisherigen Planungen, sollen die Neugestaltung abgeschlossen und die ersten Urnenbeisetzungen möglich sein.
Weiterer Beiträge in unserer Artikelreihe zum Thema Erinnern und Gedenken:
Orte des Gedenkens und kollektiven Erinnerns
„Der Tod ist das zweite große Fest im Leben“ – Interview mit Matthias Hinz
„Ihr sollt nicht trauern, sondern weiter euren Träumen und Hoffnungen folgen“
„Wenn sie irgendwo spukt, dann hier – Erinnern und Gedenken an Melitta Sunström”
Der „Dino der Aids-Seelsorge“ – er lebe hoch!

Rainer Ehlers, geborener Jarchow
Rainer Jarchow heißt zwar nicht mehr Jarchow, ist aber ganz er selbst geblieben. Er hob die Aidshilfe Köln aus der Taufe, stand als Aids-Pastor Erkrankten bei, dann gründete der Millionenerbe die Deutsche AIDS-Stiftung. Noch immer setzt er sich für Menschen mit HIV ein. Heute feiert er seinen 70. Geburtstag. Wir gratulieren!
Von Christian Lütjens
Ein kleines Verwirrszenario vorweg: Am 1. August 2011 begingen die Grünen im Kaisersaal des Hamburger Rathauses einen Festakt anlässlich „Zehn Jahre eingetragene Lebenspartnerschaft“. Die Fraktionsvorsitzende Anja Hajduk verwies in ihrer Rede auf zwei prominente Gäste, die den Schritt der Verpartnerung bereits hinter sich hätten: Corny Littmann (großer Applaus) und Rainer Ehlers …
Bei der Nennung des zweiten Namens erstarrte die 400-köpfige Runde in irritierter Stille. Rainer wer? Ehlers? Nie gehört. „Rainer Ehlers, geborener Jarchow“, fügte Hajduk nach einer Kunstpause hinzu. Da zerplatzten die Fragezeichen über den Köpfen und erneut brandete Applaus los. Rainer Jarchow!
Der Name Jarchow ist ein “Wertbegriff” – trotzdem hat er ihn gerne aufgegeben
Ja, den kannten die Hamburger. Von 1994 bis 2004 hatte er sich in der Hansestadt als „Aids-Pastor“ profiliert und mit dem Verein „Memento – Gemeinschaftliche Grabstätten für Menschen mit HIV und Aids“ eine lokale Institution geschaffen. Wer näher mit der HIV-Thematik vertraut war, wusste zudem um Jarchows frühere Verdienste: die Mitbegründung der Kölner Aidshilfe und die Gründung der Deutschen Aids-Stiftung. Dieser Mann sollte nun unter einem anderen Namen durch die Welt laufen? „Mich haben nach meiner Hochzeit im Juli 2011 viele gefragt, wie ich den Namen Rainer Jarchow aufgeben könne. Der sei doch ein Wertbegriff“, sagt Ehlers schmunzelnd. „Ich für meinen Teil konnte ihn sehr gut aufgeben. Außerdem war es mir wichtig, deutlich zu machen, dass ich in meinem hohen Alter noch den Mann meines Lebens gefunden habe.“
Womit wir beim Thema wären: Das „hohe Alter“ von Rainer Ehlers beträgt am 16. Dezember 2011 nämlich 70 Jahre. Ein runder Geburtstag, der Anlass gibt, den Lebensweg des „Dinos der Aids-Seelsorge“ (wie er sich selbst bezeichnet) nachzuvollziehen.
Anfang der 70er outete sich der junge Pastor Jarchow vor seinem Bischof als schwul
Dieser Weg führt aus einer Kaufmannsfamilie ins Pastorenamt, dann aus einer Hetero-Ehe in die offen gelebte Homosexualität. Letzteres dürfte ein wesentlicher Auslöser für jene Aura der Selbstbestimmung sein, die das Schaffen Jarchows (wir bleiben für den Rückblick beim alten Namen) stets antrieb. Er war Anfang der Siebziger Jahre einer der ersten Pastoren, die sich vor ihrem Bischof als schwul outeten. Danach arbeitete er noch eine Weile weiter als Geistlicher, bis er sich Anfang der Achtziger einer Aussteigerkommune im griechischen Ithaka anschloss. Dort frönte er dem einfachen Leben, hütete Ziegen, pflanzte Olivenbäume, dachte nach. Aber nur drei Jahre lang.
Dann erfolgte die Rückkehr nach Deutschland – und damit der Schritt in den Aktivismus. Jarchow zog nach Köln, wo er sich im Zeitungsteam der Gay Liberation Front (GLF) engagierte. Hier begegnete ihm das Thema Aids zum ersten Mal.

Rainer Jarchow mit Rita Süssmuth, Bundesgesundheitsministerin 1985-1988
Seine Mitstreiter Jean-Claude Letist und Michael Zgonjanin berichteten nach Amerikareisen von einer mysteriösen „Schwulenseuche“, die in den USA immer mehr Opfer forderte und gleichzeitig zu einer verstärkten politischen Ächtung von Homosexuellen führte. Dieses Drohszenario veranlasste die drei Männer 1985 dazu, die Aidshilfe Köln zu gründen.
„Ich kannte zu diesem Zeitpunkt niemanden, der positiv war“, sagt Rainer Jarchow, „aber wir verfolgten die Schwulenhatz in Amerika. Dort wurde teilweise dazu aufgefordert, nichts gegen die Krankheit zu unternehmen, weil sie die beste Gelegenheit war, dass Schwule sich selber ausrotteten. So etwas befürchteten wir in Deutschland auch. Deshalb haben wir die Aidshilfe gegründet.“
“Wir befürchteten eine neue Schwulenhatz auch in Deutschland”
Der „vorbeugende, schwulenpolitische Ansatz“ wurde allerdings bald von den Schicksalen der Erkrankten überlagert. Jarchow wurde Seelsorger bei der Aidshilfe und Aidsberater im Kölner Gesundheitsamt: „Auf einmal saßen all diese Menschen vor mir, mit ihrer Ohnmacht und ihrer Wut. Damals beschloss ich, mich bedingungslos auf die Seite der Infizierten zu stellen.“ Ein Beschluss, der letztlich zur Gründung der Deutschen Aids-Stiftung führte.
1986 erbte Jarchow von seinem Vater eine beträchtliche Summe Geld. Jarchow senior hatte bis in die Sechziger Jahre ein kleines Vermögen mit der Deutschland-Lizenz für Campari gemacht. Als Teile dieses Vermögens nun auf dem Konto von Sohn Rainer landeten, war diesem klar, dass er das Geld für einen sozialen Zweck einsetzen würde. Die Gründung einer Stiftung zugunsten von Menschen mit HIV lag nahe.
Bild titelte: “Campari-Erbe gibt eine Million für Aidskranke”
Eine Million D-Mark investierte Jarchow in das Projekt. Sein Ziel war dabei nicht nur die finanzielle Unterstützung von Aidskranken, sondern auch die Auslobung eines Medienpreises für Journalisten, die angemessen und aufklärerisch über die Krankheit berichteten. Dank seiner Freundschaft zu Ute Canaris, damals Leiterin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, gewann Jarchow das Land Nordrhein-Westfalen als Unterstützer. So ging die Stiftungsgründung im Mai 1987 mit einer Landespressekonferenz einher, die die Organisation prompt in alle Medien brachte. Die Tagesthemen berichteten und die Bild-Zeitung titelte: „Campari-Erbe gibt eine Million für Aidskranke“.
Die daraus resultierende Prominenz erleichterte die Rekrutierung von Geldgebern und weckte die Aufmerksamkeit der HIV-Positiven. Die Stiftung wurde zum Selbstläufer. Und sie operierte auch dann erfolgreich weiter, als ihr Gründer 1994 zurück in seine Heimat Hamburg zog, um dort jene denkwürdige Dekade als Aids-Pastor zu bestreiten, in der sich hinsichtlich HIV und Aids unglaublich viel veränderte.
„In dieser Zeit trat das ein, was man mit dem unschönen Wort ‚Normalisierung‘ bezeichnen kann. Nach der Welt-Aids-Konferenz in Vancouver 1996 und der Einführung der antiretroviralen Therapie ging meine Arbeit allmählich von der Sterbeberatung zur Lebensberatung über.“ 2004 dann der Ruhestand, 2005 die Ehrung mit dem Bundesverdienstkreuz Erster Klasse, 2007 die Verleihung der Goldenen Kompassnadel vom Schwulen Netzwerk NRW.
Ein Rückzug ins Private kommt nicht in Frage
2011 steht nun im Zeichen von Hochzeit und siebzigstem Geburtstag. Ein endgültiger Rückzug ins Private? Mitnichten. Rainer Ehlers bleibt Ansprechpartner für die Aidshilfen, sitzt weiterhin im Fachbeirat seiner Stiftung und steht als Redner für Symposien zur Verfügung.
„Ich denke, dass meine Beurteilung und meine Art mit Dingen umzugehen noch immer hilfreich sein können“, sagt er. „Weil ich völlig unabhängig bin. Eine sehr privilegierte Position, wie ich finde.“
Tatsächlich ist seine Unabhängigkeit das Wesentliche, zu dem man Rainer Ehlers an seinem Siebzigsten beglückwünschen muss, denn sie ist sein eigener Verdienst. Er ist objektiv geblieben, weil er sein Schaffen immer daran ausgerichtet hat, was gerade nötig war, nicht an persönlichen Eitelkeiten.
Dass er seinen Nachnamen abgelegt hat, ist dafür ein gutes Beispiel. Rainer Ehlers braucht den Applaus nicht, den ihm der „Wertbegriff“ Jarchow einbringt. Wir applaudieren auch und gerade deswegen und sagen: Herzlichen Glückwunsch!
Gesundheit braucht Solidarität. Lebenslänglich!

Carsten Schatz in der Paulskirche. Foto: AIDS-Hilfe Frankfurt
In diesem Jahr stand die zentrale Veranstaltung der AIDS-Hilfe Frankfurt zum Welt-Aids-Tag in der Paulskirche unter dem Motto „Gesundheit, lebenslänglich“. In seinem hier dokumentierten Redebeitrag setzt DAH-Vorstandsmitglied Carsten Schatz dem in der Gesellschaft weit verbreiteten und von der Gesundsheitspolitik geförderten Ansatz, dem Einzelnen die Verantwortung für seine Gesundheit zuzuschreiben, seine Sicht der Dinge entgegen: Ohne Solidarität hätten die wesentlichen Fortschritte im Umgang mit der HIV-Infektion in Deutschland nicht errungen werden können, und nur mit Solidarität wird es gelingen, Missstände wie die fehlenden Spritzentauschprogramme zu beseitigen. Denn: „Da liegt noch ne Menge Arbeit auf der Straße“.
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde,
ich möchte noch einige Momente zu meiner Vorstellung hinzufügen. Ich bin seit fast 20 Jahren HIV-positiv, also chronisch krank, wie eben dargestellt wurde, aber ich fühle mich gesund. Außerdem bin ich ich ein chronischer Weltverbesserer.
Als ich zu Beginn des Jahres eingeladen wurde, an der traditionsreichen Veranstaltungen der Frankfurter AIDS-Hilfe in der Paulskirche teilzunehmen, habe ich mich sehr gefreut, und nach (auch für mich) bewegten Monaten in diesem Jahr freue ich mich, hier zu Ihnen sprechen zu können.
Gesundheit, lebenslänglich! ist der heutige Abend überschrieben und spielt auf Diskurse an, die seit einigen Jahren in unserer Gesellschaft geführt werden. Dabei wird Gesundheit im Wesentlichen als ein Zustand der Abwesenheit von Krankheit betrachtet und dem Individuum die Verantwortung zugeschrieben, für diesen Zustand so lange wie möglich zu sorgen. Das geschieht ganz unterschiedlich. Appellativ: Rauchen gefährdet ihre Gesundheit! Auch durch Drohungen – zumindest für mich ist es eine – Rauchen lässt ihre Haut altern! – oder auch durch die Verweigerung gesellschaftlicher Solidarität. So wurden bereits vor einigen Jahren Folgeerkrankungen von Tätowierungen oder Piercings aus dem Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen gestrichen.
Meine These dagegen ist: Gesundheit braucht Solidarität. Lebenslänglich!
Die Ottawa-Charta der Weltgesundheitsorganisation WHO aus dem Jahre 1986 formulierte andererseits: „Um ein umfassendes körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden zu erlangen, ist es notwendig, dass sowohl einzelne als auch Gruppen ihre Bedürfnisse befriedigen, ihre Wünsche und Hoffnungen wahrnehmen und verwirklichen sowie ihre Umwelt meistern bzw. verändern können. In diesem Sinne ist die Gesundheit als ein wesentlicher Bestandteil des alltäglichen Lebens zu verstehen und nicht als vorrangiges Lebensziel. Gesundheit steht für ein positives Konzept, das in gleicher Weise die Bedeutung sozialer und individueller Ressourcen für die Gesundheit betont wie die körperlichen Fähigkeiten. Die Verantwortung für Gesundheitsförderung liegt deshalb nicht nur bei dem Gesundheitssektor, sondern bei allen Politikbereichen und zielt über die Entwicklung gesünderer Lebensweisen hinaus auf die Förderung von umfassendem Wohlbefinden hin.“
Die Rede ist von
- umfassenden körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefinden
- von der Befriedigung individueller wie kollektiver Bedürfnisse
- der Wahrnehmung und Verwirklichung von individuellen und kollektiven Wünschen und Hoffnungen
- vom Meistern der Umwelt – auch im Sinne von Veränderbarkeit
- von Gesundheit als einem positiven Konzept in der Einheit von individuellen und sozialen Ressourcen
- und von Gesundheit als einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe mit dem Ziel des umfassenden Wohlbefindens.
In der deutschen Gesundheitspolitik und ihren Debatten fühle ich mich oft, als gäbe es diese Erkenntnisse nicht. Genau der Zusammenhang zwischen Individuellem und Kollektivem beschreibt Solidarität, erfordert sie und beschreibt ihre Grundlagen. Gemeinhin wird Solidarität als ein Zusammengehörigkeitsgefühl beschrieben oder als Miteinander auf der Basis von Gegenseitigkeit. Ich möchte einen Schritt weiter gehen. Solidarität ist für mich zunächst bedingungslos und uneigennützig. Sie erweist sich – wie alles – in der Praxis und nicht in Worten. Solidarität ist mehr als Mitgefühl. Solidarität bedingt Freiheit und kann nicht erzwungen werden. Solidarisch ist man oder frau nicht, solidarisch handelt man oder frau.
Nun wird nicht nur mir entgegengehalten, dass Solidarität ihre Grenzen habe. Ein junger Mann, der sich heute, mit dem Wissen der letzten 30 Jahre, mit HIV infiziere, der sei doch selbst schuld, der verdiene keine Solidarität, noch weniger, wenn er sich vor dem Gang in die Sauna, den Darkroom – wohin auch immer – mit Drogen beneble. Er müsse das Risiko doch kennen.
Dahinter steckt auch ein Hauch Diktatur
Die Raucherin, die trotz der erschreckenden Mitteilung „Rauchen lässt ihre Haut altern“ zur Zigarette greift. Der Autofahrer, die Bergsteigerin, der Extremsportler, die Alkoholikerin, die Aufzählung ließe sich, je nach Perspektive unendlich fortsetzen…. nicht enthalten sind allerdings die workaholics, meist gut bezahlt, die sich zum frühen Herzinfarkt arbeiten.
Was steckt da eigentlich dahinter? Neben – wie auch immer motivierten – Schulddiskursen ist es auch der Drang zur Normierung, auch ein Hauch Diktatur, aber vor allem die Idee, individuelles Wissen führe zu Verhaltensänderung und diese Verhaltensänderung zu mehr Gesundheit. Am Rande: Dass dem leider nicht so ist, erleben HIV-Positive jeden Tag. Zahnärztinnen und Zahnärzte, die HIV-positiven die Behandlung verweigern, Radiologinnen und Radiologen, die für eine Röntgenaufnahme eines Positiven Gummihandschuhe anziehen. Beispiele dafür, dass Wissen, dass ich bei Ärztinnen und Ärzten voraussetze, eben nicht zu einer Verhaltensänderung führt.
Der Grundfehler aus meiner Sicht liegt hier in der Betonung der individuellen Verhaltensänderung als Grundlage von Gesundheit. Erinnern wir uns noch mal an die Ottawa-Charta, den Zusammenhang von Individuellem und Kollektiven.

Das Zeichen für Solidarität in der Paulskirche. Foto: AIDS-Hilfe Frankfurt
Die Aidshilfen in Deutschland haben schon Anfang der 90er Jahre ein Arbeitskonzept entwickelt, das die strukturelle Prävention postuliert, den Zusammenhang von Verhaltens- und Verhältnisprävention, das Miteinander von Primärprävention, also der Verhinderung von HIV-Infektionen, die Sekundärprävention, Maßnahmen zur Verhinderung des Ausbruchs von Aids und der Tertiärprävention, Maßnahmen, um den Menschen so lange wie möglich ein gutes Leben mit dem Vollbild Aids zu ermöglichen, ein Konzept das Freiheit, Selbstbestimmung und Solidarität verbindet und fördert.
Bernd Aretz hat dazu rückblickend formuliert: “Gesundheit war nicht von Virenfreiheit abhängig, sondern davon, dass in der konkreten Lebenssituation ein Höchstmaß an Autonomie und Würde erhalten blieb. Dies setzte einen geänderten gesellschaftlichen Umgang und eine Förderung der individuellen Möglichkeiten voraus. Die Strukturen mussten geändert werden. Das ging von der Abschaffung des §175 zur Legalisierung der Substitution und möglichst auch des Drogengebrauchs zur rechtlichen Absicherung der Sexarbeiter/innen bis zu einem grundlegend anderen Umgang mit Migranten.”
Solidarität fällt nicht vom Himmel
Und in dieser Beschreibung steckt die nächste Dimension von Solidarität, einer Solidarität, die in Aidshilfen und in der Selbsthilfe der Menschen mit HIV/Aids gewachsen ist und die wir die Solidarität der Uneinsichtigen nannten. Eine Solidarität, die uns gegenseitig stärkte und die uns half, unsere Umwelt zu meistern und zu verändern.
Die Abschaffung des §175 war hier schon erwähnt, die Legalisierung von Substitution, das Prostitutionsgesetz – all diese Veränderungen konnten gemeinsam erreicht werden.
Aber auch diese Solidarität muss immer neu errungen werden, fällt nicht vom Himmel. Wenn ich heute bei facebook lese, dass ein Freund von mir aus München ebendort im schwulen Distrikt von einem jungen Schwulen ob seines sichtbaren Alters angepöbelt wird, dann zeigt das, da liegt noch ne Menge Arbeit auf der Straße.
Es zeigt mir – nebenbei bemerkt – auch, dass die schwulen Communities endlich realisieren sollten, dass neben der rechtlichen Gleichstellung, die wir bis auf die Öffnung der Ehe weitgehend erreicht haben, weitere Debatten geführt werden müssen, in denen es um eine Vielfalt von Vor-Bildern auch in den schwulen Communities geht, eine Vielfalt, die den Normierungen in schwulen Szenen etwas entgegensetzt und der neuen Generation ein unbeschwerteres Leben ermöglicht.
Natürlich brauchen wir auch eine Debatte – und die haben wir – über Homophobie in der Gesellschaft, ihre Ursachen und wirksame Strategien zur Förderung sexueller Vielfalt. Beispielgebend sind hier die Bundesländer Berlin und Nordrhein-Westfalen, die Landesprogramme aufgelegt haben bzw. auflegen, übrigens unter breiter Beteiligung der Communities.
Dass es der Aids-Bewegung bis heute nicht gelungen ist, im Gegenteil zu Spanien, die Spritzenvergabe in deutschen Knästen (mit einer Ausnahme, dem Frauenknast in Berlin-Lichtenberg) durchzusetzen, schmerzt mich. Martin Dannecker nannte das auf der Präventionskonferenz der Deutschen AIDS-Hilfe einen Grund sich zu empören. Dem ist nichts hinzuzufügen.
Denn auch hier gilt die Achtung von Autonomie und nicht der Drang, Ideologie – der Knast wäre drogenfrei – in den Himmel zu heben. deshalb wird es für die DAH in den nächsten Jahren ein wichtiger Schwerpunkt sein, hier deutliche Fortschritte zu erreichen.
Der Moment der Konfrontation mit Menschen mit HIV wird vernachlässigt
Und – bevor die berechtigten Einwände kommen – ja, HIV/Aids hat sich verändert. Es ist zu einer chronischen Erkrankung geworden. Viele Menschen haben die Panik vor dem schnellen Tod verloren. Ich finde das nicht schlimm. Schlimm finde ich vielmehr, dass im öffentlichen Diskurs nach wie vor auf alleinige Wissensvermittlung gesetzt wird und das andere – für mich so wichtige – Moment der Konfrontation mit Menschen mit HIV vernachlässigt wird. Ich bin froh, dass es der DAH gelungen ist, in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, dem Bundesministerium für Gesundheit und der Deutschen AIDS-Stiftung, seit dem vergangenen Jahr eine Kampagne zum Welt-Aids-Tag zu machen, die reale Menschen mit HIV in den Mittelpunkt stellt, Konfrontation und Solidarität ermöglicht. Leider läuft diese Kampagne eben nur zum Welt-Aids-Tag und nicht das ganze Jahr über.
Denn die Angst vor Diskrimierung und Ausgrenzung ist geblieben, und sie ist real. Wenn vor wenigen Wochen in Berlin einem jungen Mann gekündigt wurde, weil er HIV-positiv ist, wohlgemerkt, es geht nicht um einen Chirurgen, der unter Umständen, wie es ein befreundeter Chirurg ausdrückte, bis zum Ellenbogen in eines Patienten Körper steckte, nein, der junge Mann war für die Qualitätskontrolle in einem Pharma-Unternehmen zuständig. Die Begründung des Gerichts, das die Kündigung für rechtmäßig hielt, hat übrigens nicht den konkreten Arbeitsablauf und daraus erwachsende Gefahren – die es nicht gibt – benannt, sondern darauf rekurriert, dass HIV als chronische Erkrankung nicht vom Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz abgedeckt sei. Nun denn, meine Damen und Herren aus den Parteien – ich nehme das auch selbst als Mitglied einer Partei mit-, dann müssen wohl chronische Erkrankungen in diesen Katalog aufgenommen werden.
Und gegen diese Diskrimierung und Ausgrenzung müssen wir aufstehen, wann immer sie uns begegnet. Sei es in dieser Form oder in Form von Homophobie, der Kriminalisierung des Drogengebrauchs, Sexismus oder Rassismus. Und das geht eben nicht nur an den entsprechenden Tagen, wie dem 1. Dezember, dem 8.März (Welt-Frauentag – wer es nicht weiß), dem 17. Mai (dem internationalen Tag gegen Homophobie), im Juli zum Gedenktag für die Opfer des illegalisierten Drogengebrauchs, sondern das ganze Jahr über in der Straßenbahn, im Bus, in der Schule, am Arbeitsplatz, in der Kneipe und im Verein.
„Gegen Elend und Seuche kann nur der Umsturz helfen“
Denn genau diese Solidarität kann – wir erinnern uns an Ottawa – dazu beitragen, körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden zu steigern. Und gemeinsam müssen wir den gesellschaftlichen Diskursen entgegentreten, die uns gegeneinander ausspielen wollen, die Solidarität verhindern. Die finanzielle Zukunft der deutschen Sozialversicherungssysteme wird eben nicht durch Leistungskürzungen wiederhergestellt, sondern durch Umstellung der Mechanik der Beitragsrechnung. Die wurde im Zeitalter der industriellen Massenproduktion erfunden, auf dem damals der gesellschaftliche Reichtum basierte. Der Reichtum ist noch da, er wächst sogar stärker als je zuvor, allerdings erarbeiten ihn immer weniger Menschen. Also sollte die Finanzierungsgrundlage verbreitert werden, dann sind die solidarisch finanzierten Sozialversicherung für alle auch weiter zu finanzieren. Das klingt nach Umsturz?
Übrigens: Auch diese Erkenntnis ist nicht ganz neu. Rudolf Virchow, der berühmte Berliner Arzt, der auch ein 1848-er Revolutionär war, formulierte: „Gegen Elend und Seuche kann nur der Umsturz helfen, der zu Freiheit und Wohlstand führt.“
Herzlichen Dank!
„Wenn sie irgendwo spukt, dann hier“

Polit-Tunte Thomas Gerards alias Melitta Sundström (Foto: Jürgen Baldiga)
Was bleibt von einem Menschen? An Melitta Sundström, Deutschlands bekannteste Soultunte, erinnert ein Café in Berlin, das ihren Namen trägt, und ein bestimmter Geist, der noch heute sehr lebendig ist. Ein Besuch bei ihrer Weggefährtin Tima die Göttliche. Von Paul Schulz
„Man lebt zweimal“, schrieb Honoré de Balzac: „Das erste Mal in der Wirklichkeit, das zweite Mal in der Erinnerung.“ Wie also erinnern wir uns an die an Aids verstorbenen Menschen? Was bleibt von ihnen, wie bleiben sie in unserem Gedächtnis? Mit diesen und anderen Fragen zum Gedenken beschäftigt sich unser Blog-Themenschwerpunkt auch in diesem Monat.
Tima die Göttliche lächelt und steckt sich in ihrer kleinen Küche in Berlin-Wedding noch fix eine Selbstgedrehte an, bevor sie antwortet. „Es ist schon lustig, dass du gerade jetzt damit kommst. Weil, ich habe erst letzte Woche von ihr geträumt.“ Und, war schön? „Ja, war schön.“ „Sie“, von der da geträumt wurde, ist Melitta Sundström, die berühmteste „Soultunte“ der Welt, „Urberlinerin aus Bad Kreuznach“, ebendort am 31. Oktober 1964 als Thomas Gerards geboren und am 8. September 1993 in Berlin an den Folgen von Aids gestorben.
„Sie ist nicht weg, nicht für mich, nein. Aber das, was sie wollte, das, wofür sie stand, das ist ein bisschen weg.“ Und das war? „Stil, ihr Gesang, ihre Musik, dass ein Mann in einem Kleid auf einer Bühne oder sonstwo eben nicht bloß eine Veranstaltung ist, sondern eine politische Veranstaltung.“
Das hat Melitta angetrieben? Tima lacht. „Angetrieben haben sie erst mal die anderen. Man muss wissen, Melitta war gerne faul. Die hatte für einen liebevollen Tritt in den Arsch immer Verwendung.“ Hinter einer großen Tunte stehen viele andere. So ist das.
Die Verschränkung von Kunst, Unterhaltung, Politik und Sex war einmalig
Die anderen, das waren zum Beispiel Melitta Poppe, Chou Chou de Briquette und BeV Stroganoff. Zusammen mit Melitta Sundström bildeten sie „Ladies Neid“, auch so viele Jahre nach ihrer Auflösung immer noch das legendärste Tuntenensemble der Hauptstadt. Im wilden West-Berlin der 80er Jahre waren sie meilenweit von dem entfernt, was man sich unter „Damenimitation“ bis dahin so vorstellte. „Es gab diese Regel, dass keine von uns auf die Bühne durfte, bevor sie nicht wenigstens eine Laufmasche in der Strumpfhose hatte. Es ging ja nicht darum, ‚schön‘ zu sein, sondern um Inhalte.“ Und die waren politisch, hochpolitisch. „Trümmertunten gab es so vorher nicht. Und die Verschränkung von so was wie Kunst, Unterhaltung, Politik und Sex war schon entscheidend für das, was wir gemacht haben. Ist es für unsere Generation noch, denke ich.“
Und es wurde live gesungen, was Tima jetzt manchmal fehlt. „Wenn ich heute die neue Generation sehe, die wieder zu amerikanischen Popsongs billiges Playback-Gehampel macht, denke ich öfter an Melitta und was sie dazu wohl gesagt hätte.“ Und das wäre? „Nüscht. Sie war keine, die gemeckert hat. Es ging auch ums Vorleben, darum, es für sich richtig zu machen, nicht darum, über andere herzuziehen. Sie hätte sich das angeguckt und wäre gegangen. Oder hätte sich die Mädels nach der Vorstellung gegriffen und gesagt: ‚Wir sollten uns mal unterhalten‘.“
Sundström wäre, lebte sie noch, heute wohl eine der berühmtesten Tunten Deutschlands. Eines ihrer letzten großen Projekte war ihr phänomenaler Gospelchor, den sie auf die Beine gestellt hatte. Nur wenige Tage vor ihrem Tod konnte Melitta noch im Café Anderes Ufer ihre erste eigene CD vorstellen – unter Sammlern ist das Album längst ein begehrtes Objekt.
„Melitta wäre heute berühmt, da bin ich sicher“
„Melitta wäre heute berühmt, da bin ich relativ sicher. Weil sie mit ihrer Musik weitergemacht hätte. Und zwar nicht rückwärtsgewandt, sondern immer mit den Augen nach vorn. Ich bin ja selber eher an Traditionen und der Vergangenheit interessiert, das war bei Melitta nie so. Die wollte immer aktuell sein und war gedanklich immer mehr im Hier und Jetzt und der Zukunft unterwegs, auch und gerade in ihrer Arbeit. Vielleicht hätte sie in den 90ern Soul und Techno gekreuzt, wer weiß.“
Dass Melitta Sundström in ihrer Arbeit, in ihren Shows und Songs, auch HIV zum Thema machte, war da nur schlüssig. „Sie hat sich immer mit dem beschäftigt, was gerade war, auch mit ihr selbst, und da ging’s dann auch um das Virus. Die Zeit war ja auch eine ganz andere. Es gab noch keine Kombitherapie.“

Das nach Melitta Sundström benannte Café in Berlin
Tima ist nicht die Einzige, die öfter an Melitta denkt. Jeder Besucher des Berliner Cafés Melitta Sundström muss seit vielen Jahren unter ihrem Namen durch. Was ihr nicht gefallen hätte. „Kommerzialisierung war nicht ihre Sache. Das wäre zu ihren Lebzeiten nur gegangen, wenn sie da umsonst hätte trinken können. Und dann hätte sie da jede Woche drei Partys geschmissen und der Laden wäre ganz schnell pleite gewesen“, vermutet die alte Freundin lachend.
Der Berliner Orden der Schwestern der Perpetuellen Indulgenz trägt Melitta zu Ehren den Hausnamen „Erzmutterhaus Sankta Melitta Iuvenis“ (Melitta die Jüngere im Vergleich zu Melitta Poppe). „Diese Art von Gedenken passt dann wieder zu ihr, schließlich hat sie sich jahrelang selbst dort engagiert.“
Wenn Tima aus dem Haus geht, glaubt sie manchmal, Melitta zu sehen. „Das passiert so einmal die Woche, dass ich irgendwo oder an irgendjemandem etwas sehe und denke, ich sehe sie. Gesten, oder eine Stimme. Wir waren ja auch ständig im Fummel unterwegs, auch wenn wir nicht aufgetreten sind. Deswegen sehe ich jetzt manchmal Frauen Ende 40, die groß und dünn sind, und überlege mir, ob sie wohl so aussehen würde.“
„Ihre Leiche hat uns die Familie ja bei Nacht und Nebel weggeschafft”
Einen Ort, an den Tima gehen könnte, um sich an Melitta zu erinnern, gibt es nicht. Zwar hat Ichgola Androgyn, eine andere Tuntenlegende, auf dem Berliner St. Matthäus-Kirchhof ein kleines Café eröffnet, aber Melitta ist nicht in Berlin beerdigt. „Ihre Leiche hat uns die Familie ja bei Nacht und Nebel weggeschafft und in Meisenheim, im Westen der Republik, verscharrt. Das würde heute auch nicht mehr passieren. Jetzt würden wir klagen. Damals ging das nicht.“ Aber Melitta ist nach wie vor an der Spree. „Wenn sie irgendwo spukt, dann hier. Wo sollte sie sonst sein? Ich kann mir eigentlich nichts anderes vorstellen. Aber ich kann sie ja mal fragen, wenn ich das nächste Mal von ihr träume.“
Hörbeispiel aus Melitta Sundströms musikalischem Werk: “Kassel”
Weiterer Beiträge in unserer Artikelreihe zum Thema Erinnern und Gedenken:
Orte des Gedenkens und kollektiven Erinnerns
„Der Tod ist das zweite große Fest im Leben“ – Interview mit Matthias Hinz
Orte des Gedenkens und kollektiven Erinnerns
„Ihr sollt nicht trauern, sondern weiter euren Träumen und Hoffnungen folgen“
Die singende Nervensäge

Larry Kramers „Schwuchteln“: beißende Satire und lange pornografische Erzählung. Foto: David Shankbone
Pünktlich zum Welt-Aids-Tag am 1. Dezember erschien Larry Kramers Roman „Schwuchteln“ auf Deutsch. Ein Porträt des unbequemsten, aber vielleicht auch wichtigsten schwulen Schriftstellers der Gegenwart von Paul Schulz.
Was man über Larry Kramer wissen sollte: Er ist eine Nervensäge. Und positiv. Er hat in den letzten 30 Jahren vermutlich mehr Menschen das Leben gerettet als das UN-Flüchtlingshilfswerk. Außerdem ist er einer der wichtigsten amerikanischen Schriftsteller der letzten 50 Jahre – und vielleicht der Autor, den viele Kollegen in einer an Missgunst nicht gerade armen Branche am meisten hassen. Er war für seine Drehbücher, Romane und Stücke schon für den Oscar und den Pulitzer-Preis nominiert und hat mit „Faggots“ einen der ewigen Bestseller der amerikanischen Literatur geschrieben. Trotzdem hat es 33 Jahre gedauert, bis Kramers Roman unter dem schmissigen Titel „Schwuchteln“ auf Deutsch erschienen ist.
Larry Kramer sagt von sich, er sei erst 1980 – zu Beginn der Aidskrise – geboren worden. Tatsächlich kam er am 25. Juni 1935 auf die Welt, als jüngerer von zwei Brüdern. Die Familie gehörte zum gutsituierten jüdischen Bürgertum von Oregon im US-Bundesstaat Connecticut. Larry war ein unglückliches Kind, das seine Eltern nicht mochten, aber ein guter Schüler. 1953 begann er ein Studium der Englischen Literatur an der Elite-Universität Yale, versuchte aber noch im selben Jahr, sich mit einer Überdosis Aspirin umzubringen, weil er einsam war und dachte, er sei der einzige Schwule auf dem gesamten Campus.
Die schwule Prä-Aids-Szene in ihrer ganzen sinnesfreudigen Pracht, aber auch kompletten emotionalen Leere
Der Selbstmordversuch setzte seine Lebensthemen: die Akzeptanz schwulen Lebens und das Nachdenken über die Natur der Liebe unter Männern sowie die Umstände, die ihr entgegenstehen. Nachdem er sein Studium 1957 erfolgreich abgeschlossen hatte, arbeitete er für große Filmfirmen als Drehbuchautor. Für sein Script zum Film „Liebende Frauen“ des diese Woche verstorbenen Meisterregisseurs Ken Russell wurde er 1969 für den Oscar nominiert. Mit 35 veröffentlichte er den Roman „Schwuchteln“, den viele als beißende Satire und einige als lange pornografische Erzählung lasen. Beides geht.
„Schwuchteln“ ist die Geschichte des Drehbuchautors Fred Lemish, der sich ein Wochenende lang quer durch New York und Umgebung vögelt, obwohl er eigentlich auf der Suche nach der großen Liebe ist. Kein anderes schwules Buch hat das Publikum bis heute so gespalten wie dieses, weil Kramer nicht nur kein Blatt vor den Mund nimmt, sondern die schwule Prä-Aids-Szene in ihrer ganzen sinnesfreudigen Pracht, aber auch kompletten emotionalen Leere darstellt.
Susan Sontag, Erica Jong und viele Kritiker lobten den Roman bei Erscheinen als scharfzüngiges, stellenweise unfassbar komisches Meisterwerk. Aber viele schwule Männer nahmen es Kramer übel, dass er, wie Broadway-Legende Arthur Laurents es ausdrückte, „alle unsere Geheimnisse ausgeplaudert hat“. Sie wollten sich von Kramers Prognose, dass sie sich in Parks, Saunen, auf Klappen und den eigenen Betten „irgendwann noch mal zu Tode ficken“ würden, nicht warnen lassen. Viele dieser auch literarischen Feindschaften halten bis heute. Edmund White, einer weltweit bekanntesten amerikanischen Autoren, hat vor wenigen Jahren geschrieben, Kramer sei „eigentlich schon in den 1970ern nicht ansehnlich genug gewesen, um die Orgien, über die er in ‚Schwuchteln’ schreibt, überhaupt beurteilen zu können.“
Ein Mann predigt an der Bootsanlegestelle von Fire Island das Ende der hypersexualisierten Welt
Einen ersten Versuch, das Buch in Deutschland zu veröffentlichen, gab es schon Mitte der 1980er, doch das Projekt wurde mit Auftreten der ersten Aidsfälle hierzulande fallen gelassen. Man sollte das Buch heute nicht nur wegen seiner literarischen Qualität lesen, sondern weil Kramer sich damit unbeabsichtigt als einer der großen Propheten des 20. Jahrhunderts erwies. „Ich war bis dahin kein politischer Aktivist gewesen, sondern verbrachte meine Sommer auf Fire Island. Dabei ging es um die reine Schönheit und die golden schimmernden Jungs in den Dünen. Männer, die protestierend die Fifth Avenue heruntermarschierten, lebten in einer anderen, mir sehr fremden Welt.“

Kein anderes schwules Buch hat das Publikum bis heute so gespalten wie "Schwuchteln"
Nur zwei Jahre nach Erscheinen von „Schwuchteln“ erkrankten die ersten Freunde Kramers an einer neuen, mysteriösen Krankheit, und er fing an, schwule Männer öffentlich und in Person davor zu warnen, wahllos mit jedem Sex zu haben, der ihnen vor den Schwanz lief. Man muss sich das vorstellen: Ein Mann steht 1981 an der Bootsanlegestelle von Fire Island und predigt laut das Ende der hypersexualisierten Welt, in die alle Ankömmlinge gerade hinein wollen, und das massenhafte Sterben aller Beteiligten. Die meisten von ihnen müssen ihn für schwachsinnig gehalten haben.
Aber Larry Kramer beließ es nicht dabei, sondern lud Bekannte und Freunde in seine New Yorker Wohnung ein, damit Ärzte ihnen dort erklären konnten, wie die Erkrankungen ihrer Freunde mit der neuen rätselhaften Bedrohung zusammenhingen. Diese Männer gründeten 1982 die New Yorker Gay Men‘s Health Crisis (GMHC), eine der ersten schwulen Selbsthilfeorganisationen. Sie wurde bald die wichtigste Einrichtung, wenn es darum ging, HIV-infizierte und aidskranke Männer zu unterstützen und dafür Spenden zu sammeln. Als Ärzte 1983 schwule Männer erstmals offen davor warnten, weiterhin in Saunen und Darkrooms Sex zu haben, wollte Kramer, das der GMHC diese Botschaft so schnell und laut wie möglich weiterverbreitet und endlich von der Politik die bislang ausgebliebene Unterstützung einfordert. Weil viele anderer Meinung waren, überwarf sich Kramer mit dem GMHC.
1988 erfuhr Kramer, dass er an Hepatitis B erkrankt und selbst HIV-positiv war
Über diese ersten Jahre der Aidskrise schrieb Kramer das Theaterstück „The Normal Heart“, das 1985 in New York uraufgeführt wurde und mit über einem Jahr Laufzeit immer noch eines der meistgespielten Stücke in der amerikanischen Theatergeschichte ist. Es wurde 2011 am Broadway wiederaufgeführt und gewann in dieser Inszenierung drei Tonys. Ryan Murphy (Nip/Tuck, Glee) erwarb daraufhin die Filmrechte und plant, das Stück demnächst ins Kino zu bringen, nachdem Barbra Streisand das zuvor jahrelang vergeblich versucht hatte.
1987 war Kramer einer der Mitbegründer von ACT UP, einer Gruppe radikaler Aids-Aktivisten, die rund um den Globus Kirchen, Parlamente und Rathäuser stürmten und lautstark klare politische Forderungen stellten. Kramer veröffentlichte seine gesammelten Artikel und Aufsätze aus dieser Zeit unter dem Titel „Reports from the Holocaust“. Viele Menschen glauben, es sei zu einem großen Teil ACT UP zu verdanken, dass Aids in den USA ins öffentliche Bewusstsein gelangte und die amerikanische Regierung endlich begann, sich des Problems anzunehmen. 1988 erfuhr Kramer im Rahmen einer Operation, dass er an Hepatitis B erkrankt und selbst HIV-positiv war, was er schnell öffentlich machte.
Larry Kramer sagt immer wieder: Dass es heute Kombitherapien und in der westlichen Welt eine gut funktionierende Gesundheitsversorgung für Millionen HIV-Positiver gibt, sei die größte zivilisatorische Leistung einer diskriminierten Gruppe in der Menschheitsgeschichte. Und das stimmt wahrscheinlich auch, trotz des darin enthaltenen Selbstlobes.
Auf rund 4.000 Manuskriptseiten eine schwule Geschichte Amerikas von der Steinzeit bis in die Gegenwart
2001 meldete die Nachrichtenagentur AP, Larry Kramer sei gestorben – ein Fauxpas, über den er sich heute noch gelegentlich amüsiert. Im Frühjahr 2001 hatte er, weil er immer kränker wurde, mit dem Ordnen seiner Hinterlassenschaften begonnen. Aber Kramer starb nicht, sondern bekam im Dezember desselben Jahres als einer der ersten HIV-positiven Patienten eine neue Leber, weil seine alte von der Hepatitis stark geschädigt worden war.

Kramers Botschaft: Wir sollten uns selbst und gegenseitig so viel wie möglich lieben
Seit 1978 arbeitet Kramer an einem Text, der den unbescheidenen Titel „Das Amerikanische Volk“ trägt. Dieser spielt darauf an, dass es Kramer immer wütend macht, wenn Politiker von dem sprechen, was „das Amerikanischen Volk“ will, und Schwule dabei bewusst ausschließen. Deswegen entwirft Kramer auf rund 4.000 Manuskriptseiten eine schwule Geschichte Amerikas von der Steinzeit bis in die Gegenwart. 2012 soll das Buch in zwei Bänden nun endlich erscheinen. Bis dahin ist noch viel Zeit, „Schwuchteln“ zu lesen und Kramer so kennenzulernen.
Wenn Kramer sich etwas wünscht, klingt das heute so: „Ich wünschte, ich könnte allen Schwulen etwas begreiflich machen, von dem ich mit absoluter Sicherheit weiß, dass es wahr ist: Wir werden gehasst. Sind noch nicht genug von uns gestorben, als dass wir das endlich glauben können? 70 Millionen Aidsfälle, zusammengebraut in einem großen Kessel aus Hass. Wir scheinen nicht begreifen zu wollen, dass je sichtbarer wir werden, je mehr von uns sich outen, desto angreifbarer werden wir auch und umso mehr werden wir gehasst.“ Kramers Antwort darauf ist, dass wir uns selbst und gegenseitig so viel wie möglich lieben sollten. Recht hat er. Auch wenn das manchmal nervt.
„Ich frage mich, ob das alles ‚echt’ war“

Drogentherapiezentrum bei Minsk. Foto: Mütter ohne Drogen
„Therapie statt Strafe“ für Drogengebraucher in Belarus? Die Chancen dafür stehen jedenfalls gut, wie sich bei einem Nationalen Runden Tisch am 24. November 2011 in Minsk zeigte. Einer der hierzu eingeladenen Experten war Sergiu Grimalschi vom Fachbereich „Internationales“ der Deutschen AIDS-Hilfe.
Wenn ich in Minsk bin, verspüre ich als ehemaliger Bürger Rumäniens unter Ceaușescu fast so etwas wie Enttäuschung, dass das autoritäre belarussische Regime – „die letzte Diktatur Europas“ – gar nicht sichtbar ist. Aufgeräumtes Stadtbild, perfekte, breite Straßen, gründlich renovierte, nachts gekonnt beleuchtete stalinistische Klassikarchitektur, kaum sichtbare Polizeipräsenz, kein Bild des Präsidenten, kein protziger Reichtum, aber auch keine Not bei den extrem zurückhaltenden, aber weder depressiv noch ängstlich wirkenden Menschen. Viele Baustellen, solide Wohnsilos für die wachsende Stadt und neue Metro-Stationen, dazwischen akkurat geschorener Rasen, viel Grün und alles derart ordentlich und vornehm, dass es fast skandinavisch wirkt.
„Wir Belarussen hassen doch niemanden“
Auf dem zentralen Platz dominiert wie eh und je Lenins Denkmal. „Wir Belarussen möchten unsere Geschichte nicht korrigieren, wir stehen dazu“, sagt der freundliche Taxifahrer. Die einzigen patriotischen Sprüche beschränken sich auf „We love Belarus“-Plakate mit ökologisch anmutenden Herzchen in der Mitte. Die beiden Attentäter vom Bombenanschlag in der U-Bahn am 11. April 2011 sind gefasst und zum Tode verurteilt. „Es gab 15 Tote und 300 Verletzte“, so mein Chauffeur.
Es herrscht Frieden im Land. Der Taxifahrer ist froh, dass die Regierung jetzt im Winter wieder bis zu 89 Prozent der Wohnnebenkosten übernimmt, dass für alle benachteiligten Kinder ein Studienplatz garantiert ist und dass es keinen wilden Kapitalismus wie in den Nachbarländern gibt. Er weiß aber auch genau, wo es einen schwulen Club gibt und wie im Sommer der „Slavic Pride“ abgelaufen ist: „Kurz, aber viel friedlicher als bei den Russen. Wir Belarussen hassen doch niemanden“. Was er nicht weiß, ist, dass der berühmte Modemacher Sascha Varlamov kurz nach seinem öffentlichen Selbstouting als Schwuler wegen „Veruntreuung öffentlicher Gelder“ (falsch abgerechnete Dienstreise-Tagegelder) festgenommen wurde und in Haft einen Selbsttötungsversuch unternahm.
Als ich dem Fahrer sage, dass ich hier bin, um den belarussischen Entscheidungsträgern Argumente zu liefern, weshalb man straffälligen Drogenabhängigen besser eine Therapie anbietet, statt sie ins Gefängnis zu stecken, ist er sichtlich enttäuscht („Ich dachte, Sie bringen etwas Vernünftiges aus Deutschland!“) und fährt mich wortlos zum fast am Stadtrand gelegenen Tagungszentrum „Johannes Rau“ bei der deutschen Botschaft in Minsk.
Die Haltung gegenüber Drogen gebrauchenden Menschen ist noch etwas streng
Dort findet am nächsten Tag ein Nationaler Runder Tisch zu „Therapie statt Strafe“ statt. Initiiert wurde er von unserer belarussischen Partnerorganisation „Mütter gegen Drogen“. Diese seit mehr als zehn Jahren tätige NGO, die heute mehr ehemalige Drogengebraucher als Mütter in ihren Reihen hat, hatte auch die Gesetzesveränderung angestoßen. Vertreter der Organisation waren 2010 bereits zweimal auf unsere Einladung in Deutschland, haben Einrichtungen der Drogenhilfe und -therapie in Nordrhein-Westfalen und Berlin besucht und ließen sich im letzten Sommer von Experten der Deutschen AIDS-Hilfe und von Vista in Minsk zu Drogenberatern ausbilden. Finanziert wird all das vom Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria.
Die Haltung der belarussischen Kollegen gegenüber Drogen gebrauchenden Menschen ist noch etwas streng. Das Gefängnis möchten sie ihnen jedoch ersparen, auch weil sie überzeugt sind, dass eine vom Gericht auferlegte Therapie große Chancen bietet. Dabei hoffen sie auch, dass es mit der Qualität und dem Ausbau der Therapieangebote im Land vorangeht: Bisher nämlich dürften NGOs keine Therapie anbieten, und über medikamentös unterstützten Drogenentzug und etwas Psychotherapie hinaus es gibt noch nicht viel.
Ich stelle überrascht fest, dass die Gesetzesveränderung von allen begrüßt wird
Mit am Runden Tisch sitzen Delegierte aller relevanten Behörden und Strukturen (Gesundheit-, Justiz-, Bildung- und Innenministerium), einige interessierte Parlamentarier, Vertreter der Zivilgesellschaft und von NGOs im Bereich Drogenhilfe sowie etwas Presse. Bloß aus dem Präsidialamt ist niemand erschienen, und es liegt vor dort auch keine schriftliche Stellungsnahme vor.
Nachdem die Ministerien und NGOs ihre Sichtweise präsentiert haben, stelle ich überrascht fest, dass die Gesetzesveränderung von allen begrüßt wird. Im Vorlauf hatte es eine erste positive Lesung im Parlament gegeben, dann folgte ein Pilotprojekt zu „Therapie statt Strafe“, das von unserer Partnerorganisation koordiniert und zusammen mit dem Justizministerium und mit örtlichen Gerichten aus vier Regionen – Pinsk, Svetlogorsk, später auch Zhlobin und Grodno – durchgeführt wurde. Außerdem gibt es bereits mehrere Gerichtsurteile, die eine Therapie vorsehen, sobald das Gesetz vom Parlament endgültig beschlossen ist.
Ich darf anschließend die Situation von „Therapie statt Strafe“ in Deutschland und anderen Ländern erläutern und nutze die Zeit, um – unter anderem am Beispiel Portugals – die Vorteile der Entkriminalisierung des Drogenkonsums darzulegen. Eine rege Diskussion kommt in Gang, in der sich zeigt, dass die „Mütter gegen Drogen“ und wohl auch der führende Drogenarzt der Republik, der weltoffene Oleg Eisberg, der in Deutschland studiert und promoviert hat, enorme Vorarbeit geleistet haben.
Unstimmigkeiten gibt es nur, als man auf die Erfolgsquoten im Pilotprojekt zu sprechen kommt, die einige in der Runde als recht niedrig empfinden. Ich versuche deutlich zu machen, dass die Zahl derer, die ihr Drogenproblem in den Griff bekommen, durch die Substitutionsbehandlung erheblich ansteigen kann. Weil diese Therapieform in Belarus erlaubt und zugänglich ist, bin ich dann doch etwas erstaunt, dass sie für die anwesenden Mediziner keine ernstzunehmende Option darstellt – sie bewirke ja nur “eine andere Form von Abhängigkeit”.
Ich frage mich, ob das alles „echt“ war
Die Runde entscheidet sich für den Aufbau eines Netzes von Therapiezentren, und einige Anwesende beteuern auch gleich ihr großes Interesse an den neuen Patienten. Man beschließt eine Ausschreibung, um geeignete Therapiezentren zu identifizieren und ihre Qualität vor Inkrafttreten des Gesetzes zu verbessern. Dabei ist die Unterstützung von Experten aus Deutschland erwünscht, und wir haben bereits Potenziale und viel Bereitschaft für ein solches Engagement ausgemacht. Zuletzt wird beschlossen, Zeitungen mit nationaler Reichweite über die gesetzliche Neuerung zu informieren, auf dass sie die breite Öffentlichkeit darauf einschwören.
Und dann verschwinden alle leise im belarussischen Nebel. Ich bleibe im Gästehaus der deutschen Botschaft zurück und frage mich, ob das alles „echt“ war und das Gesetz tatsächlich wie vorgesehen in Kraft treten wird. Dass eine so tiefgreifende strukturelle Veränderung ohne erbitterten Widerstand Wirklichkeit werden soll, ist fast unvorstellbar. Aber die Belarussen hassen ja niemanden, sind also ein friedliebendes Volk. Und Minsk ist nur 1.000 Kilometer von Berlin entfernt…

