DAH-Blog
„Blut wird fließen in den Straßen“

Rückwärts lesen verboten: Russische Spezialkräfte schlagen auf Demos zu. Foto: Flickr-User Lazyoldsun
In Russland sagt man in der Öffentlichkeit besser nichts Positives über Homosexualität. Auch aus anderen osteuropäischen Staaten hört man immer mehr Nachrichten von Gesetzen und Gewalt gegen Schwule, Lesben, Bi- und Transsexuelle. Was ist da los? Ein Beitrag zum Internationalen Tag gegen Homophobie am 17.5. Von Rainer Hörmann
Auf einem Plakat hat man dem Komponisten Pjotr Tschaikowski einen grünlichen Balken über den Mund montiert. Daneben steht in russischer Sprache ein Zitat aus einem Brief des Komponisten: „Ich bin verliebt wie schon lange nicht mehr. Rate mal, wer es ist. Er hat durchschnittliche Größe, blonde Haare, braune Augen.“
Tschaikowskis Konterfei und die Anspielung auf dessen Homosexualität gehören zu einer Kampagne, mit der die Gruppe „Coming out“ in St. Petersburg gegen ein Ende Februar erlassenes Gesetz protestiert. Es stellt – wie ähnliche Gesetze in den russischen Städten Archangelsk und Rjasan –„homosexuelle Propaganda“ unter Strafe und belegt Zuwiderhandlung mit Bußgeldern – angeblich zum Schutz von Minderjährigen.
“Homosexualität ist keine Perversion” kostet 130 Euro
Seit es das Gesetz gibt, kam es bereits zu zahlreichen Verhaftungen: So am 7. April, als Igor Kochetkow und ein Mitstreiter von „Coming out“ in der Öffentlichkeit Schilder mit der Forderung trugen, Hassverbrechen gegen Schwule und Lesben nicht länger zu verschweigen, oder am 1. Mai, als 17 Demonstranten nichts weiter taten, als die Regenbogenflaggen zu zeigen. Die Verhafteten wurden nach kurzer Zeit wieder freigelassen. Verurteilt wurde der international bekannte Aktivist Nikolai Alexejew: Er muss 130 Euro Strafe zahlen für das Zeigen eines Plakates mit der Aufschrift „Homosexualität ist keine Perversion“.

Maulkorb für einen berühmten Komponisten: Pjotr Iljitsch Tschaikowski. Foto: Coming Out
Die Vorgänge in St. Petersburg haben international Kritik hervorgerufen, zumal der russischen Duma ein Gesetzentwurf vorliegt, nach dem das Verbot, positiv über Homosexualität zu reden, landesweit gelten soll. Die Geschehnisse in Russland sind dabei Teil einer Entwicklung in vielen osteuropäischen Ländern. Der grüne Bundestagsabgeordnete Volker Beck sieht sie als einen „Rollback“, der die Menschenrechte von Lesben, Schwulen, Bi- und Transsexuellen (LGBT) gefährde.
Homosexualität ist erlaubt – das Reden darüber nicht!
Beispiel 2: die Ukraine. Wie auch in Russland steht Homosexualität selbst hier nicht unter Strafe. Schwule und lesbische Fans, die dort im Juni die Fußball-Europameisterschaft besuchen, gehen trotzdem erhebliche Risiken ein, wie kürzlich auf der internationalen Konferenz „Queer in (Ost)europa“ in Hamburg deutlich wurde.
Ein Journalist predigt “Liebe gegen Homosexualität”
Eingeladen hatte der „Queer Football Fanclub“ (QFF), ein Netzwerk europäischer schwul-lesbischer Fußball-Fanklubs. Alla Oliynik aus Kiew berichtete von einer
Zunahme homosexuellenfeindlicher Tendenzen in seinem Land, und davon, dass die Organisatoren es nicht wagten, für ein schwul-lesbisches Fußballturnier auch nur Handzettel zu verteilen.
Für ein repressives Klima sorgen nicht nur homophobe und gewaltbereite Fußballfans, sondern auch Journalisten wie Ruslan Kukharchuk, der schon seit Jahren mit eine Kampagne „Liebe gegen Homosexualität“ öffentlichkeitswirksam gegen „schwulen Lebensstil“ agiert. Dieser verbreite nicht nur Aids, sondern bedrohe auch Familien und Kinder und führe letztlich zum Aussterben der Nation.
Zeichen für Wandel im erzkatholischen Polen?
Dagegen sind aus Polen, dem anderen Austragungsland der EM, in den letzten Monaten weniger scharfe Töne zu vernehmen. Die Regierung von Premierminister Tusk lässt erkennen, dass sie sogar über ein bislang strikt abgelehntes Gesetz für homosexuelle Partnerschaften nachdenkt.
In Polen könnte es bald Eingetragene Partnerschaften geben
Auf den Rückhalt der Bevölkerung kann er sich dabei allerdings noch nicht verlassen: Eine 2011 von der Friedrich-Ebert-Stiftung herausgegebene Studie mit dem Titel „Die Abwertung der Anderen“ vergleicht acht europäische Länder und kommt zu dem Schluss, dass in Polen – neben Ungarn – Homophobie „am stärksten ausgeprägt“ sei. (Am wenigsten abwertend äußerten sich die Befragten in den Niederlanden.)
Die Studienteilnehmer wurden unter anderem gefragt, ob eine Ehe zwischen zwei Menschen des gleichen Geschlechts eine gute Sache sei. Ein etwas anderes Bild ergibt sich allerdings, wenn man zusätzlich nach Regelungen für eingetragene Partnerschaften fragt. Die Frankfurter Rundschau zitiert eine Umfrage des Instituts Obop: Auch hier lehnen über zwei Drittel gleichgeschlechtliche Ehen ab, aber immerhin befürworten 54 Prozent eine Regelung für Partnerschaften.
Sündenböcke für wirtschaftliche Probleme?
Was ist die Ursache der Ablehnung? Die Verfasser von der Studie „Die Abwertung der Anderen“ machen unter anderem eine stark an Autoritäten orientierte Haltung aus, aus der heraus sich Menschen leicht durch andere Gruppen bedroht sähen. Auch die Religiosität kann bei der Neigung zur „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ eine gewichtige Rolle spielen. Mit 88 Prozent beschrieben sich im stark katholisch geprägten Polen besonders viele Menschen als religiös.
Ein Beispiel aus Ungarn zeigt, dass antihomosexuelle Tendenzen sich fast immer mit Aggression auch gegen andere Gruppen der Gesellschaft mischen. In einer Kampagne zur Ablösung von Róbert Alföldi als Chef des Ungarischen Nationaltheaters waren neben schwulenfeindlichen auch extrem antisemitische Töne zu hören.
Autoritätsgläubigkeit, Religiosität und wirtschaftliche Not begünstigen Homophobie
Es überrascht kaum, dass in Ungarn die Jobbik-Partei Schwule und Lesben ebenfalls aus der Öffentlichkeit verbannen will. Die Rechtsradikalen – mit 17 Prozent drittstärkste Kraft im ungarischen Parlament – haben bereits einen entsprechenden Gesetzentwurf eingebracht.
Die CSD-Parade in Budapest sollte zunächst verboten werden, kann aber nach einer richterlichen Anordnung wohl doch stattfinden.
Eine weitere Ursache für die plötzliche Welle der Homophobie könnte im Frust angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Situation in vielen osteuropäischen Ländern liegen.
„In so einer Situation ist die Suche nach Sündenböcken leider ein beliebtes Mittel der Politik, von eigenen Versäumnissen oder komplexen Zusammenhängen abzulenken“, sagt Ulrike Lunacek, österreichische Abgeordnete der Grünen im Europa-Parlament und Vorsitzende der LGBT Intergroup, des Netzwerkes schwuler und lesbischer Mitglieder des Europäischen Parlaments. EU-Beitritte hätten zunächst große Hoffnungen geweckt, vielen Menschen sei erst nach dem Beitritt klar geworden, dass „EU mehr bedeutet als wirtschaftliche Zusammenarbeit, dass es auch um gemeinsame Werte bei den Menschenrechten geht“.
Die zunehmende Bedeutung der EU
Zumindest was neue Beitrittsländer angeht, achtet das Europäische Parlament heute strenger als in früheren Jahren auf die Einhaltung von Menschenrechten und Antidiskriminierungsrichtlinien. So wurde im Fortschrittbericht 2011 Montenegro für die Einführung von entsprechenden Gesetzen gelobt, zugleich wurden Regierungsstellen angehalten, „Maßnahmen zu ergreifen, um die Einschüchterung von LGBT-Organisationen und von Angehörigen der Gruppe der LGBT zu unterbinden“. Übergriffen gegen Homosexuelle wie Transgender müsse vorgebeugt werden. Im Kosovo stelle Diskriminierung „ein schwerwiegendes Problem“ dar.
Die EU bezieht Stellung gegen Homophobie
Kroatien, das 2013 der EU beitreten soll, sah sich massiver Kritik ausgesetzt, nachdem im Juni letzten Jahres 300 Teilnehmer einer CSD-Parade von einer aufgebrachten Menschenmenge mit Flaschen und Steinen attackiert worden waren. Die Polizei, sichtlich überfordert, brach die Veranstaltung ab. Der kroatische Präsident Ivo Josipovic verurteilte umgehend die Gewalt. Dies sei „nicht Kroatiens wahres Gesicht“. Er verwies darauf, dass die Parade in Zagreb ohne Störungen verlaufen war.
Wie sehr man um Schadensbegrenzung auf europäischer Ebene bemüht war, zeigt der Umstand, dass der kroatische Botschafter sich keine zehn Tage später in Berlin mit Vertretern der LGBT-Community traf, um „die Haltung seines Landes zu erklären“. In diesem Jahr wird es wieder eine Parade in Split geben, am 9. Juni. Im Vorfeld rief eine – mittlerweile gelöschte – Facebook-Gruppe namens „Blood will flow in the streets of Split“ zur Gewalt gegen den CSD auf.
Zeljko Kerum, der Bürgermeister von Split, will übrigens nicht an der Demonstration teilnehmen – obwohl der kroatische Innenminister ihn gebeten hatte, ein Zeichen zu setzen.
West-östliche Solidarität
Die deutsche LGBT-Community reagiert auf die zahlreichen Meldungen über Homophobie in Osteuropa mit wachsendem Engagement. Die Hirschfeld-Eddy-Stiftung zum Beispiel, die sich für LGBT-Menschenrechte weltweit engagiert, rief zu Spenden für die Plakataktion der St. Petersburger Gruppe „Coming-out“ auf und brachte über 1.000 Euro zusammen.
Sichtbarkeit ruft Feindlichkeit hervor, ist aber unverzichtbar
Queer Amnesty, schwul-lesbische Sektion der Menschenrechtsgruppe Amnesty International, sammelt Unterschriften für eine Petition an Russland, bei der Konferenz queerer Fußball-Klubs in Hamburg setzt man auf bessere Vernetzung und will auch nach der Fußball-EM Präsenz zeigen – das nächste Treffen soll in Polen stattfinden.
EU-Abgeordnete Ulrike Lunacek ist sich sicher, dass die offene Feindlichkeit auch eine Folge besseren Sichtbarkeit von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender-Personen in den osteuropäischen Staaten ist. „Aber diese Sichtbarkeit ist unverzichtbar für das Einfordern von Rechten und ein wichtiges Signal, das anderen Mut gibt.“
Gastkommentar von Ulrike Lunacek
Mehr zum Internationalen Tag gegen Homophobie auf der Seite unserer Kampagne ICH WEISS WAS ICH TU
Don’t talk, don’t show

Volker Beck. Foto: Angelika_Kohlmeier
Anlässlich des Internationalen Tages gegen Homophobie am 17.5. haben wir Politikerinnen und Politiker zur Situation in Osteuropa befragt. Wir erhielten zwei Antworten: von Ulrike Lunacek, österreichische Abgeordnete der Grünen im Europaparlament, und von Volker Beck, grüner Bundestagsabgeordnter und menschenrechtspolitischer Sprecher seiner Partei, dessen Antwort wir hier dokumentieren.
In Ost-Europa ist ein Rollback im Gange, der die Menschenrechte von Schwulen und Lesben, Bi- und Transsexuellen massiv gefährdet. Noch ist unklar, ob es sich bei der neuen Strategie „Don‘t talk, don‘t show“ um ein letztes Aufbäumen der Konservativen handelt oder ob sie erfolgreich sein werden. In St. Petersburg läuft im Moment der Feldversuch: ein neues Gesetz verbietet die „Propaganda für Homosexualität“ – das heißt, das öffentliche Sprechen übers Schwul- oder Lesbischsein. Mehrere Aktivisten wurden bereits verhaftet und zum Teil zu erheblichen Geldstrafen verurteilt. Die Summen für Institutionen und Vereine können dabei das Mehrfache eines russischen Jahresgehaltes erreichen. Die Aktivisten vor Ort befürchten ein völliges Zerschlagen der schwullesbischen Infrastruktur – inklusive der HIV/Aids-Aufklärung und der Coming-out-Arbeit.
Madonna ist mutiger als der Außenminister
Und St. Petersburg ist nur der Anfang. Drei weitere Regionen Russlands haben ein ähnliches Gesetz verabschiedet und in die nationale Duma ist eine Vorlage eingebracht. In der Ukraine und in Moldawien gibt es Nachahmer in einzelnen Städten. Die Bundesregierung schweigt öffentlich zu all dem. Sie hat keine Strategie. Dabei müsste man dem Versuch des Totschweigens Öffentlichkeit entgegen setzen. Madonna wird im Juni in St. Petersburg auftreten und hat angekündigt, gegen das Gesetz von der Bühne aus zu protestieren. Soviel Mut wünschte man sich von unserem Außenminister und soviel Interesse von Kanzlerin Merkel.
Generell gilt: Die beste Strategie für gleiche Rechte ist die Annäherung an die EU. In Polen wird heute über eine Eingetragene Lebenspartnerschaft diskutiert – vor 10 Jahren undenkbar! Und es wird deutlich, dass in den Staaten, die der Europäischen Union beigetreten oder auf dem Weg dorthin sind, die Rechte von Schwulen und Lesben etwa bei Pride-Märschen geschützt werden. Wo in Moskau und Minsk die Polizei auf Schwule und Lesben einprügelt – wie ich bereits selbst erleben durfte –, werden in Belgrad und auch in Budapest die CSDs von Beamten geschützt. Ich bin gespannt, wie der erste Pride-Marsch in Kiew am 20. Mai ablaufen wird, an dem ich selbst teilnehmen will.
Aber auch EU-Staaten sind vor dem Rollback nicht sicher. In Ungarn müssen wir wachsam sein. Dort sitzen Neo-Nazis im Parlament und fordern die Wiedereinführung von Haftstrafen für Schwule und Lesben. In Finnland fordern die dortigen „Wahren Finnen“, dass Schwule und Lesben eine Armbinde tragen sollen. All das zeigt: Der Kampf ist nicht gewonnen. Im Osten erhebt sich das hässliche Gesicht der Homophobie erneut. Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass es das letzte Zucken einer sterbenden Gesinnung bleibt. Mit Solidarität und Aufmerksamkeit!
Volker Beck ist seit 1994 Kölner Bundesstagsabgeordneter. Er ist Erster Parlamentarischer Geschäftsführer und menschenrechtspolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen und Mitglied im Parteirat der Grünen.
Erfolge und Rückschritte im Wechsel

Ulrike Lunacek. Foto: Peter Rigaud
Anlässlich des Internationalen Tages gegen Homophobie am 17.5. haben wir Politikerinnen und Politiker zur Situation in Osteuropa befragt. Wir erhielten zwei Antworten: von Volker Beck (MdB, Grüne) sowie Ulrike Lunacek, österreichische Abgeordnete der Grünen im Europaparlament, deren Antwort wir hier dokumentieren.
Frau Lunacek, was ist Ihre persönliche Wahrnehmung und Einschätzung der Lage in den osteuropäischen Ländern?
In ganz Europa, Ost und West, bleibt viel zu tun für die Gleichstellung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender-Personen. Als eine der beiden Vorsitzenden der LGBT Intergroup des Europäischen Parlaments, eines Zusammenschlusses von lesbischen, schwulen wie heterosexuellen Abgeordneten, beobachte ich die Entwicklungen in Europa natürlich ganz genau. Dabei bietet sich mir eher ein Bild von Erfolgen und Rückschlägen in Wechsel, als eine lineare Entwicklung. Die Situation in den einzelnen Ländern ist dabei sehr unterschiedlich.
Welche Situationen nehmen Sie als Fortschritt wahr?
Denken Sie an Polen, wo nach der anti-europäischen und nationalkonservativen Kaczynski-Ära nun erstmals mit Robert Biedron ein offen schwuler und mit Anna Grodzka eine transsexuelle Abgeordnete ins Parlament eingezogen sind. Die rechtsliberale Regierung unter Premier Tusk ist bereit, sowohl über ein Gesetz für Eingetragene PartnerInnenschaften wie ein Transgendergesetz zu diskutieren. Zu letzterem fand vor kurzem in Warschau eine öffentliche Debatte von TransFuzja und der Heinrich-Böll-Stiftung statt, bei der sich Staatssekretärin Agnieszka Koslowska-Rajewicz unterstützend äußerte. Das sind zweifelsohne positive Entwicklungen. Oder in Montenegro, wo es nun einen Antidiskriminierungsbeauftragten der Regierung gibt, auch zuständig für sexuelle Orientierung, und im März eine LGBT-Regierungskonferenz stattfand unter dem Titel „Zusammen gegen Diskriminierung“, mit dem montenegrinischen Premier und der kroatischen Vize-Premierministerin, dem kosovarischen Justizminister und einem hochrangigen serbischen Regierungsvertreter.
Was erleben Sie als besonders negativ?
Anders sieht es derzeit leider im EU-Mitgliedsland Ungarn aus. Premier Viktor Orbán hat sich zu einem rechtskonservativen Nationalisten mit autokratischen Tendenzen entwickelt. Bei der umstrittenen Verfassungsreform hat es Verschlechterungen gegeben – etwa die Verankerung von Ehe als heterosexuelles Privileg. Die rechtsextreme Jobbik-Partei schürt den Hass gegen Minderheiten wie Roma, JüdInnen und LGBT-Personen. Ihre Gesetzesanträge für ein Verbot von, wie sie es nennen, „Propaganda für abweichendes sexuelles Verhalten“, liegen im Parlament. Die Budapester Pride Parade im Juli 2012 wurde zuerst von der Polizei untersagt, das Verbot schließlich vom zuständigen Gericht wieder aufgehoben. Und die Eurogames, die vor der Pride-Parade heuer in Budapest stattfinden, erhalten von der Stadt null Unterstützung – das gab es bisher noch nirgendwo.
Was kann die Bundesrepublik tun und was ist bereits getan worden, um die Lage von LGBT in osteuropäischen Ländern zu verbessern?
Mit einem offen schwulen Außenminister und einem offen schwulen Bürgermeister der Hauptstadt könnte Deutschland eine Vorreiterrolle in seinen Bundes- wie städtischen Außenbeziehungen zur Verbesserung der Menschenrechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender einnehmen, denn neben gesetzlichen Verbesserungen ist unsere Sichtbarkeit ein ganz wichtiger Faktor, damit LGBT-Personen Mut fassen, sich offener und offensiver für ihre Rechte einzusetzen. Bei einem europäischen Thema führt Deutschland leider die Liste jener an, die blockieren: Das schwarz-gelbe Koalitionsabkommen sieht die Nicht-Umsetzung der EU-Antidiskriminierungsrichtlinie vor (meinen Informationen nach nicht wegen sexueller Orientierung sondern wegen der Kosten für behindertengerechtes Bauen), die Diskriminierungsschutz für zahlreiche Gruppen über den Bereich von Beschäftigung und Beruf hinausgehend vorsieht. Sie wurde von der Europäischen Kommission vorgelegt, vom Europäischen Parlament verbessert und beschlossen, wird aber schon seit 2009 (!) vom Rat, also den Regierungen der Mitgliedsstaaten, blockiert. Als ich Außenminister Westerwelle vor der Eröffnung der GayGames 2010 in Köln darauf ansprach, als er uns SportlerInnen vor dem Einmarsch ins Stadion besuchte, meinte er nur, hier sei kein Platz für Parteipolitik … Da hatte er wohl den Sinn der GayGames, nämlich auch antidiskriminierend zu wirken, missverstanden. Schade!
Ulrike Lunacek ist Mitglied des Europäischen Parlaments aus Österreich, außenpolitische Sprecherin der Grünen/EFA und Vorsitzende der LGBT Intergroup des Europäischen Parlaments
„Voll schwuler Unterricht“

Alexander Lotz: Engagement gegen Homophopie. Foto: privat
„Schwule Sau“ ist das beliebteste Schimpfwort an deutschen Schulen, behauptet die Bildungsgewerkschaft GEW. Philip Eicker befrage dazu Alexander Lotz.
Der 29-Jährige unterrichtet Biologie und Chemie an einem Gymnasium in Frankfurt/Main und engagiert sich im GEW-Netzwerk Schwule Lehrer. Schon als Student machte er sich gegen Homophobie an Schulen stark, unter anderem als Vorstand des Berliner Vereins Abqueer, der mit Jugendlichen Bildungsarbeit zu schwulen, lesbischen und transidenten Lebensweisen macht.
Alexander, ist „schwule Sau“ wirklich das beliebteste Schimpfwort an deutschen Schulen?
Ja, ich denke schon. „Spast“ und „Opfer“ holen auf, aber „schwule Sau“ wirkt als Schimpfwort immer noch am besten.
Wann fällt das Wort?
Vor allem Schüler benutzen das Wort, Schülerinnen sehr viel seltener. Jungen ist es offensichtlich sehr wichtig, sich als männlich zu präsentierten. Deshalb wird alles, was als unmännlich gilt, abgewertet. Die Schüler machen das häufig gar nicht bewusst, sondern haben die in der Gesellschaft vorhandene Homophobie internalisiert. Schwul wird gleichbedeutend mit „schlecht“ oder „doof“ verwendet. Als „schwul“ werden Sachen wie etwa Hausaufgaben, Taschen oder Handys bezeichnet. Aber auch Personen werden so gezielt abgewertet – weil sie irgendetwas an sich haben, was den Beschimpfern nicht gefällt, oder weil man ihnen unterstellt, schwul zu sein.
Auch ungeliebte Hausaufgaben sind „schwul“. Foto: schemmi, pixelio.de
Wann hast du das zuletzt erlebt?
Gerade letzte Woche im Biologieunterricht in einer 8. Klasse. Das Thema waren eigentlich Moose im Wald. In einer Gruppenarbeitsphase redeten ein paar Schüler über Tokio Hotel und stellten unüberhörbar fest, dass Bill Kaulitz „eine Schwuchtel“ sei.
Hast du eingegriffen?
Ich habe erst mal nur ernst in die Richtung der Gruppe geguckt, um zu verdeutlichen, dass ich es gehört habe. Später hab ich dann den Schüler, der das geäußert hat, zur Seite genommen und mit ihm darüber geredet. Seine Reaktion war typisch: Es war ihm unheimlich peinlich, darüber zu reden. Die Jugendlichen gebrauchen zwar andauernd „schwul“ als Schimpfwort, aber wenn man sie dann anspricht, ist ihnen das sehr unangenehm. Mir geht es ja nicht ums Bestrafen, sondern um Einsicht mit dem Ziel, eine Verhaltensänderung zu bewirken. Allerdings ist häufig schon die Vorstellung von gleichgeschlechtlicher Liebe derart mit Peinlichkeit besetzt, dass Sprachlosigkeit herrscht.
„Die Vorstellung von gleichgeschlechtlicher Liebe ist derart mit Peinlichkeit besetzt, dass Sprachlosigkeit herrscht“
Bist du selbst schon einmal homophob angegriffen worden?
Ja. Es hat in letzter Zeit etwas nachgelassen und passiert vielleicht alle zwei Monate. Die Schülerinnen und Schüler wissen, dass ich mit einem Mann verheiratet bin und rufen mir im Vorbeigehen Bemerkungen hinterher. Oder sie machen eindeutige Gesten. Vor allem solche Schüler, die ich nicht unterrichte. Ich habe auch schon eine anonyme E-Mail bekommen, in der ich als „schwule Sau“ beschimpft wurde.
Gemobbt wird oft per anonymer E-Mail. Foto: Wolfgang Dirscherl/Gerd Altmann, pixelio.de
Die E-Mail könnte natürlich von überall her kommen.
Im Prinzip schon. Aber diese ging an meine Schuladresse, die nur Schülern, Eltern und Lehrern bekannt ist. Der Absender hatte sogar einen E-Mail-Account im Namen meines Schulleiters angelegt und die Mail in dessen Namen verschickt. Die Polizei konnte das leider nicht zurückverfolgen.
Wie hast du dich denn an deiner Schule geoutet?
Als ich 2010 nach Frankfurt kam, wollte ich erst austesten, wie die Atmosphäre an der Schule ist. Ich wollte mich auf jeden Fall outen, hatte aber noch überlegt, welcher Weg sinnvoll ist. Aber dann hat gleich in einer meiner ersten Stunden ein Schüler gesagt, dass der Unterricht „voll schwul“ sei. Dann habe ich klargestellt, dass ich solche Ausdrücke in meiner Klasse nicht möchte, unter anderem, weil ich selbst schwul und sicherlich nicht der Einzige an dieser Schule bin. Das hat dann schnell die Runde unter den Schülerinnen und Schülern gemacht. Nach dieser Erfahrung habe ich es in allen anderen Klassen jeweils in der ersten Stunde gesagt.
Bist du auch im Kollegium offiziell geoutet?
Ja. Von meinen Kolleginnen und Kollegen habe ich nie etwas Negatives gehört. Wir haben zu meiner Hochzeit auch ganz normal mit Sekt angestoßen, und meine Fachkolleginnen und -kollegen haben mir ein Geschenk gemacht. Allerdings höre ich schon auch Unverständnis oder Vorbehalte, was meinen offenen Umgang angeht.
Großer Redebedarf zu einem peinlichen Thema. Foto: Helene Souza, pixelio.de
Wie verhalten sich die Eltern?
Ihr Verhalten lässt sich nicht verallgemeinern – ich erfahre ja nur von den negativen Reaktionen. Zum Beispiel gab es eine Beschwerde bei der Schulleitung, ich hätte im Biologieunterricht explizit homosexuelle Handlungen gezeigt. Dabei ging es aber nur um die HIV-Infektion und wie man sich davor schützen kann. Eine zweite Beschwerde kam, weil ich in einer Vertretungsstunde bei Siebtklässlern über Homosexualität gesprochen habe. Das kam so: Ein Schüler hatte mich schon beim Aufschließen des Klassenzimmers ständig gefragt, ob ich schwul sei. Nach Stundenbeginn beantwortete ich seine Frage knapp für alle und fragte, ob dazu Redebedarf bestehe. Bestimmt zwanzig Finger gingen hoch! Wir führten dann ein sehr gutes, sachliches Gespräch. Die Schülerinnen und Schüler hatten unglaublich viele Fragen zu Homosexualität.
Der Kollegin, die ich vertreten hatte, erzählte ich am nächsten Tag, dass es großen Redebedarf gab und sie das Thema, wenn sie wolle, ja auch noch mal aufgreifen könne. Sie sagte mir daraufhin, das Thema stehe nicht so richtig im Lehrplan, und in Ethik spreche man eher aus philosophischer Sicht über Liebe.
Auch Schulbücher machen in Sachen Homosexualität nicht schlau. Foto: Michael Andre May, pixelio.de
Eine typische Reaktion?
Ich erlebe immer wieder, dass sich Kolleginnen und Kollegen beim Thema Homosexualität unsicher fühlen, weil man dazu leider immer noch nicht ausgebildet wird. Und wie eine aktuelle Schulbuchstudie zeigt, sind Lehrbücher auch keine Hilfe. Im Gegenteil: Die Sprach- und Bildlosigkeit der Lehrbücher fördert das Schweigen zu Homosexualität in Schule und Unterricht. Dadurch bleibt Heterosexualität die unhinterfragte Norm, positiv besetzte Homosexualität muss sich rechtfertigen.
Was wissen denn deine Schülerinnen und Schüler über Schwule und Lesben?
Mir scheint, eher wenig. Die meisten kennen nicht einmal Lesben und Schwule aus dem öffentlichen Leben. Häufig wissen sie auch nicht, dass Homo- und Bisexualität genau wie die unhinterfragte Heterosexualität natürliche Formen sexueller Orientierung sind. Sie haben auch ein verzerrtes Bild von Homosexuellen, vor allem von schwulen Männern. Es ist geprägt von vermeintlicher Weiblichkeit und zugeschriebener Sexualisierung. Damit reproduzieren sie das, was ihnen Erwachsene vorleben. Mir zum Beispiel wird auch vorgeworfen, ich würde die Schülerinnen und Schüler ständig mit meiner Homosexualität konfrontieren. Dieses Vorurteil reproduzieren die Schüler.
„Du musst das ja auch nicht vor dir hertragen“
Hast du vorher geahnt, wie stark die Homophobie an einer Schule sein kann?
Ich dachte schon, dass es eine entsprechende Reaktion auf mein Outing geben würde. Aber ich habe nicht damit gerechnet, dass es immer wieder zu abfälligen Kommentaren führt. Das Schlimme ist: Wenn ich Kolleginnen und Kollegen sage, dass ich diese Reaktionen nicht gut finde, unterstützen mich einige, aber dann heißt es leider auch: „Du musst das ja auch nicht vor dir hertragen.“ Ich habe auch schon gehört: „Du hast eben diesen Weg gewählt.“ Nur wenige sagen von sich aus: „Wir müssen hier ein anderes Klima schaffen!“
Vielfalt muss alltäglich werden. Foto: M.E., pixelio.de
Wie könnte man das angehen?
Indem man das Thema ganz alltäglich behandelt, sodass allen klar ist: An unserer Schule gibt es Lesben und Schwule – genauso wie es hier Menschen unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichen Glaubens gibt. Wenn klar ist, dass zur Heterogenität einer Schule auch Lesben und Schwule gehören, dann ändert sich da was. Aber dazu müssen sie sichtbar werden. Die Erwachsenen, die Vorbilder der Jugendlichen, sind hier häufig leider sprachlos. Aber man sollte die Verantwortung nicht allein den Lehrerinnen und Lehrern zuschieben. Im Schulbereich braucht es dazu auch die Unterstützung von Politik und Schulverwaltung.
Zweifelst du manchmal an deiner Berufswahl?
Nein, nie. Lehrer zu sein, ist mein Traumberuf. Das Tolle ist, dass ich – gerade in den Naturwissenschaften – bei den Schülerinnen und Schülern sehr leicht Interesse wecken kann. Zu sehen, wie Kinder und Jugendliche lernen und kompetenter werden, ist sehr beeindruckend!
„Wir schaffen das schon!“

Thomas, seine Freundin und ihr Sohn Chris-Maurice (Foto: privat)
Der 15. Mai ist der Internationale Tag der Familie. Wir veröffentlichen aus diesem Anlass ein Interview mit Thomas (39) aus Leipzig. Thomas hat vor anderthalb Jahren erfahren, dass er positiv ist. Zwar hat er seine Arbeit als Maler deswegen verloren und ist berufsunfähig. Aber seit ein paar Wochen hat das Leben für den Botschafter der Welt-Aids-Tags-Kampagne „positiv zusammen leben“ einen ganz neuen Sinn: Am 1. April wurde sein Sohn Chris-Maurice geboren – ohne HIV und gesund. Kriss Rudolph sprach mit Thomas über Vaterglück, Elternzeit und Windelwechseln.
Thomas, alles Gute zur Geburt deines Sohnes! Wie fühlst du dich als Vater?
Vielen Dank! Ach, es ist schön, wenn der Kleine lacht und grinst, einfach so aus dem Nichts heraus. Es sind so kleine Sachen, über die ich mich freue. Es ist schön, wenn er auf meinem Bauch liegt, mit seinem Bauch, und schläft – das erfüllt einen mit Freude. Er ist rundum gesund, isst viel, rülpst und pupst. Er ist jetzt auch kein Schreikind und schläft nachts durch. Wir sind sehr zufrieden und glücklich.
Auch wenn du vorher wusstest, dass dein Kind nicht HIV haben würde – hattest du trotzdem Angst?
So was wie Kinder kriegen war nach der HIV-Diagnose in ganz weiter Ferne
Na ja, ein Restrisiko gab es ja schon. Die Gefahr der Ansteckung war fast ausgeschlossen, aber eben doch vorhanden, wenn auch gering. Das hat die Vorfreude schon ein bisschen getrübt. Ich habe zwar nicht die ganze Zeit deswegen gegrübelt, aber immer, wenn ich meine Medikamente geholt habe, wieder drüber nachgedacht. Nach seiner Geburt wurden dann direkt die Blutwerte genommen, gleich vom Nabelschnurblut, und nach zwei Tagen stand fest: Der Junge ist gesund.
Wie ist das zu erklären?
Zum einen ist ja meine Freundin nach wie vor negativ. Und wenn sie HIV gehabt hätte, hätte sie HIV-Medikamente genommen, damit das Kind während der Schwangerschaft nicht angesteckt wird. Außerdem war die Virenmenge in meinem Blut zu gering, um eine Infektion hervorzurufen.
Hättest du dir das vorstellen können, als du erfahren hast, dass du HIV hast? Dass du das noch erleben wirst?

Chris-Maurice (Foto: privat)
Wenn mir nach der Diagnose jemand gesagt hätte, ich würde irgendwann Vater werden, von einem gesunden Kind – den hätte ich für total verrückt gehalten! So was wie Kinderkriegen war da in ganz weiter Ferne. Aber dann sagte der Arzt letztes Jahr: Wenn ihr mal ein Kind haben wollt, wäre jetzt ein guter Zeitpunkt, wegen meiner guten Werte. Dadurch kam für uns der Impuls. Sonst hätte man ja eventuell auch über künstliche Befruchtung nachdenken können. Aber ich hatte dann auch gute Gespräche mit der Aidshilfe, das hat mir Mut gemacht – und so kam die Entscheidung zustande. Man weiß ja nicht, was in zwei oder drei Jahren ist. Gerade auch, was meine Werte betrifft.
Warst du bei der Geburt dabei?
Ja, ich saß daneben. Eine Stunde und 45 Minuten waren wir im Kreißsaal. Meine Freundin musste sich also nicht sehr lange quälen. Die Hebamme war auch sehr zufrieden, und ich durfte dann die Nabelschnur durchtrennen, meine Freundin wollte das nicht.
Was war das für ein Gefühl, als dein Sohn geboren war?
Chris-Maurice kam um 18 Uhr 01 auf die Welt, und ich war noch bis spät abends im Krankenhaus. Als ich zu Hause war, hatte ich dann soooo ein Mitteilungsbedürfnis. Ich habe ganz viele SMS-Nachrichten verschickt und Bilder – an alle, die ich kenne. Ich war stolz wie Bolle.
Deine Partnerin hat ja bereits einen Sohn. Wie gehst du mit Tim um, wie erklärst du ihm deine Krankheit?
Es gab keine negativen Reaktionen, und jetzt freuen sich alle
Na ja, nach der Plakatkampagne zum Welt-Aids-Tag kannte mich ja hier fast jeder, und auch in Tims Schule lagen Flyer aus. Alle Kinder haben mich dann automatisch damit in Verbindung gebracht, ich wurde von allen nur noch mit Vornamen angesprochen. Der Tim kann meine Krankheit mit seinen sieben Jahren aber noch nicht wirklich einordnen. Ihm ist aber klar, dass ich krank bin. Ich habe ja auch die Aids-Schleife im Nacken tätowiert. Seine Mutter hat ihm erklärt, dass es da um Menschen geht, die krank sind und die Hilfe brauchen. Wenn Tim ein bisschen älter ist und anfängt Fragen zu stellen, beantworte ich die natürlich.
Wie findet es Tim, dass er jetzt einen kleinen Bruder hat?
Der ist auch superstolz und freut sich. Er erzählt immer allen in der Schule, was sein kleiner Bruder so alles macht. Tim wollte auch direkt abends mit ihm spielen, da mussten wir ihn aber erst noch ein bisschen bremsen. Dafür ist Chris-Maurice ja im Moment noch zu klein.

Chris-Maurice (Foto: privat)
Hatten deine Freunde und die Familie angesichts deiner Krankheit Verständnis für euren Kinderwunsch?
Es gab keine negativen Reaktionen, auch nicht nach dem Motto: Das ist egoistisch oder verantwortungslos. Aber natürlich haben sie gefragt: Wie geht das überhaupt, dass das Kind nicht angesteckt wird? Und ob wir uns das gut überlegt hätten. Jetzt freuen sie sich aber alle.
Wie geht es dir denn gesundheitlich?
Anfang des Jahres haben die Ärzte festgestellt, dass bei mir jetzt das Vollbild der HIV-Erkrankung besteht. Damit ist so eine Art Scheidepunkt erreicht, der Übergang zum Ausbruch von Aids. Da das aber noch ganz am Anfang ist, kann man da mit Medikamenten noch was machen und die Krankheit wieder zurückdrängen. Durch das Virus ist aber mein Magen kaputt und nimmt nicht genügend Nährstoffe auf. Ich kann essen, so viel ich will – ich werde nicht dicker. Schmerzen habe ich aber nicht. Man kann das behandeln, aber dazu müssen die Blutwerte erst wieder in Ordnung sein. Wir haben die Therapie schon umgestellt, ich nehme neue Medikamente. Damit geht es mir besser. Bei der ersten Blutentnahme nach der Umstellung zeigte sich, dass die Zahl der Helferzellen ziemlich gestiegen war. Das ist ein gutes Zeichen.
Wie geht es dir mit dieser Entwicklung?
Ich grübel jetzt nicht ständig oder schreibe mein Testament. Ich lebe so, wie ich lebe, das habe ich vorher auch schon getan. Man muss sich halt disziplinieren, auch wegen der Tabletten, die man regelmäßig einnimmt.
Es sind so kleine Dinge, auf die ich mich freue
Durch deinen Sohn kommst du wahrscheinlich auch nicht viel zum Grübeln.
Nein, dafür ist gar keine Zeit! Der Junge beschäftigt einen rund um die Uhr. Und wenn er einen mit seinen großen Augen anguckt, das ist toll. Das ist Freude genug. Das Schöne ist ja auch: Mit dem kleinen Mann muss man immer mal raus. So hat man mehr Bewegung, kriegt mehr frische Luft. Das tut mir auch gut.
Hast du Pläne oder Träume, was du später mit deinem Sohn machen willst, so was wie Fußballspielen, Drachen steigen lassen und so weiter?
So konkret denke ich nicht darüber nach. Da kommen in den nächsten Monaten so viele Sachen, die ich mit ihm erleben kann: Wenn er anfängt zu krabbeln, wenn er irgendwann von alleine herumläuft oder anfängt zu sprechen. Es sind eher so kleine Dinge, auf die ich mich sehr freue. Ab 29. Mai bin ich auch allein mit ihm, da geht meine Freundin nach dem Mutterschutz wieder arbeiten, und ich mache dann das Elternjahr. Windeln wechseln und seinen Brei anrühren kann ich schon. Wir beide schaffen das schon!
„Kein Laster und kein Verbrechen“

Magnus Hirschfeld, 14. Mai 1868-14. Mai 1935. Foto: Archiv der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft Berlin
Magnus Hirschfeld (1868-1935) gilt als einer der entscheidenden Mitbegründer der deutschen Sexualwissenschaft und der deutschen Schwulenbewegung, aber auch als engagierter sozialdemokratischer Reformpolitiker. Am 14. Mai jährt sich sein Geburts- und Todestag. Ein Kalenderblatt von Axel Schock.
Man kann sich nur schwer vorstellen, was in Magnus Hirschfeld an jenem Maitag des Jahres 1933 angesichts dieser Bilder vorgegangen sein mag. In einem Pariser Kino sieht er einen Wochenschaubericht aus Berlin: Auf dem Opernplatz werfen Nationalsozialisten Bücher ins Feuer. Werke von Thomas Mann und Sigmund Freud, aber auch die Bibliothek jenes Instituts für Sexualwissenschaft, das Hirschfeld gegründet und geleitet hat, gehen dort in Flammen auf. Drei Jahre zuvor war der jüdische Sexualwissenschaftler von Berlin aus zu einer Vortragsreise in die USA aufgebrochen, nicht ahnend, dass dies der Beginn einer langen Weltreise und seines Exils werden würde.
„… eine einzige Brutstätte von Schmutz und Sudelei“
Wenige Tage vor besagtem Maitag hatten Mitglieder des „Kampfausschusses der Deutschen Studentenschaft“ in SA-Uniformen das Gebäude in Berlin-Tiergarten gestürmt und Bilder, Bücher und Akten geplündert und vernichtet. „Dieses Institut, das sich ein wissenschaftliches Mäntelchen umzuhängen versucht hat“, heißt es am Tag nach der Plünderung in Goebbels Kampfblatt Der Angriff, „war eine einzige Brutstätte von Schmutz und Sudelei gewesen.“ Als Jude, Homosexueller und Sozialist war Hirschfeld ein besonderer Dorn im Auge der Nationalsozialisten. Symbolisch zerstört wird nicht nur das Lebenswerk Hirschfelds. Er selbst wird in diesen Scheiterhaufen geworfen. „Der Kopf einer zerschlagenen Büste stak auf einer langen Stange, die, hoch über der stummen Menschenmenge, hin und her schwankte“, beschreibt der Augenzeuge Erich Kästner die Szenerie. Der Büstenkopf stellt Magnus Hirschfeld dar.

Das von Bomben zerstörte Institut für Sexualwissenschaft 1945. Foto: Schwules Museum Berlin
Das Vernichtungswerk der Nazis war geradezu perfekt. Das Institut wurde geschlossen und geräumt, Hirschfelds Bücher aus den öffentlichen Bibliotheken entfernt. Zwei Jahre später stirbt Hirschfeld im Exil im südfranzösischen Nizza. Es ist sein 67. Geburtstag. „Er starb als Geächteter, arm, in der Fremde. Aber er starb schön; einen leichten, fast heiteren Tod“, berichtet sein Mitarbeiter Kurt Hiller. „Morgens nahm er noch fröhlich Geburtstagsglückwünsche entgegen, dann ging er spazieren, wollte einen erkrankten Kollegen besuchen; im Vorgarten des Hauses sank er bewusstlos zusammen, um nicht wieder aufzuwachen.“
Kein einziger Nachruf erinnerte damals an den Sexualwissenschaftler. Sein Name, nur wenige Jahre zuvor auch in der Allgemeinbevölkerung derart bekannt, dass man sogar ein populäres satirisches Chanson („Der Hirschfeld kommt“) über ihn verfasste, war von den Nationalsozialsten aus dem öffentlichen Bewusstsein getilgt worden. Das Vergessen hielt bis lange nach dem Kriege an, allenfalls einer kleinen Fachöffentlichkeit war Hirschfeld noch ein Begriff. Die wenigen Spuren seines Lebens und vor allem seines Werkes wurden erst ab den 70er Jahren gesichert und erforscht. Man belebte damit die Erinnerung an einen Mann, der vor allem für die deutsche Schwulenbewegung Bedeutendes geleistet hat.
„Kein Laster und kein Verbrechen“
Nicht weniger als die „Erforschung des gesamten menschlichen Geschlechts- und Liebeslebens“ und zugleich die „Nutzbarmachung dieser Forschung für die Gesamtheit“ hatte sich Hirschfeld als Aufgaben für sein Institut für Sexualwissenschaft gestellt. Der Forschungseifer des 1868 geborenen Hirschfeld, der einer jüdischen Medizinerfamilie aus Kolberg entstammte, war tatsächlich unermüdlich. Sein Institut, in dem mehr als zwanzig Mitarbeiter beschäftigt waren, verband Forschung und Dienstleistung. Angeboten wurden persönliche Beratung und öffentliche Vorträge zu Geschlechtskrankheiten, Abtreibung und Empfängnisverhütung. Hirschfeld betrieb auch die erste Eheberatungsstelle Deutschlands.

Hirschfelds Bronzebüste überstand die Bücherverbrennung 1933. Foto: Schwules Museum Berlin
Ganz wesentlich in seinem Lebenswerk ist jedoch sein Engagement für die Emanzipation der Homosexuellen. Bereits 1896 veröffentlichte er – damals noch unter Pseudonym – die kleine Broschüre „Sappho und Socrates“. Sein primäres Ziel war die Abschaffung des Anti-Homosexuellen-Paragrafen 175 des Reichs-Strafgesetzbuchs.
Hirschfeld fand Mitstreiter, und am 15. Mai 1897 trafen sich in Berlin-Charlottenburg unter anderem der Leipziger Verleger Max Spohr, der ehemalige Offizier Josef von Bülow und der Jurist Eduard Oberg zur Gründung des „Wissenschaftlich Humanitären Komitees“ (WhK). Programmatisch formulierten sie ihre Aufgabe, „aufgrund sichergestellter Forschungsergebnisse und der Selbsterfahrung vieler Tausender endlich Klarheit darüber zu schaffen, daß es sich bei der Liebe zu Personen des gleichen Geschlechts, der sogenannten Homosexualität, um kein Laster und kein Verbrechen, sondern um eine von der Natur tief in einer Anzahl von Menschen wurzelnde Gefühlsrichtung handelt“. Dieser Tag gilt heute als die Geburtsstunde der Schwulenbewegung, des modernen, um Gleichberechtigung und Akzeptanz kämpfenden Homosexuellen.
Die Erfolge des WhK jedoch blieben trotz beharrlicher Bemühungen bescheiden. Eine Resolution zur Abschaffung des § 175 unterzeichneten zwar prominente Persönlichkeiten wie Gerhard Hauptmann, Rainer Maria Rilke, August Bebel und Thomas Mann, zu Fall bringen konnte man diese Strafrechtsbestimmung damit aber nicht. Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten waren alle Emanzipationsversuche gescheitert, der Paragraf wurde verschärft, Tausende Homosexuelle verhaftet und in Konzentrationslager geschickt.
Der „Fluch der Natur“
Hirschfeld kämpfte für die Gleichberechtigung der Homosexuellen – und verschwieg doch selbst seine Liebe zum eigenen Geschlecht. Über seine eigenen Männerbeziehungen ist nur wenig bekannt. Maßgeblich war für ihn sicherlich die Angst, durch seine öffentlich gewordene Homosexualität könnte er sein wissenschaftliches Renommee einbüßen. Als Arzt wohlhabender Patienten, aber auch als Gutachter bei Gerichtsprozessen verdiente Hirschfeld hauptsächlich sein Geld, das er wiederum für den Betrieb seines Instituts einsetzte. Hirschfeld war allerdings auch so populär, dass sein Name zur Werbung für ein Impotenz-Präparat genutzt wurde und Bücher, an denen er selbst gar nicht mitgewirkt hatte, allein durch seinen empfehlenden Namen auf dem Cover den Verkauf anregten.

Hirschfeld operiert: Szene aus Praunheims Film "Einstein des Sex". Foto: Ventura Film
Was die Entstehung und Einschätzung der Homosexualität betrifft, hat Hirschfeld seine Haltung immer wieder verändert. Mal ist sie gleichberechtigt neben der Heterosexualität zu sehen, mal spricht er resigniert von einem „Fluch der Natur“ und hofft auf Mitleid für die Betroffenen. Zu seinen Irrungen gehört auch, dass er zeitweilig die Ansicht vertrat, Homosexuelle könnten auf chirurgischem Wege „umgedreht“ werden. Hirschfeld schickte dazu Schwule zu einem Wiener Mediziner, der ihnen die Hoden entfernte und stattdessen Testikel von heterosexuellen Männern einpflanzte. Die Patienten blieben zwar weiterhin homosexuell, aber waren fortan verstümmelt.
In seinem zweiten Band der „Sexualpathologie“ (1918) gibt Hirschfeld der Hoffnung Ausdruck, „daß es der wissenschaftlichen Forschung im Verein mit der ärztlichen Kunst doch noch einmal möglich sein wird, das Triebleben durch Regulierung der inneren Sekretion völlig in die gewünschte Bahn zu lenken“. Für Manfred Herzer, der 1993 eine verdienstvolle Biografie vorlegte, zeigt sich hier die Grenze der Hirschfeldschen Auffassung von Schwulenemanzipation: „Er nimmt sein Konzept von Gleichheit und Freiheit für Homo- und Heterosexuelle in wesentlichen Teilen zurück und kapituliert vor der übermächtigen Normalität.“

Hirschfeld und sein Lebensgefährte Tao Li. Foto: Archiv der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft Berlin
Hirschfelds Leistung als Kämpfer für die Homosexuellen-Emanzipation bleibt davon unberührt. Auf seine Weise war Hirschfelds Werk und sein Name, trotz aller Bemühungen, von den Nazis doch nicht gänzlich zu eliminieren. Selbst seine Bronzebüste hat das Feuer im Scheiterhaufen der Bücherverbrennung 1933 überstanden. Ein Berliner Straßenfeger, der tags darauf mit den Aufräumarbeiten beschäftigt war, nahm die rauchgeschwärzte Plastik an sich und wickelte sie in eine Pferdedecke. Jahrzehntelang verwahrte er das Fundstück, nichtsahnend, wen es darstellt. Erst in den 80er Jahren gelangte die Büste in den Besitz der Berliner Akademie der Künste, eine Replik befindet sich heute in der Sammlung des Schwulen Museums.
An Hirschfelds heutigem Geburts- und Todestag veranstaltet die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld anlässlich der ersten Magnus-Hirschfeld-Tage in der Neuen Synagoge Berlin einen Festakt zu Ehren ihres Namensgebers.
Chronisch krank, chronisch unterfinanziert

Florence Nightingale, die Urmutter der modernen Krankenpflege. Foto: H.Lenthall
Der ambulante Pflege- und Hauswirtschaftsdienst der AIDS-Hilfe Frankfurt soll zum Jahresende schließen. Damit steht einer der letzten vier auf HIV und Aids spezialisierten Pflegedienste vor dem Aus. Was läuft schief in der Finanzierung der häuslichen Versorgung von HIV-Patienten? Axel Schock hat nachgefragt.
Florence Nightingale, Begründerin der modernen Krankenpflege, war auch eine Frau blumiger Worte. „Krankenpflege ist keine Ferienarbeit. Sie ist eine Kunst und fordert, wenn sie Kunst werden soll, eine ebenso große Hingabe“, schrieb sie künftigen Generationen ins Stammbuch. Ihr zu Ehren wird seit den 1960er Jahren der 12. Mai, Nightingales Geburtstag, als Internationaler Tag der Pflege begangen.
Die Kunst, trotz finanzieller Unterversorgung nicht in den Konkurs abzustürzen
Auch hundert Jahre nach dem Tod der berühmten britischen Krankenschwester ist die Pflege weiterhin keine Ferienarbeit, sondern ein Knochenjob. Und die Betreiber von ambulanten Aids-Schwerpunkt-Pflegediensten müssen sich zwangweise immer mehr in der Kunst üben, trotz finanzieller Untervorsorgung nicht in den Konkurs abzustürzen.
Nennen wir ihn einfach mal Bernd. Bernd ist drogenabhängig und sowohl an Aids als auch an Hepatitis C erkrankt. Damit die Viruslast stabil bleibt, ist wichtig, dass er regelmäßig seine Medikamente einnimmt. Dafür sorgt eine Krankenpflegerin des Hannoveraner ambulanten Pflegedienstes SIDA e.V. 2,30 Euro zahlt die Krankenkasse pro Medikamentenvergabe. Inklusive Anfahrt. Auch Bernds offene Beine müssen täglich frisch verbunden werden. Dafür gibt’s immerhin 3,70 Euro. „Das rechnet sich nicht“, sagt Holger Bayer, Pflege- und Versorgungsmanager bei SIDA, ganz knallhart.
Infusionstherapie gegen finanzielle Engpässe. Foto: Maren Beßler, pixelio.de
Rund 25 HIV-Patienten werden von seinem Pflegedienst ständig versorgt. Patienten, die nicht nur in Hannover-Stadt, sondern auch im Umland zwischen Braunschweig, Celle und Minden leben. Aus rein betriebswirtschaftlicher Warte betrachtet und um das Weiterbestehen des Unternehmens nicht zu gefährden, müsste Holger Bayer Patienten wie Bernd eigentlich ablehnen. „Wir haben das Glück, dass wir auch Infusionstherapien anbieten und mit den Kassen sehr gute Versorgungsverträge für andere chronisch kranke Patienten abschließen konnten. Dadurch können wir die Defizite intern ausgleichen“, verrät Bayer.
Müsste sich das Berliner Felix Pflegeteam allein mit den kassenärztlichen Zahlungen finanzieren, hätte man auch dort längst dichtmachen müssen – so wie es in den letzten zehn Jahren vielen Schwerpunkt-Pflegediensten bereits ergangen ist. 100.000 Euro schießt der Senat pro Jahr dazu. „Dies ist der entscheidende Tropfen, der es uns möglich macht, eine nicht kostendeckende Pflege aufrechtzuerhalten“, sagt Geschäftsführerin Peggy Coburger. Tarifgehälter kann sie ihren Angestellten aber dennoch nicht zahlen.
Defizite sind nicht länger durch Spenden und Sponsorengelder aufzufangen
Das Defizit beim 1989 gegründeten Frankfurter Regenbogendienst hatte bislang die örtliche Aidshilfe durch Spenden und Sponsorengelder aufgefangen. Zuletzt war es ein Drittel des Gesamtetats, rund 230.00o Euro – zu viel, um das weiterhin stemmen zu können. Ende April kündigte deshalb Achim Teipelke, Geschäftsführer der AIDS-Hilfe Frankfurt, die Schließung des Pflegedienstes Regenbogendienst zum Jahresende an.
Grund zur Klage angesichts der schwierigen Situation hätten eigentlich alle Betreiber ambulanter Pflegedienste. Doch Spezialpflegedienste wie den Regenbogendienst trifft die chronische Unterfinanzierung aufgrund ihrer Klientel besonders hart. „Unsere Patienten sind meist Menschen mit Multi-Problemen. Sie haben HIV, sind womöglich drogenabhängig, haben psychologische Probleme und leben sozial isoliert“, erklärt Lutz Middelberg vom Care 24 Pflegedienst in Düsseldorf. Die meisten von ihnen haben auch kein unterstützendes soziales Umfeld. Entsprechend schwierig und arbeitsintensiv sind diese Einsätze für die Pflegekräfte. Mit dem knapp bemessenen Zeitkontingent, das die Kassen für die Pflege genehmigen, ist hier nur selten zurechtzukommen.
Das knapp gemessene Zeitkontingent für Pflege reicht bei Menschen mit Multi-Problemen nicht aus
Drogenabhängige beispielsweise sind nicht immer zuverlässig und oft nicht zu den vereinbarten Zeiten zu Hause anzutreffen. Die Pflegekräfte müssen dann wieder unverrichteter Dinge abfahren. Solche Leerfahrten werden von den Kassen allerdings nicht bezahlt. Auch kommt es schon mal vor, dass die Pflegekraft eine halbe Stunde warten muss, bis der Patient den für sich notwendigen Joint geraucht hat – obwohl nur acht Minuten für diesen Einsatz vorgesehen sind. Oder der Krankenpfleger muss erst einmal etwas zu essen besorgen, weil das zu verabreichende Medikament nicht auf nüchternen Magen eingenommen werden darf. Der medizinische Dienst plant bei der Ermittlung der Pflegestufe solche Schwankungen in der Hilfebedürftigkeit der Patienten in der Regel jedoch nicht ein.

Peggy Coburger, Geschäftsführerin des Felix Pflegeteams. Foto: Felix Pflegeteam
Psychische Krisen, leerer Kühlschrank, ein drogenabhängiger Patient im Rausch – die spezialisierten Pflegedienste wissen mit den besonderen Lebensumständen und Lebensweisen von HIV-Patienten umzugehen. Hinzu kommt, dass Spezialpflegedienste nicht allein stadtteilbezogen arbeiten, sondern häufig sehr lange – unbezahlte – Anfahrtswege zu den Patienten auf sich nehmen müssen. Nicht zuletzt auch, weil gerade Menschen in prekären Lebenslagen beispielsweise in Frankfurt immer mehr in die Randgebiete und über die Stadtgrenzen hinaus gedrängt werden.
„Wir benötigen eine lebensrealistischere Finanzierung von Pflege“
„Wir benötigen eine lebensrealistischere Finanzierung von Pflege, zum Beispiel über einen Sockelbetrag, mit dem dann auch solche Leerfahrten finanziert oder nicht anrechenbare Leistungen möglich sind“, fordert deshalb Silke Eggers, Referentin für Soziale Sicherung und Versorgung der Deutschen AIDS-Hilfe. Dass spezialisierte Pflegedienste auch weiterhin notwendig sind, zeigen die bisweilen erschütternden Erfahrungen von Patienten bei anderen Pflegeeinrichtungen. „Wir erleben immer wieder, dass Pflegedienste es ablehnen, Menschen mit HIV zu betreuen“, sagt Peggy Coburger von Felix und berichtet von einem Patienten, der in ein Pflegeheim abgeschoben worden war, wo das Pflegepersonal sich ihm nur mit doppelten Handschuhen und Mundschutz näherte. Seine letzten Lebenstage musste der Mann ohne jegliche menschliche Berührung verbringen.
HIV-Patienten, zumal wenn sie multimorbid sind, gelten für die meisten privat geführten Pflegedienste als zu unwirtschaftlich. Es kommt daher zu häufigem Wechsel zwischen stationärer und ambulanter Versorgung und auch der Anbieter – mit der Folge, dass Patienten verelenden und nicht regelmäßig ihre Medikamente nehmen, sodass dann die Viruslast steigt und die Erkrankten früher sterben.
Wie also geht es weiter? Der Alarmruf des Frankfurter Regenbogendienstes hat zumindest einige Menschen aufgerüttelt. Derzeit, so die Leiterin Katrin Medack, würden Gespräche über andere Finanzierungsmodelle oder mögliche Kooperationen geführt. Für die rund 100 Patienten besteht daher die Hoffnung, dass sie auch über 2012 hinaus adäquat versorgt und betreut werden.
Auf lange Sicht hilft nur eine Änderung auf gesundheitspolitischer Ebene
Felix in Berlin setzt auf Expansion statt Rückzug. Durch die Zusammenarbeit mit dem Wohnprojekt „zik – zuhause im Kiez“, deren Bewohner von Felix ohne kostenintensive Anfahrtswege versorgt werden, können die unwirtschaftlichen Außentouren querfinanziert werden. Nun plant Felix den Umbau eines Kreuzberger Wohnhauses zut 25 Pflege-Appartements für Menschen, die aufgrund schwerer chronischer Krankheiten wie HIV/Aids und Hepatitis C eine Rund-um-die-Uhr-Pflege benötigen. Im Juni fällt die Entscheidung, ob die Lottostiftung Berlin den Umbau finanziert.

Holger Bayer vom ambulanten Pflegeservice SIDA e.V. Hannover. Foto: Sida
Auf lange Sicht allerdings hilft nur eine Änderung auf gesundheitspolitischer Ebene. Was müsste sich ändern? Zwar gilt in der Pflegeversicherung offiziell das Prinzip „ambulant vor stationär“, doch anstatt ambulante Versorgungsstrukturen zu stützen, entstehen immer mehr Heimplätze. Das hat einen Grund: „Wenn ein Patient von seinem Arzt in die Klinik oder mit Pflegestufe 1 in ein Altenheim eingewiesen wird, können die Kassen nichts machen und zahlen daher auch problemlos den Heimplatz. Das ist eine Muss-Leistung“, erklärt Holger Bayer.
Dass der aufwendige Verbandswechsel beim drogenabhängigen Bernd mit mehr als nur 3,70 Euro entlohnt wird, ist hingegen eine Kann-Leistung. Der zeitliche Mehraufwand wird von den Kassen meist erst einmal pauschal abgelehnt. Für Holger Bayer bleibt in einem solchen Fall nur, dagegen zu klagen. „Das kostet alles Zeit und Geld.“ Beides sollte man lieber in die Patientenversorgung einbringen. Durch eine angemessen finanzierte Versorgung zu Hause könnte manchem Erkrankten der Pflegeheimaufenthalt erspart bleiben und die Kassen würden, selbst bei einer höheren Budgetierung der Pflege, noch Geld einsparen.
Warum es in dieser Hinsicht noch kein Umdenken in der Gesundheitspolitik gab, liegt entweder an Überforderung oder Behäbigkeit der zuständigen Behörden. Oder an der guten Lobbyarbeit der stationären Pflegeeinrichtungen.
Selbstbestimmung fördert die Gesundheit

Professor Rolf Rosenbrock (Foto: David Ausserhofer/WZB)
Aids ist eines der vielen Arbeitsfelder der Sozial- und Gesundheitspolitik, auf denen sich Rolf Rosenbrock mit großem Engagement und Erfolg für die Verminderung sozial und gesundheitlich bedingter Ungleichheit von Lebenschancen und die Förderung von Teilhabe einsetzt. Mit dem Gesundheitswissenschaftler, der bis Ende Mai 2012 die Forschungsgruppe Public Health im Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) leitet und am 26. April zum neuen Vorsitzenden des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes gewählt wurde, sprachen Jochen Drewes und Hella von Unger.
von Unger: Rolf, dein Weg in die Wissenschaft war nicht geradlinig, sondern du hast eine kaufmännische Lehre gemacht, dann einen Diplom-Kaufmann und warst ein Jahr in Chile. Danach hast du in Volkswirtschaftslehre und politischer Ökonomie promoviert und warst seit Ende der 1970er am WZB beschäftigt, wo du zu verschiedenen Gesundheitsthemen gearbeitet hast. Wie bist du zum Thema HIV gekommen?
Rosenbrock: Wie jeder schwule Mann hab ich mit Entsetzen gehört, dass da irgendwas Schreckliches ist. Es kam mir aber überhaupt nicht in den Sinn, mich da wissenschaftlich zu engagieren. Und dann sagte Gerd Paul, Leiter der WZB-Bibliothek und einer der Gründerväter der Deutschen und der Berliner AIDS-Hilfe, zu mir: „Du kannst hier nicht einfach als schwuler Gesundheitswissenschaftler rumsitzen und zu Aids überhaupt nichts sagen.“ Das war ein moralisches Argument, dem ich mich schwer entziehen konnte.
von Unger: Kanntest du damals schon Männer, die an der noch relativ unbekannten Krankheit erkrankt oder gestorben waren?
„Du kannst nicht als schwuler Gesundheitswissenschaftler zu Aids nichts sagen“
Rosenbrock: Zunächst nicht. Meine ersten Kontakte mit HIV-positiven, aidskranken und an Aids sterbenden Männern hatte ich, als ich 1986 das Buch „Aids kann schneller besiegt werden“ [1] schrieb. Und dann kam ich dem HIV-Problem auch menschlich sehr nah. Ich lebte damals in einer monogamen, szeneabgewandten schwulen Beziehung, und trotzdem fingen wir plötzlich an, Kondome zu benutzen, was weiß Gott nicht erforderlich gewesen wäre. [lacht] Aber das war diese ganze Unsicherheit.
Drewes: Was wolltest du mit dem Buch erreichen?
Rosenbrock: Das Buch war mein Politikvorschlag. Im Kern geht es mir immer ums „Wie man’s anpackt“ – das ist es, was Wissenschaft für mich aufregend macht.
von Unger: Und dir wurde ja auch zugehört. Du bist zum Beispiel in die 1987 eingerichtete Enquete-Kommission „Gefahren von AIDS und wirksame Wege zu ihrer Eindämmung“ unter Rita Süssmuth berufen worden. Wie muss man sich die Arbeit dort vorstellen?

Rita Süssmuth hat die deutsche Aids-Politik entscheidend geprägt (Foto: Udo Grimberg/Quelle: wikipedia.org)
Rosenbrock: Die war sehr konfliktreich, weil CDU und CSU die medizinischen Vertreter der Gauweiler-Linie in die Enquete geschickt hatten und die FDP Professor Stiller aus Frankfurt, der mit dem Ruf „Testen, testen, testen!“ in den Versammlungsraum stürmte. In den drei Jahren verschärfte sich mein Verhältnis zur Medizin, weil ich massiv und dauerhaft dieser übergriffigen Arroganz begegnet bin, die vielen Angehörigen dieser Disziplin eigen ist – und das gepaart mit großer Ignoranz. Es war harte Arbeit, aber zugleich die Traumstunde des politikberatenden Sozialwissenschaftlers. Unsere Ausschuss-Sitzungen in Bonn waren öffentlich, und an den Wänden rund um unseren Verhandlungstisch saßen Vertreter aus allen damals elf Bundesländern, schrieben mit, was wir sagten, und wandelten das in den nächsten Wochen in Erlasse für ihre Gesundheitsämter um – also: Respekt vor den Zielgruppen, Inklusion [Einschluss, Anm. d. Red.], Abwehr aller Repression [Unterdrückung, Anm. d. Red.] und größte Zurückhaltung beim Test.
von Unger: Wie konntest du dich damit gegen Experten durchsetzen, die Gauweiler-Positionen wie Ghettoisierung, Isolierung und Massentests vertraten?
Ich kämpfe gerne für „Witwen und Waisen“ – im Sinne von Anwaltschaft
Rosenbrock: Ich war ja nicht allein. Neben mir saßen Manfred Bruns, der als ehemaliger Bundesanwalt alles juristisch wunderbar begründete, die unvergleichliche Sophinette Becker, Psychologin bei Volkmar Sigusch am Institut für Sexualwissenschaft in Frankfurt, und Dieter Riehl, der Geschäftsführer der Deutschen AIDS-Hilfe. Zum anderen sind die Vertreter der Old-Public-Health-Strategien [2] argumentativ nach drei Schritten an der Wand. Nur für die, die sie äußern, ist das offenbar nicht merkbar. [lacht] Und wir hatten natürlich die bessere Presse. Ich gehörte gleichzeitig noch einer zweiten Enquete-Kommission an und hatte ein extrem anstrengendes Vortragsprogramm vor Akademien, Aidshilfen, Allgemeinen Studentenausschüssen und Kommunalverwaltungen. Ich nahm jede Einladung an, weil ich den Eindruck hatte, dass es jetzt wirklich darauf ankommt. Auf einer dieser Tagungen lernte ich dann auch meinen heutigen Lebensgefährten kennen.
von Unger: Konntest du schon immer offen mit deiner Homosexualität umgehen?
Rosenbrock: Nein, ich war zu Beginn der Aidskrise ein „versteckter Schwuler“. In meinem Arbeitsbereich und im Freundeskreis wussten alle Bescheid, aber ich hatte größte Hemmungen, öffentlich zu sagen: „Ich bin ein schwuler Mann“. Und ich war damals sehr verärgert, als das Berliner Schwulenmagazin Siegessäule mich in einer Rezension von „Aids kann schneller besiegt werden“ als schwulen Sozialwissenschaftler bezeichnete. Ich hatte es ihnen verboten, aber sie haben es trotzdem gedruckt. Über dieses Zwangsouting war ich sauer, weil mich das in der Festigkeit, mit der ich meine Rolle spielte, erschütterte. Ich kämpfe gerne für arme Witwen und Waisen, tu das aber mehr im Sinne von Anwaltschaft und weniger als Selbstverteidigung.
Ich empfand es als echte Arbeitserschwernis, jetzt geoutet zu sein, und es war einfach extrem unsolidarisch. Aber es war dann alles viel harmloser als befürchtet: Kaum ein Heterosexueller liest die Siegessäule. Und in der Öffentlichkeit war ich der Fachmann für Public Health, Manfred Bruns war unser Berufsschwuler, Sophinette Becker war für die Psyche zuständig und Dieter Riehl für die Selbsthilfe. So waren die Rollen verteilt. Da war ich gar nicht als Schwuler im Ring. Aber für mich ist es auch eine dieser bitteren Ironien, dass ich durch die Ausnahmesituation Aids meinen Lebensgefährten gefunden habe und mein persönlicher Emanzipationsprozess dadurch beschleunigt wurde.
Drewes: Das Buch „Die Normalisierung von Aids“ [3] aus dem Jahr 2002 steht dann unter ganz anderen Vorzeichen …
In den reichen Ländern ist HIV-Politik immer auch Machtkampf (Foto: Rike/pixelio.de)
Rosenbrock: Der zugrunde liegende gleichnamige Aufsatz [4] war das Ergebnis einer EU-Konferenz 1998 in Paris. Wir wollten genau das verarbeiten, was der Titel sagt. Aids hatte seinen Ausnahmestatus verloren, das bedeutete geringere Medienwirksamkeit, weniger Freiwillige. Das Aidsbündnis mit allem, was liberal, links und bürgerrechtlich war, hatte sich schützend um schwule Männer geschart. Die hatten inzwischen auch viele andere Themen, und die Finanzbedarfe wurden keineswegs kleiner. Das steuerte auf eine kritische Situation zu, nicht nur in Deutschland. Wir wollten klarmachen, dass es jetzt drei Möglichkeiten gibt: a) Normalisierung als Stabilisierung des Status quo, b) Abbau von Versorgungs- und Präventionsstrukturen oder c) Übertragung des Aids-Modells auf andere Krankheitsbilder und Bevölkerungsgruppen. Wir haben uns natürlich für das dritte ausgesprochen. In diesem Feld ist die Entscheidung für New Public Health gefallen. Sie ist etabliert, sie hat sich bewährt, sie könnte ausgebaut werden – und nun beginnt es zu bröckeln. Das war für uns die zweite Aidskrise, der wir mit diesem Schriftstück ein wenig entgegenwirken wollten.
Drewes: Wenn wir uns aktuelle Entwicklungen in der der HIV-Prävention anschauen, was werden da künftige Herausforderungen sein?
Rosenbrock: Die beste gesundheitspolitische Nachricht war 2010 für mich, dass die HIV-Neuinfektionen in den letzten fünf Jahren weltweit um 25 Prozent zurückgegangen sind. In der Presse hieß es dann meist: Jetzt müssen wir noch mal zehn Milliarden in Medikamente investieren, dann geht das alles weg. Das ist natürlich Quatsch. Dieser Rückgang ist auch nicht mit Medikamenten erklärbar, sondern als weltweiter Erfolg Community-basierter Interventionen, was viel zu wenig zur Kenntnis genommen wird.
Wir wollen die Übertragung des Aids-Modells auf andere Bereiche
In den reichen Ländern kann man die gesamte HIV-Politik auch als Machtkampf verstehen: zwischen Sozialwissenschaft und Medizin, zwischen Selbsthilfe und professionellen, medizinischen, behandelnden Institutionen. In der ersten Runde haben wir klar gewonnen, weil die Medizin nichts in der Hand hatte. In der zweiten Runde, der „Remedikalisierung“, haben wir viel verloren: Nicht mehr der Patient steht im Mittelpunkt, sondern das Medikamentenregime. Und die dritte Runde wird jetzt eingeläutet. Sie ist dadurch gekennzeichnet, dass durch die antiretrovirale Therapie (ART) auch die Übertragungswahrscheinlichkeit stark gesenkt oder nahe Null gebracht werden kann und es naheliegt, von „Behandlung als Prävention“ zu sprechen. „Wir setzen alle, die HIV haben, sofort unter ART, und dann können sie rumvögeln, wie sie wollen, da passiert nichts mehr. Was wollt ihr da noch mit euren Kondomen? Und die Aidshilfen schaffen wir einfach ab.“ Das ist die Logik.
Die Entscheidung für eine Therapie muss beim Individuum bleiben (Foto: Andreas Damm/pixelio.de)
Dagegen sprechen aber unter anderem ethische Argumente: Noch nicht behandlungsbedürftige Menschen bekämen dann eine hochgiftige Therapie mit unerwünschten Nebenwirkungen verpasst. Den Nutzen hätte nicht das therapierte Individuum, sondern die Gesellschaft und die Community. Das ist eine gefährliche Hereinnahme einer Public-Health-Ethik in individuelle Therapie-Entscheidungen zulasten des Einzelnen. Das haben wir in Deutschland im Nationalen Aids-Beirat gerade noch mal verhindert, wo wir ein entsprechendes Statement verabschiedet haben. Aber in den USA werden solche ethischen Argumente einfach überrollt.
von Unger: Du hast immer sehr eng mit der aus der Selbsthilfe entstandenen Deutschen AIDS-Hilfe zusammengearbeitet – welchen Stellenwert hat das für dich?
Rosenbrock: Ich bin einer derer, die Wissen zusammentragen, um Konzepte zu formulieren, die Aidshilfen im Grunde genommen auch selbst formulieren würden, wenn sie mehr Zeit dazu hätten. So verstehe ich mich auch heute noch – auch für etliche andere Organisationen. Verändert hat sich natürlich die Aidshilfe. Institutionen haben ihre Biografien: Meistens entdeckt man sie, wenn sie pubertär sind, wenn sie gerade zu Bewusstsein kommen, aktiv werden und rotzfrech und irgendwie chaotisch sind. Und so hab ich die DAH 1985 in ihrer 4-Zimmer-Wohnung in der Berliner Straße kennengelernt. Es gab ein neues Problem, und der Verband hat frische Ideen und frische Kräfte in das politische Geschäft und den politischen Diskurs gebracht. Das war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Mittlerweile ist die DAH ein verbandlicher Akteur im deutschen Wohlfahrtsstaat – das ist etwas anderes als der wuselige „AStA“ [Allgemeiner Studierendenausschuss, Anm. d. Red.], als den ich sie kennengelernt habe, mit Stärken und Schwächen.
Drewes: Die DAH steht heute ja auch vor anderen Herausforderungen. Ein Thema ist die immer stärker geforderte Evidenzbasierung von Prävention in lebensweltlichen Kontexten, also der Nachweis, dass Prävention wirkt. Was ist dein Standpunkt dazu?
Die Zukunft der Gesundheit liegt nicht in der Medizin
Rosenbrock: Ich stehe dazu, dass man Wirksamkeit nachweisen muss. Weil Prävention als New-Public-Health-Intervention über öffentliche Mittel bezahlt werden muss, stehen wir auch objektiv unter Druck. Ich halte allerdings vieles für Schnellschüsse und überzogene Ansprüche. Politisch ist die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung der richtige Ort, nicht um zu exekutieren und über Wirksamkeit oder Unwirksamkeit zu entscheiden, sondern um den Erkenntnisweg gemeinsam zu gestalten. Methodisch haben wir heute die „partizipative Qualitätsentwicklung“, die klassischen Evaluationsdesigns mit differenzierten Vorher-Nachher-Messungen, die qualitative, formative Evaluation, mit deren Ergebnissen man Prozesse verbessert, und die Modelle guter Praxis. Mit diesem Methoden- und Messarsenal lässt sich ungefähr sagen, was wirkt und was nicht wirkt.
von Unger: Du hast dich aus dem WZB mit einer Tagung zu „Partizipation und Gesundheit“ verabschiedet. Wieso hast du den Akzent auf Partizipation gelegt?
Rosenbrock: Partizipation im Sinne direkter Entscheidungsteilhabe war ein Aspekt in allen Projekten der Forschungsgruppe im letzten Vierteljahrhundert, ohne dass wir uns als „Partizipationsinstitut“ verstanden hätten. Es geht darum, jedes Gesundheitsthema immer auch aus dem Blickwinkel der Betroffenen zu betrachten und sie möglichst selbst zur Sprache zu bringen. Dabei kommt immer Partizipation heraus – als uneingelöstes Versprechen, als Lösungsstrategie oder als Ressource.
Drewes: Du bist jetzt viele Jahre aktiv und hast großen Einfluss ausgeübt. Mit welchen Kernbotschaften möchtest du gern in Erinnerung bleiben? Welche Botschaften und Ziele werden auch für deine Arbeit als Vorsitzender des Paritätischen Wohlfahrtsverbands leitend sein?
Rosenbrock: Erstens, dass die sozial bedingte Ungleichheit von Gesundheits- und Lebenschancen die zentrale Herausforderung nicht nur für die Gesundheits-, sondern auch für die Sozial-, die Arbeitsmarkt- und die Bildungspolitik ist. Zweitens, dass Nachdenken und Forschen über Gesundheit – neben der politischen Ökonomie – ein hervorragender Weg ist, um Gesellschaft insgesamt verstehen und fundierte Vorschläge für Veränderungen machen zu können. Drittens, dass die Zukunft der Gesundheit nicht in der Medizin liegt – das ist in konservativen Zeiten immer wieder zu betonen. Und viertens, dass der Weg über die Selbstbestimmung in den Lebenswelten nicht nur die Gesundheit, sondern auch die Demokratie und das Zusammenleben fördert.
[1] Rolf Rosenbrock (1986). Aids kann schneller besiegt werden. Gesundheitspolitik am Beispiel einer Infektionskrankheit. Hamburg: VSA-Verlag.
[2] „Unter ‚Old Public Health‘ kann man z. B. strenge Verhaltensauflagen, rigide Eingriffe in Bürgerrechte, Quarantäne, Therapiezwang und auch Zwangstests verstehen, um Infizierte zu ermitteln und Infektionsquellen ‚stillzulegen‘. Unter ‚New Public Health‘ dagegen versteht man z. B. die Mobilisierung der Communitys, die Einbeziehung der Zielgruppen in die Planung und Umsetzung von Prävention, Versorgung und sozialer Unterstützung, Freiwilligkeit, positive Verhaltensanreize in der sozialen Umwelt sowie Befähigung und Stärkung von Einzelnen und Gruppen – wir sprechen hier von einer gesellschaftlichen Lernstrategie im Gegensatz zu einer seuchenrechtlichen Suchstrategie.“ (Aus: Kreativität und Durchhaltevermögen. Prof. Dr. Rolf Rosenbrock über Strukturelle HIV- und Aids-Prävention. In: Jahrbuch 2009/2010 der Deutschen AIDS-Hilfe. Berlin: DAH 2010, S. 97)
[3] Rolf Rosenbrock und Doris Schäffer (Hg.) (2002). Die Normalisierung von Aids: Politik – Prävention – Krankenversorgung. Ergebnisse sozialwissenschaftlicher Aids-Forschung, Band 23. Berlin: Edition Sigma.
[4] Rosenbrock, R./Schaeffer, D./Moers, M./Dubois-Arber, F./Pinell, P./Setbon, M. (2000): The Normalization of AIDS in Western European countries. The Aids Policy Cycle in Western Europe. From Exceptionalism to Normalization. Social Science and Medicine 50 (11), 1607–1631
Manchmal muss es eben MuMM sein

Teilnehmerinnen und Teilnehmer der MuMM-Schulung in Berlin. Foto: Susanne Reuber
Das Projekt MuMM der Deutschen AIDS-Hilfe hat in drei Städten – Berlin, München und Freiburg – Migrantinnen und Migranten als Multiplikatoren für die HIV- und STI-Prävention in ihren Communities ausgebildet. Sophie Neuberg berichtet vom Projektstandort Berlin, wo 19 Frauen und Männer die Schulung durchlaufen haben.
Kürzlich ging der theoretische Teil der MuMM-Schulung zu Ende. Migrantinnen und Migranten, die bereits in sozialen Projekten arbeiten oder aus anderen Gründen gut in ihre Communities eingebunden sind, konnten hier lernen, wie man Botschaften der HIV-Prävention fachgerecht vermittelt. Die Schulung erstreckte sich über zwölf Sitzungen und gründete auf Erfahrungen, die im vorangegangenen Projekt PaKoMi in Sachen „Partizipation und Kooperation in der HIV-Prävention mit Migrantinnen und Migranten“ gemacht wurden.
Vielfalt hat die Zusammenarbeit nicht gerade erleichtert, aber immer bereichert
MuMM wurde an seinen Projektstandorten in Kooperation mit den lokalen Aidshilfen durchgeführt, in der Bundeshauptstadt in den Räumen der Berliner Aids-Hilfe. „In Berlin war die Zusammensetzung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer besonders gemischt“, berichtet Projektleiterin Nozomi Spennemann vom Verband für Interkulturelle Arbeit. „Sie stammten aus Afrika, Ostasien und Osteuropa und hatten sehr verschiedene Motivationen, Hintergründe und Sprachniveaus.“ Durch diese Vielfalt sei die Zusammenarbeit nicht immer leicht gewesen, doch immer sehr bereichernd.

Schulungsleiterinnen Tanja Gangarova und Nozomi Spennemann. Foto: Susanne Reuber
Geschult wurde freitagnachmittags und in zwei Wochenendseminaren, insgesamt 65 Stunden. Die Themen waren breit gefächert. Vermittelt wurden Grundkenntnisse zu HIV/Aids und anderen (sexuell) übertragbaren Infektionen, zum Gesundheitssystem in Deutschland, zu Schwangerschaftsverhütung und Schadensminderung beim Drogenkonsum, aber auch moderne Methoden der Wissensvermittlung. Die jeweils mitgebrachten Erfahrungen und Kenntnisse unterschieden sich oft sehr. So kannten sich schwule Männer nicht unbedingt mit Schwangerschaftsverhütung aus. Manche Teilnehmer hatten bereits mit Drogen zu tun gehabt, andere nicht. „Drogen waren für mich ein ganz unbekannter Bereich“, erzählt Dorin aus Rumänien. Da er in seinem Heimatland HIV-positive Freunde habe, wollte er sich in diesem Feld engagieren und erfahren, wie es in Deutschland bearbeitet wird. Dabei habe er viel gelernt – durch die Schulung selbst, aber auch durch die Erfahrungen anderer Teilnehmerinnen und Teilnehmer.
„Selber etwas konzipieren und umsetzen, was man für sinnvoll hält“

Schulungsleiter Sergiu Grimalschi von der Berliner Aids-Hilfe. Foto: Susanne Reuber
Nach so viel Theorie gilt es nunmehr, auch praktische Erfahrungen zu sammeln. In Hospitationen sollen die Ausgebildeten Projekte kennenlernen, die mit Migration und Gesundheit zu tun haben, und dabei das Gelernte möglichst in die Tat umsetzen. Zum Abschluss der Schulung stellten sich daher verschiedene Einrichtungen vor, die frisch gebackenen Multiplikatorinnen und Multiplikatoren Einblick in ihre Arbeit geben wollen. Wie zum Beispiel das Zentrum für sexuelle Gesundheit und Familienplanung Charlottenburg-Wilmersdorf, das Projekt „Afrika-Herz“ für Menschen aus afrikanischen Ländern, der „Frauentreff Olga“ für Drogenkonsumentinnen in der Prostitution, das Schoolwork-Projekt der Berliner Aids-Hilfe oder „subway“ für Jungs, die anschaffen gehen.
Wie und wo die Geschulten ihre Kenntnisse und Fähigkeiten einsetzen, können sie selbst entscheiden. „Wir geben nicht vor, was sie nach der Schulung machen“, sagt Projektleiterin Tanja Gangarova von der Deutschen AIDS-Hilfe. „Wir unterstützen sie, damit sie selbst etwas konzipieren und umsetzen, was sie für sinnvoll halten.“
„Man muss nicht prominent sein, um als Schlüsselperson zu fungieren“

Ulaş möchte sein Wissen in türkischsprachigen Vereinen weitergeben. Foto: Susanne Reuber
Ulaş zum Beispiel, der vor neun Jahren aus Ankara nach Berlin kam, möchte seine Kenntnisse am liebsten an Vorstände türkischsprachiger Vereine weitergeben. „Es gibt dort ein Potenzial, das man aktivieren müsste – Schlüsselpersonen können das. Um als Schlüsselperson zu fungieren, muss man nicht prominent sein, es reicht, dieses Wissen zu haben“, sagt der 34-jährige Informatiker. In türkischen Kreisen gilt er für viele bereits als Ansprechpartner für das Thema „Homosexualität und Gesundheit“. Doch zugleich ist ihm bewusst, dass er sein Projekt nicht allein stemmen kann: „Man bräuchte dafür mehr Leute, mehr Zeit und mehr Ressourcen.“
Der Rumäne Dorin hat bereits ein erstes Projekt realisiert: In Rumänien und Bulgarien verschenkt man am 1. März rot-weiße Armbänder mit dem Wunsch für gute Gesundheit, und diese Tradition hat er kurzerhand in Berlin umgesetzt. „Dabei bin ich gar nicht der Basteltyp“, lacht er, „aber ich habe tatsächlich 350 Armbänder geflochten!“. Die Armbänder wurden zusammen mit einer Kurzinfo über Safer Sex und einem Kondom in ein durchsichtiges Tütchen verpackt und an rumänische Prostituierte in der Bülowstraße und an Roma-Strichjungen verteilt. „Die Resonanz war überwältigend“, freut sich Dorin. „Rumänen und Bulgaren wissen sofort, was mit diesem Armbändchen gemeint ist – eine gute Möglichkeit also, einfache Präventionsbotschaften zu vermitteln.“

Aktionstheater AfroLebenPlus. Foto: Susanne Reuber
Am letzten Schulungstag trat die Theatergruppe „AfroLebenPlus“ auf, die kurzweilige Szenen rund um die HIV-Prävention darbietet. Die Ausgebildeten waren begeistert, auch wenn sie sich nicht unbedingt vorstellen konnten, selbst im Rampenlicht zu stehen, wie etwa Dorin. Der 48-jährige Biochemiker, der bereits viel im Medizinbereich gearbeitet hat, möchte in einem Tuberkulose-Projekt hospitieren, zum Beispiel beim Gesundheitsamt Lichtenberg oder bei „Amaro Drom“, einem Projekt für Roma- und andere Jugendliche in Neukölln. „Ich denke, dass viele Aidskranke aus Osteuropa auch noch an Tuberkulose erkrankt sind. Es ist eine stille Krankheit, die mit schlechter Hygiene, schlechter Nahrung und schlechter Wohnsituation zusammenhängt.“
Sein Armbandprojekt möchte Dorin im nächsten Jahr am 1. März unbedingt noch einmal durchführen – dann aber mit mehr Vorbereitungszeit, um noch mehr Menschen zu erreichen.
„Ich würde den Vatikan homophil-homophob nennen“
Die katholische Kirche will die fromme Kulisse nach außen. Foto: Andreas Musolt, pixelio.de
David Berger (44) hat für Furore gesorgt: Der konservative Theologe machte Karriere in der katholischen Kirche und war schließlich Professor an einer päpstlichen Akademie in Rom – bis er sich mit seinem Buch „Der heilige Schein“ als schwul outete. Die Folge: Er verlor nicht nur seine Aufgaben im Vatikan, sondern auch seine Lehrerlaubnis als Religionslehrer in Deutschland. Im Gespräch mit Philip Eicker nennt er Gründe für die Homophobie in der katholischen Kirche.
Herr Berger, ist der Vatikan ein homophober Ort?
Ich würde ihn homophil-homophob nennen. Beides ist vorhanden. Unter all den Männern dort ist eine homophil enorm aufgeladene Stimmung. Zumal man davon ausgehen kann, dass etwa die Hälfte von ihnen zumindest homosexuell veranlagt ist. Deshalb wird dort schwuler Sex auch ausgiebig praktiziert. Natürlich nicht im Vatikan, aber in der Umgebung.
Sehen Sie eine direkte Verbindung zwischen Homophobie und Homosexualität?
Ich kann das nicht wissenschaftlich beweisen, aber so habe ich es erlebt: Diejenigen, die in Vorlesungen und privaten Gesprächen besonders homophob aufgetreten sind, haben in den meisten Fällen selbst heimlich ein schwules Leben geführt – aber ohne Selbstakzeptanz. Wenn man zu ihnen sagte: „Du bist doch auch schwul!“, reagierten sie entsetzt. Es ist zwar Sex mit Männern, aber man darf es nicht schwul nennen, weil das ja verboten ist.
Jahrhundertelang ein Lebensmodell für homosexuelle Männer. Foto: Thomas Max Müller, pixelio.de
Woher kommt diese Homophobie?
Zum einen ist es Konkurrenzdenken. Das Priestertum der katholischen Kirche war über Jahrhunderte das Lebensmodell für schwule Männer. Wenn man damals nicht heiraten oder zu einem verschrobenen alten Onkel werden wollte, konnte man nur noch Priester werden. Für diese Männer war die zölibatäre Lebensform der perfekte Schutzraum. Mit der Legalisierung der Homosexualität in Europa und der Schwulenbewegung wird diese Grundaufgabe der katholischen Kirche hinfällig. Der schwule Lebensentwurf tritt in Konkurrenz zum Priesterdasein.
Zum anderen: Wenn ich sehe, wie andere fröhlich als schwule Männer leben, ich mir aber meine Sexualität immer verkniffen habe, wird mir ein Spiegel vorgehalten: So könntest du auch leben! So entsteht extreme Homophobie – gerade bei Männern, die ihre Homosexualität nicht verarbeitet haben.
Wobei die Ablehnung der Homosexualität kein Phänomen der heutigen Zeit ist. Sie widerspricht schlicht der katholischen Lehrmeinung …
Das Verbot der Homosexualität als Machtmittel ist auch heute noch nützlich
Es gibt eine lange Tradition, Homosexualität zu verbieten, das ist richtig. Auch in der Heiligen Schrift. Allerdings hat die Kirche schon weitaus traditionsreichere Verbote fallen lassen, zum Beispiel, Geld gegen Zinsen zu verleihen. Aber das Verbot der Homosexualität ist auch heute noch nützlich, weil es ein Machtmittel ist. Wenn ich den vielen homosexuell veranlagten Klerikern verbiete, Sex zu haben, obwohl das Sexualbedürfnis so fundamental ist, dann habe ich viele Untergebene mit Leichen im Keller. Die kann ich dann damit loyal halten, zur Not auch erpressen.
Warum haben Sie trotzdem eine theologische Karriere begonnen?
Homophilie: die andere Seite der Medaille. Foto: hallmar, pixelio.de
Am Anfang stand der feste Wunsch, Priester zu werden. Es gibt Fotos von mir, wo ich mit vier, fünf Jahren schon selbstgebastelte Messgewänder trage. Aber kurz vor dem Abi merkte ich, dass ich auf Sexualität nicht werde verzichten können. Deshalb bin ich nicht Priester geworden. Eine gewisse Traurigkeit darüber ist geblieben, die sicher auch eine Motivation war, auf den Wegen der konservativen Theologie zu wandeln – im Sinne von „damit mache ich wieder gut, dass ich dem vermeintlichen Wunsch Gottes nicht nachgekommen bin“.
Wie haben Sie damals Ihr Sexleben gehandhabt?
Als ich vor 22 Jahren mit meinem Freund zusammenkam, haben wir unsere Partnerschaft von Anfang an offen gelebt. Ich wollte anfangs gar keine Beziehung. Aber wie das so ist, man verliebt sich – dagegen ist kein Kraut gewachsen. Für mich war das auch religiös kein Problem, weil ich Sexualität immer als ein Geschenk Gottes begriffen habe, das ich auch ausleben soll.
Konnten Sie mit anderen Geistlichen auch aufrichtige Gespräche über schwulen Sex und Beziehungen führen?
„Ich ging ganz pragmatisch mit dem öffentlichen Schweigeverbot um“
Ja, meist mit solchen Priestern, die homosexuell veranlagt sind und darum wissen, sich aber strikt an ihren Zölibat halten. Die leiden enorm unter der derzeit zunehmenden Homophobie in der katholischen Kirche. Da gab es sehr offene und ehrliche Gespräche. Bis hin zu einem sehr konservativen Priester, der meinem Freund und mir ganz vorbildlich geholfen hat, unsere Beziehung zu retten, als wir eine schwere Krise hatten.
Wie haben Sie denn ausgelotet, mit wem Sie offen darüber sprechen können?
Der schönere Rahmen für eine kirchliche Karriere. Foto: Olla van the see, pixelio.de
Ich hatte gar nicht so sehr das Bedürfnis, mich mitzuteilen und über meine Sexualität zu reden. Ich hatte ja ein glückliches Privatleben und ging ganz pragmatisch mit dem öffentlichen Schweigegebot um. Ich habe mir gesagt: Sie wollen die fromme Kulisse nach außen, also sollen sie sie haben. Insofern mussten eher die anderen ausloten, inwieweit sie mir vertrauen und darüber reden wollten.
Hat Sie in all den Jahren kein Zweifel beschlichen?
Man plant ja eine Karriere nicht, sondern man wächst hinein. Man sagt oft automatisch ja, wenn der nächste Schritt kommt. Dann spielen auch persönliche Eitelkeiten eine Rolle. Wenn man die Wahl hat, in einem stickigen Seminarraum in Bochum zu lehren oder im Palazzo della Cancelleria vor Kardinälen zu sprechen, dann ist die Tendenz groß, den schönen Rahmen in Rom zu wählen – und manches zu übersehen, was man eigentlich sehen müsste.
„Ich habe mich unerpressbar gemacht, indem ich mich outete“
Haben auch Sie Homophobes verkündet?
Nein, nie. Als ich Herausgeber der katholischen Monatsschrift Theologisches geworden bin, ist dort kein homophober Artikel mehr erschienen. Ich wies alle zurück. Das wurde bemerkt, und man wollte mich unter Druck setzen. Man gab mir zu verstehen, dass mein Privatleben bekannt sei, dass man wisse, dass ich mit einem Mann zusammenlebe. Das wurde immer wieder angedeutet – bis ich mich dann unerpressbar gemacht habe, indem ich mich öffentlich outete.
Unter Druck gesetzt. Foto: Gerd Altmann, pixelio.de
Damit haben Sie ihre Karriere beendet.
Ja, das wusste ich. Aber letztlich hat sich der Zustand der Erpressbarkeit psychisch so stark niedergeschlagen, dass ich das Ende meiner theologischen Karriere gerne in Kauf genommen habe.
Was gab den Ausschlag für Ihr öffentliches Coming-out?
Ein Auslöser war ein Talk bei Anne Will, wo Bischof Overbeck gesagt hat, homosexuell zu sein, sei eine Sünde. Damit ging er weit über die katholische Lehrmeinung hinaus. Das hatte bis dahin kein Kirchenführer behauptet.
Was hat dafür gesorgt, dass Sie sich mit einem Skandalbuch verabschiedet haben?
Die permanente Erpressung. Ich wurde immer stärker unter Druck gesetzt. Als sich die kirchenpolitische Ausrichtung unter Benedikt XVI. veränderte, habe ich gemerkt, dass die konservative Denkrichtung, die ich vertreten habe, in letzter Konsequenz zur Erpressung von Menschen führt. Da hatte sich etwas aufgestaut, das raus musste.
Können Sie ein Beispiel für eine solche Erpressung geben?
„Mit dem Outing habe ich ja auch meine Lehrerlaubnis als katholischer Religionslehrer verloren“
Als der Papst die reaktionären Piusbrüder rehabilitierte, unterschrieb ich eine Petition dagegen. Danach wurde ich zu meinen Vorgesetzten in der Theologisches-Redaktion zitiert. Zuerst sagte man mir: „Das hat man Ihnen untergeschoben.“ Mir wurde also angeboten, meine Unterschrift zu leugnen. Ich habe sie dennoch bestätigt. Dann kam die Frage: „Wussten Sie, dass dort auch Homosexuelle unterschrieben haben? Wollen Sie mit Ihrem Namen unter lauter Homosexuellen stehen?“ Damit sollte mir klargemacht werden: Wenn du so etwas unterschreibst, musst du damit rechnen, dass wir dich outen. Das war auch eine ökonomische Drohung, denn mit dem Outing habe ich ja auch meine Lehrerlaubnis als katholischer Religionslehrer verloren.
Haben Sie die Hoffnung, dass sich die Haltung der katholischen Kirche zur Homosexualität in den nächsten 20 Jahren ändert?
Nein, auf absehbare Zeit nicht. Der nächste Papst wird vermutlich aus Lateinamerika oder Afrika kommen und in gesellschaftspolitischen Fragen noch konservativer agieren. Wenn wir also für etwas kämpfen sollen, dann für das energische Zurückschneiden des Einflusses der katholischen Kirche überall dort, wo sie die gesellschaftlichen Rechte, die wir als schwule Männer und lesbische Frauen errungen haben, rückgängig zu machen versucht.
Widerstand gegen Diskriminierung ist Christenpflicht. Foto: Stephanie Hofschlaeger, pixelio.de
Wo ist das der Fall?
Nur ein Beispiel: Als 2006 versucht wurde, in Moskau einen Pride* zu organisieren, war der Nuntius des Papstes für die Russische Föderation der erste, der Protest bei der russischen Regierung einlegte: Mit Entschiedenheit unterstütze er im Namen des Papstes das Demonstrationsverbot für Homosexuelle in Russland. Welche Kreise dieses Verbot inzwischen gezogen hat, sehen wir an der aktuellen Gesetzgebung in Russland. Daran mag die katholische Kirche nur am Rande beteiligt sein, aber der Papst hat hohe moralische Autorität. Sein politischer Einfluss ist groß. Da muss man zur Not den Vertretern der katholischen Kirche Widerstand leisten – das ist für mich auch meine Aufgabe als Christ.
* Demonstration schwulen und lesbischen Selbstbewusstseins und Stolzes, zum Beispiel in Form von Paraden wie etwa zum Christopher-Street-Day.
Literaturtipp: David Berger: Der heilige Schein. Als schwuler Theologe in der katholischen Kirche. List Taschenbuchverlag
Wenn die werdende Mutter HIV-positiv ist…
HIV-positive Frauen: pro Jahr 200 bis 250 Geburten in Deutschland. Foto: Margit Völtz, pixelio.de
Der Internationale Hebammentag am 5. Mai steht in Deutschland unter dem Motto „Hebammen wissen Bescheid“ – auch über Schwangerschaft und HIV. Das sah vor zehn Jahren noch ganz anders aus, wie die Wuppertaler Hebamme Ute Lange weiß. Sie hat sich maßgeblich für die Fortbildung ihrer Kolleginnen engagiert. Axel Schock im Gespräch mit Ute Lange.
Wann hatten Sie als Hebamme zum ersten Mal mit einer HIV-positiven Frau zu tun?
Das war 1995. Ich war damals freiberuflich tätig, und die Frau hatte mich telefonisch angefragt, ob ich die Schwangerschaftsvorbereitung, die Geburt und Wochenbettbetreuung übernehmen würde. Ich wusste damals überhaupt nicht, was die HIV-Infektion für mich und meine Arbeit konkret bedeuten würde. Als ich Anfang der 80er Jahre meine Ausbildung machte, gab es HIV offiziell ja noch gar nicht, und in meiner Berufsgruppe war die Infektion bis dahin überhaupt nicht thematisiert worden. Ich habe mich dann sehr intensiv damit beschäftigt und mich selbständig fortgebildet. Diese erste Betreuung einer HIV-positiven Frau war daher ein sehr langer und intensiver Prozess.
Schätzten Sie diese Schwangerschaftsbegleitung damals als riskantes Abenteuer ein?
Viele meiner Kolleginnen sagten mir damals, dass sie diese Patientin nicht übernommen hätten. Ich finde diese Aussage, auch im Nachhinein, immer noch sehr bemerkenswert, weil sie nicht mit meiner Haltung zu meinem Beruf in Einklang steht.

Hebamme Ute Lange gibt ihr Fachwissen seit vielen Jahren an Kolleginnen weiter. Foto: privat
Überraschend ist, dass Mitte der 90er Jahre offensichtlich noch viel Unkenntnis über HIV und Aids sogar unter Menschen aus dem medizinischen Sektor bestand.
In den betreuenden Arztpraxen herrschte damals viel Angst und Unsicherheit. Da wurden Fragen diskutiert wie: „Müssen wir die Toilette desinfizierten, wenn die Patientin sie benutzt hat?“ Ich erinnere mich auch an einen Oberarzt, der mir ein paar Jahre später bei der Begleitung einer anderen HIV-positiven Schwangeren sagte: „Wir haben genau geregelt, wer bei ihr Visite macht. Der muss ja nicht jeder die Hand geben müssen“. Ein solches Verhalten habe ich auch schon damals nicht verstanden. Wir sprechen wohlgemerkt von der Zeit Ende der 90er Jahre und einer Klinik mit über tausend Geburten im Jahr.
Sie haben auf diese Erlebnisse sehr pragmatisch reagiert.
Für mich waren sie ein Initialerlebnis, weil es mich erschütterte, wie wenig Wissen ich selbst und auch die anderen hatten. Ich bot daher gleich nach dieser ersten Betreuung bei einem Treffen der Hebammen meiner Region eine kleine Fortbildung an. Durch die Vernetzung mit der Aidshilfe in Wuppertal wurden mir dann HIV-positive Frauen von Solingen bis Düsseldorf vermittelt, und ich galt bei den Hebammen sehr schnell als Spezialistin. HIV und Schwangerschaft wurde ganz unverhofft mein Thema. Gemeinsam mit Andrea Wetzchewald von der AIDS-Hilfe Wuppertal habe ich dann die letzten Jahre auch quer durch die Lande Fortbildungen für Hebammen angeboten.
Geburt hat viel mit Blut zu tun. Inwieweit sind die Ängste von Hebammen vor einer Ansteckung denn begründet?
„Einige wollten sogar aus Angst vor einer Infektion ihren Beruf aufgeben“
Diese Ängste sind teilweise vielleicht irrational, aber sie sind auch gut nachzuvollziehen. Als Hebammen stehen wir im Kreißsaal manchmal im wahrsten Sinne des Wortes mitten im Blut.
Ein Arzt hat es bei einer OP mit einem narkotisierten Menschen zu tun und kann mit ruhigen Bewegungen die notwendigen Eingriffe vornehmen. Im Kreißsaal hingegen herrscht eine ganz andere und nicht immer leicht kontrollierbare dynamische Situation. Mitte der 90er Jahre wurde unter Kolleginnen das Thema „HIV und Infektionsrisiko“ daher auch sehr emotional diskutiert. Einige wollten sogar aus Angst vor einer Infektion ihren Beruf aufgeben.
Statt Kaiserschnitt ist heute auch eine vaginale Geburt möglich. Foto: altF4, pixelio.de
Bis 2009 war für HIV-positive Frauen in Deutschland eine Kaiserschnitt-Entbindung vorgeschrieben.
Erst seit den neuen Deutsch-Österreichischen Empfehlungen zur HIV-Therapie bei Schwangeren wird auch in Deutschland eine vaginale Entbindung immer häufiger ermöglicht– wenn die Viruslast kurz vor der Geburt sehr niedrig ist oder unter der Nachweisgrenze liegt und keine weiteren gesundheitlichen Risiken bestehen. Leider hat sich das noch nicht überall herumgesprochen - oder es sind zu viele irrationale Ängste im Spiel. Ich habe dieser Tage erst mit einer Kollegin in einem Krankenhaus in Süddeutschland gesprochen, die von dieser Regelung noch nie etwas gehört hatte. In ihrem Krankenhaus werden auch jetzt noch ausnahmslos alle HIV-positiven Frauen sektioniert.
Was bedeutet die Vaginalentbindung für das Infektionsrisiko?
Eine vaginale Geburt wird ja nur dann empfohlen, wenn die Viruslast so niedrig ist, dass der Kontakt des Kindes mit dem Blut der Mutter, der sich ja nie vermeiden lässt, als geringes Risiko eingeschätzt wird. Wir wissen aus Studien, dass ein Kaiserschnitt unter den genannten günstigen Voraussetzungen keinen Nutzen für das Kind hat, zugleich aber werden die Risiken der Operation für die Mutter in Kauf genommen. Wie für das Kind birgt das Blut der Mutter dann auch für die Hebamme kein nennenswertes Infektionsrisiko mehr. Außerdem gibt es Sicherheitsvorkehrungen wie das Tragen doppelter Handschuhe und einer Schutzbrille, mit denen sich Hebammen zusätzlich schützen können. Insgesamt ist das bei weitem sicherer als die Entbindung bei einer Frau, deren Immunstatus ich gar nicht kenne.
Bei nicht nachweisbarer Viruslast kein nennenswertes Risiko für Babys und Hebammen. Foto: Mariliese, pixelio.de
In Deutschland gibt es jährlich rund 200 bis 250 Geburten bei HIV-positiven Frauen. Viele von ihnen entbinden in spezialisierten Kliniken. Sollten trotzdem sämtliche Hebammen im Land auf HIV-positive Schwangere vorbereitet sein, auch wenn sie beruflich vielleicht nie mit einem solchen Fall zu tun haben werden?
Man kann zu dieser Frage durchaus verschiedene Haltungen einnehmen. Für mich ist die HIV-Infektion eine Krankheit, die in unserer Gesellschaft existiert, und deshalb müssen Menschen, die im medizinischen Bereich arbeiten, auch immer damit rechnen, eines Tages einer schwangeren Frau mit HIV zu begegnen. Und das gilt ebenso für Hepatitis C oder andere Infektionskrankheiten. Der Umgang mit solchen Infektionen gehört zu meinem professionellen Selbstverständnis, was nicht heißt, immer alles wissen zu müssen. Aber ich muss eine Haltung einnehmen und mich auseinandergesetzt haben.
Die Wahl kann auch auf die Hebamme um die Ecke fallen. Foto: Hartmut910, pixelio.de
Und auch eine HIV-positive Frau hat selbstverständlich freie Arzt- und Hebammenwahl. Vielleicht entscheidet sich eine Frau ja eben nicht für den Spezialisten in der entfernt liegenden Großstadt, sondern für den Gynäkologen und die Hebamme gleich um die Ecke. Nach meinem Berufsverständnis sind wir dazu verpflichtet, auf solche Fälle vorbereitet zu sein. Ich habe im Krankenhaus erlebt, dass eine HIV-positive Frau mit Wehen zu uns kam, die ursprünglich in einer Schwerpunktklinik entbinden wollte. Sie hatte sich dann aber kurzfristig anders entschieden, weil die Anfahrt zu weit und zu kompliziert geworden wäre und sie Angst hatte. Die Aufregung war entsprechend groß. Keiner wusste so recht, wie mit ihr umzugehen ist. Aber wenn man sich mit der Materie, den eigenen Ängsten und Vorurteilen einmal auseinandergesetzt hat, ist es eigentlich nichts Besonderes mehr, eine positive Frau zu betreuen.
Sie sind seit einigen Jahren auch als Dozentin tätig - etwa im Deutschen Hebammenverband und an der Hochschule Osnabrück - und erleben so auch viele junge Kolleginnen. Welche Haltung haben Hebammen heute zum Thema HIV?
Da hat sich erfreulicherweise sehr viel getan, das merke ich auch bei den Fortbildungen. Meine Kolleginnen gehen heute weitaus gelassener damit um. Gerade in jüngster Zeit gab es in den Fachzeitungen immer wieder ausführliche Beiträge zu HIV und Schwangerschaft. Dadurch wurden die Basisinformationen sehr breit gestreut. Wichtig war sicherlich auch, dass die Aidshilfe einem Stand beim Deutschen Hebammen-Kongress präsent war. Allein dadurch dürften die Hebammen für sich registriert haben: HIV hat etwas mit mir zu tun, und ich sollte mich damit beschäftigen.
Ist „HIV und Schwangerschaft“ inzwischen auch ein festes Thema in der Ausbildung?
„Ich habe das Gefühl, dass sich mein Expertenstatus gerade zu überleben beginnt“
Die Hebammenschulen setzen das sehr unterschiedlich um. Manche sind sehr engagiert und laden sich für spezielle Unterrichtseinheiten entsprechende Referenten ein. Ich unterrichte beispielsweise ein solches Modul an der Hochschule für Gesundheit in Bochum. Derzeit ist viel in Bewegung, und ich habe das Gefühl, dass sich mein Expertenstatus gerade zu überleben beginnt. Und das ist auch genau das, was man eigentlich möchte. Es gibt auch andere Infektionskrankheiten, denen wir in der täglichen Arbeit nur äußerst selten begegnen, die wir aber viel gelassener thematisieren, weil wir den Umgang mit ihnen schon in der Ausbildung besprechen konnten und die relevanten Fakten gelernt haben. Wenn HIV den gleichen Status bekommt, werden wir viele Formen der Diskriminierung nicht mehr erleben müssen.
Irrungen und Wirrungen der Liebe

In schicken Schuhen durchs Paris der 60er: Ludivine Sagnier in „Die Liebenden“
Mit seinem Melodram „Die Liebenden“ (deutscher Kinostart am 3. Mai) schlägt Christophe Honoré einen großen zeitlichen wie thematischen Bogen von den 60er Jahren bis zur Jahrtausendwende, von der sexuellen Revolution bis Aids. Von Axel Schock
Die ersten Filmminuten sind für Liebhaber des beschwingten französischen Chansons wie auch eleganter Damenschuhe eine wahre Freude. Zu lässigem Sixties-Retro-Sound heftet sich die Kamera im wahrsten Sinne des Wortes an die Fersen der schaufensterbummelnden Madeleine (Ludivine Sagnier). Weil die Liebe der Schuhverkäuferin zur Mode größer ist als ihr Lohn, verdient sie sich in ihrer jugendlich-naiven Unbekümmertheit mit gelegentlichen sexuellen Dienstleistungen das eine oder andere schicke Kleidungsstück dazu.
So lässig und nostalgisch „Die Liebenden – von der Last, glücklich zu sein“ im Paris der 60er Jahre auch beginnt, mit der Leichtigkeit des Seins ist es dann auch schnell vorbei. Kaum hat sich Madeleine in den erstbesten Freier verliebt – den jungen tschechischen Arzt Jaromil –, ist sie auch schon schwanger. Sie heiraten, gehen zusammen nach Prag und trennen sich, als 1968 sowjetische Panzer die Stadt besetzen.

Chiara Mastroianni und Catherine Deneuve als Mutter und Tochter
30 Jahre nach dem Ende des Prager Frühlings frönt Madeleine, nunmehr gespielt von Catherine Deneuve, immer noch den Männern und der Lust. Ihre mittlerweile erwachsene Tochter Véra (Chiara Mastroianni) hingegen ist mehr der Typ melancholischer Trauerkloß. Wenn sie sich schon mal in einen Mann verguckt, etwa den kanadischen Musiker Henderson (Paul Schneider), ist es garantiert der Falsche. Denn Henderson mag zwar gerne mit ihr reden, aber nicht ins Bett steigen. Dass dies weniger mit Vera, sondern schlicht mit seiner Homosexualität zu tun hat, schert sie jedoch nicht. Sie verrennt sich immer mehr in diese unmögliche Liebe und hat sich in den Kopf gesetzt, dass Henderson der Vater ihres Kindes werden soll.
Liebesdrama um verzweifelte Liebende und Ungeliebte
Dass Henderson HIV-positiv ist, einen Lover hat – all das beeindruckt sie nicht. Erst als sie in seinem Hotelzimmer Medikamentenpackungen findet und so seine Infektion für sie greifbar wird, scheint sie von ihrem Wahn befreit – mit dramatischen Folgen.
Man muss Honoré zugute halten, das er sich etwas traut und mit einer selbstverliebten Selbstverständlichkeit, die wir gerne auch als „typisch französisches Kino“ bezeichnen, nonchalant in einem Atemzug von Libertinage, sexueller Revolution, Prostitution, Aids und Kommunismus erzählt. Und zudem noch von reichlich Irrungen und Wirrungen sowie vom Scheitern und der Unmöglichkeit der Liebe.

Véra und ihr schwuler Freund Henderson (Paul Schneider)
Und dann die Darsteller: eine ganze Riege junger wie altgedienter Stars von Louis Garrel bis Milos Forman liefern sich hier hochdramatische wie unbeschwert-heitere Beziehungsvarianten. Allein schon wie Catherine Deneuve diese in Würde gealterte und doch immer noch sexuell brennende Madeleine spielt, ist die Kinokarte wert. Allerdings machen sich über die lange Strecke von 135 Kinominuten dann doch Ermüdungserscheinungen bemerkbar. „Die Liebenden“ erscheint überladen und an manchen Stellen auch weitschweifig, das Drama um Véras selbstzerstörerische Liebe zu dem schwulen Henderson ist überkonstruiert. Immerhin: Der schrille Schlussakkord mag ärgerlich sein, dürfte aber bei manchen Zuschauern für Diskussionen sorgen.
„Die Liebenden – von der Last, glücklich zu sein“ (Les Bien-Aimés). Frankreich/Großbritannien/Tschechien 2011. Regie und Drehbuch: Christophe Honoré. Mit Catherine Deneuve, Ludivine Sagnier, Milos Forman, Chiara Mastroianni, Louis Garrel, Paul Schneider, Radivoje Bukvic und anderen. 135 Minuten, Kinostart: 3. Mai
Offizielle Filmwebseite: dieliebenden.senator.de
Kerzen für die Lebenden und die Toten

Das AIDS Candlelight Memorial erinnert an die an Aids Verstorbenen (Foto: www.candlelightmemorial.org).
Am Abend des 2. Mai 1983 zogen rund 10.000 Menschen beim ersten „AIDS Candlelight March“ der Welt durch San Francisco. Der Trauerzug sollte die an Aids Verstorbenen ehren, Menschen mit HIV unterstützen und die Öffentlichkeit aufrütteln. Heute wird das AIDS Candlelight Memorial an jedem dritten Sonntag im Mai begangen. Ein Kalenderblatt von Axel Schock
Woche für Woche veröffentlichte das US-Seuchenzentrum neue Zahlen, und sie stiegen in erschreckendem Maße. 285 Fälle der rätselhaften Immunschwächekrankheit, damals noch Gay Related Immune Deficiency (GRID) genannt – zu Deutsch etwa „Schwulenbezogene Immunschwäche“ –, hatte man im März 1982 registriert. Ein Jahr später waren es 1112, Anfang Mai 1983 schon 1366 Fälle, und mehr als ein Drittel der Erkrankten war bereits verstorben.
San Francisco war neben New York am stärksten betroffen, und auch hier war die bislang so lebendige Schwulenszene in Angststarre verfallen. Noch war über diese Seuche so gut wie nichts bekannt, weder ihre Ursache, noch wie sie sich verbreitet. Auch einen Test gab es noch nicht. Nur Woche für Woche steigende Zahlen von Erkrankten und Toten.
Gary Walsh allerdings hatte es satt, dass seine Freunde, Nachbarn und Kollegen zu Zahlen in einer Statistik reduziert wurden. Der selbst an der Immunschwäche erkrankte Psychologe schlug daher während eines Treffens von Schwulenaktivisten im Harvey Milk Democratic Club von San Fransisco vor, ein öffentliches Zeichen zu setzen, worauf der Vorsitzende des Clubs allerdings mit der Schließung der Sitzung reagierte …
10.000 Menschen zogen mit Kerzen und Plakaten durch die Stadt
Gemeinsam mit fünf Freunden setzte Walsh die Idee dennoch um. Sie riefen mit selbstgefertigten Plakaten zu einem Trauermarsch auf, der am 2. Mai 1983 vom Castroviertel zum Civic Center der Stadt führen sollte. „Wir hatten keine Ahnung, ob überhaupt jemand kommen würde“, erinnerte sich anlässlich des 25. Jahrestages dieser Aktion Hank Wilson, der als einziger der Begründer überlebt hat. „Wir starteten mit unserer kleinen Kerngruppe in der Castro Street, und allmählich beteiligten sich mehr und mehr Menschen, die wie aus dem Nichts aufzutauchen schienen.“ Letztlich folgten rund 10.000 Bürgerinnen und Bürger San Franciscos mit brennenden Kerzen in der Hand dem Banner „Fighting For Our Lives“ („Wir kämpfen um unser Leben“), und erhellten die Innenstadt mit einem Lichtermeer.
Auf dem Platz der Vereinten Nationen, ganz in der Nähe des Rathauses, sprachen dann Menschen mit HIV und Aids über ihre Situation, über den Verlust ihrer Freunde, Partner und Liebhaber. Zugleich aber kritisierten sie die Gleichgültigkeit der Medien, die Homophobie der Gesellschaft und die Untätigkeit der Politik. Noch am selben Abend fanden dann auch in New York, Boston, Chicago, Dallas, Houston und anderen Städten ähnliche Veranstaltungen statt, nachdem erste Berichte über den Marsch in San Francisco durch die Medien gingen.
Es lag nahe, die Veranstaltung im Jahr darauf zu wiederholen. Doch die meisten Organisatoren waren bereits zu schwer erkrankt oder gar schon verstorben. 1985 wurde die Idee des Candlelight Memorials jedoch von anderen Aktivisten aufgegriffen und auch in anderen Städten der USA übernommen.

Mittlerweile finden AIDS Candlelight Memorials in fast 120 Ländern statt (Foto: www.candlelightmemorial.org).
Heute wird das Candlelight Memorial alljährlich am dritten Sonntag im Mai in rund 115 Länden rund um den Globus begangen. Bei über 2000 größeren und kleineren Veranstaltungen werden Kerzen in Erinnerung an die Verstorbenen und als ein Zeichen der Solidarität entzündet. Koordiniert werden die Veranstaltungen vom „Global Network of People living with HIV“, dem Globalen Netzwerk von Menschen mit HIV.
In diesem Jahr findet das Candlelight Memorial am Sonntag, dem 20. Mai, statt. Die gemeldeten Veranstaltungen, viele weitere Informationen sowie die Jubiläumsschrift zum 25-jährigen Jubiläum des „Candlelight Memorials“ im Jahr 2008 (alles in englischer Sprache) findet man unter www.candlelightmemorial.org.
„Das Virus bringe ich mit ans Set“
HIV bleibt in Deutschland meist hinter dem Vorhang (Foto: Gabi Schoenermann/ pixelio.de)
„Gerechte Löhne, Soziale Sicherheit“ hat sich der Deutsche Gewerkschaftsbund als Hauptforderung auf Transparente für die Demonstrationen am 1. Mai drucken lassen. Für Menschen mit HIV stellt sich allerdings oft das Problem, überhaupt erst mal einen Job zu finden.
In einer dreiteiligen Porträtserie beleuchten wir die besonderen Herausforderungen für HIV-Positive auf dem Arbeitsmarkt.
Kann man als Freiberufler offen mit der HIV-Infektion umgehen, wenn man vom Wohlwollen und der Gunst der Auftraggeber abhängig ist? Der Schauspieler Kristof Behrens* will dieses Risiko nicht eingehen. Von Axel Schock
„Eigentlich hab ich überhaupt nichts Richtiges gelernt“, sagt Kristof Behrens kokett. Auch wenn in seiner Hamburger Wohnung kein Hochschulabschluss oder sonstiges Diplom gerahmt über dem Sofa hängt, hat der bald 40-Jährige sich in den letzten zwanzig Jahren stets von seinem Beruf als Schauspieler ernähren können und musste im Gegensatz zu vielen Kollegen noch nie kellnern gehen.
Als man ihn vom Fleck weg für seine erste Fernsehrolle engagierte, hatte Behrens gerade erst sein Abiturzeugnis in der Tasche. Über Nacht war ein lang gehegter Jugendtraum in Erfüllung gegangen. Kurz danach holte ihn ein Theater für eine Gastrolle ins Haus, danach gab’s immer wieder mal – und wenn auch nur für zwei, drei Drehtage – einen Part in einem Fernsehfilm.
„Ich war das perfekte Schwiegermutterglück“
„Ich war das perfekte Schwiegermutterglück“, scherzt Behrens über jene Phase seiner Karriere, als ihn die Casting-Agenturen gerne für leichte TV-Unterhaltungskost buchten, bei der mehr sein Aussehen als seine schauspielerischen Fähigkeiten gefragt war. Der Traum vom Kinostar hat sich nicht erfüllt, aber Behrens scheint auch nicht unglücklich darüber zu sein, dass ihm eine Vorabendserie über mehrere Jahre ein gutes Auskommen bescherte.
Behrens hat in seinen langen Berufsjahren viel gemacht, viel gelernt und viel erlebt. In all dieser Zeit war er, wie die meisten in seiner Branche, Freiberufler. Festverträge gibt’s nur für Soap-Darsteller und Ensemblemitglieder an Staats- und Stadttheatern. Entsprechend groß ist der Überlebenskampf und die Angst davor, dass es morgen oder spätestens übermorgen nichts mehr zu tun geben und vielleicht nicht einmal mehr eine Einladung zu einem Casting kommen könnte.
HIV wird im Film- und Fernsehalltag eher „weggezappt" (Foto: Rolf van Melis/pixelio.de)
Auch diese Phasen hat Behrens – wie auch die berühmteren unter seinen Kollegen – immer wieder durchgemacht. Zeiten, in denen er sich mit Synchronisierungsjobs oder lausig bezahlten Veranstaltungsmoderationen durchgeschlagen und in ganz schlechten Momenten auch den Glauben an die Zukunft verloren hat.
Im Sommer 2005 war ein solcher Moment, einer der schlimmsten in seinem ganzen Leben bisher. Der damals 32-Jährige stand kurz vor den Proben für eine Tourneetheater-Produktion. Weder das Stück noch die Inszenierung waren so richtig aufregend, und das Publikum wie die Presse würden die Aufmerksamkeit ganz dem Hauptdarsteller („einer richtigen Fernsehprominenz“) schenken.
Auch die Aussicht, die kommenden Monate im Tourbus von Stadt zu Stadt zu ziehen, war nicht die beste. Aber für ein gutes Jahr wäre das Auskommen gesichert. In dieser Situation dann der Anruf eines Freundes, mit dem er eine längere lockere Liaison hatte: „Du musst dich sicherheitshalber testen lassen. Ich glaube, ich bin positiv.“
Ständig die Angst, dass doch etwas durchsickern könnte
Innerhalb weniger Tage wurde Behrens zu einem physischen wie psychischen Wrack. Mit dem Testergebnis überfiel ihn anfänglich nicht nur die nackte Todesangst, sondern auch die Furcht, dass „es“ herauskommen und sich in der Branche herumsprechen könnte. Seine engsten Freunde, da war sich Behrens sicher, würden mit seiner HIV-Infektion umgehen können. „Mir war aber klar, dass es niemals einer der Kollegen mitbekommen durfte. Da kann ich noch so viel unter dem Siegel der Vertraulichkeit erzählen: getratscht wird immer. Irgendeinem rutscht es dann doch heraus, und ich weiß, wie es in den Theater- und Studiokantinen zugeht.“
Ausfallversicherungen für Darsteller sind teuer (Foto: Michael Staudinger/ pixelio.de)
Wenn es ein berufliches Umfeld gibt, an dem man einen diskriminierungsfreien Raum und liberale, weltoffene Zustände vermuten würde, dann sicherlich in der Film- und Theaterbranche. Behrens allerdings sieht die Lage anders. Dass viele Promis sich bei Aids-Galas auf dem roten Teppich zeigen, bedeute noch lange nicht, dass sie an den restlichen Tagen des Jahres entspannt mit dem Thema umgehen könnten.
„Viele Menschen haben einfach immer noch dieses Bild im Kopf: Als HIV-Positiver bist du gesundheitlich unzuverlässig. Du wirst eines Tages sterbenskrank werden und dahinsiechen. Deine Arbeitsleistung ist durch die Nebenwirkungen der Medikamente beeinträchtigt. Du wirst nicht immer die hundertprozentige Leistung bringen können. Und ganz unterschwellig wird auch immer mitschwingen: Wer weiß, wo er sich das geholt hat, und wer weiß, ob ich mir bei dem nicht doch etwas weghole.“
„Als HIV-Positiver gelte ich als so unberechenbar wie ein Alkoholiker“
Behrens sagt das recht ruhig und abgeklärt. Nur das leichte Zittern in der Stimme lässt die innere Erregung und Wut erspüren, die er nicht unterdrücken will und kann. „Jeder Selbstständige, zumindest wenn er in engem körperlichen Kontakt zu seinen Kunden oder Kollegen steht oder besonders hohe psychische und psychische Zuverlässigkeit bieten muss, wird sich sehr genau überlegen, ob er offen über sein Positivsein spricht. Und falls er zu dem Schluss kommt, dass die es besser nicht wissen sollten, wird er immer mit der Angst leben, dass es eines Tages doch durchsickert.”
Die HIV-Infektion stellt man besser nicht ins Scheinwerferlicht (Foto: Rainer Sturm/ pixelio.de)
Wer beispielsweise bei einer Fernseh- oder Theaterproduktion arbeitet und nicht ohne Weiteres zu ersetzen ist, stellt zugleich ein großes Risiko dar. Die Produzenten schließen deshalb in der Regel Versicherungen für die Darsteller ab, die bei einem Ausfall für den entstehenden Schaden bzw. die Mehrkosten aufkommen. „Sobald ich als Positiver out wäre, würde die Versicherungsprämie steigen“, vermutet Behrens. „Natürlich könnte ich mir bei den Dreharbeiten auch ein Bein brechen. Aber das wäre schlicht Schicksal. Ein Berufsunfall. Das Virus allerdings bringe ich bereits mit ans Set. Als HIV-Positiver gelte ich für die als so unberechenbar wie ein Alkoholiker.“
Mit Grausen erinnert er sich dran, wie er einmal ein neues Medikament nicht so gut vertrug und mit Durchfällen und Hustenreiz zu kämpfen hatte. Es waren Höllentage. Zum körperlichen Unwohlsein kam der weitaus schlimmere psychische Stress, die Nebenwirkungen so gut wie möglich zu vertuschen und überspielen zu müssen.
„Nenn mir einen bekannten, offen positiven deutschen Schauspieler!“
Würde mit einem Coming-out als HIV-Positiver nicht die ganze Last einfach von ihm abfallen und das Arbeitsleben einfacher und entspannter? Behrens lacht kurz auf. Es ist ein spöttisches Lachen. „Nenn mir einen bekannten, offen positiven deutschen Schauspieler! Da gibt es niemanden! Du siehst sie als Ehrengäste bei Aids-Benefiz-Veranstaltungen solidarisch mit der roten Schleife am Revers, aber keiner von denen würde den Journalisten in die Kamera sagen: ‚Übrigens, haben Sie’s schon gewusst? Ich bin auch HIV-positiv!’“.
Die Angst, dass es für ihn irgendwann keine passenden Rollen mehr geben könnte, ist für Kristof Behrens Belastung genug. Dass ihn aber die Verantwortlichen in den Castingbüros, ob bewusst oder unbewusst, wegen seiner HIV-Infektion für eine Rolle gar nicht mehr erst in Betracht ziehen könnten, wäre für ihn der Super-GAU.
Seine antiretrovirale Therapie bereitet ihm momentan erfreulicherweise keine Beschwerden, und so hofft Behrens, so lange wie möglich ganz normal weiterarbeiten zu können. Ohne dass seine Infektion öffentlich wird.
* Name von der Redaktion geändert
In unserer Porträtserie zum 1. Mai sind bereits folgende Beiträge erschienen:
- „Zu Hause nur herumzusitzen, würde mich krank machen“ (30.4.2012)
- „Dieses Bisschen mehr macht den Unterschied zwischen Überleben und Leben“ (27.4.2012)
Weiterführende Beiträge zum Thema gibt es im DAH-Dossier „HIV und Arbeit“.
„Zu Hause nur herumzusitzen, würde mich krank machen“
1-Euro-Jobs - ein möglicher Ausweg aus quälendem Nichtstun. Foto: moschnifoto, pixelio.de
„Gerechte Löhne, Soziale Sicherheit“ hat sich der Deutsche Gewerkschaftsbund als Hauptforderung auf Transparente für die Demonstrationen am 1. Mai drucken lassen. Für Menschen mit HIV stellt sich allerdings oft das Problem, überhaupt erst mal einen Job zu finden.
In einer dreiteiligen Porträtserie beleuchten wir die besonderen Herausforderungen für HIV-Positive auf dem Arbeitsmarkt.
Für den Langzeitarbeitslosen Silvio war die Vorstellung, auf längere Zeit nur zu Hause herumzusitzen, die Hölle. Über das Projekt „zukunft positiv“ der Schwulenberatung Berlin konnte er nun eine für ihn passende MAE-Stelle finden. Von Axel Schock.
Kurz nach elf Uhr. Binnen weniger Minuten ist der Geräuschpegel deutlich angestiegen. Kaffeetassengeklapper mischt sich mit dem Stimmengewirr der rund zwei Dutzend Menschen, die an diesem Montag zum „Regenbogenfrühstück“ der Berliner AIDS-Hilfe gekommen sind und sich bereits angeregt miteinander unterhalten. Hinterm Tresen des Berliner Selbsthilfeprojekts „Café PositHiv“ kümmert sich Silvio um den Nachschub an Kaffee und Tee. Dreimal in der Woche arbeitet der 30-Jährige hier im Café und übernimmt im Rahmen einer MAE-Stelle, einer „Arbeitsgelegenheit mit Mehraufwandsentschädigung“, wie es im korrekten Amtsdeutsch heißt, auch Hilfsarbeiten in der Verwaltung der Aidshilfe.
„Ich freue mich, wenn ich nützlich sein und andere Menschen unterstützen kann.“
So mancher wartet lange auf einen Job. Foto: Dietmar Meinert, pixelio.de
Silvio kam vor acht Jahren nach Berlin. Hier einen Job zu bekommen, war schwerer, als er sich das vorgestellt hatte. „Arbeit tut mir seelisch gut. Zuhause nur herumzusitzen und zu versauern, das würde mich krank machen“, sagt Silvio. „Ich weiß, wie es ist, wenn man ein halbes Jahr nichts mehr zu tun hat und dann in eine Lethargie verfällt, aus der man nur noch schwer wieder herausfindet.“ Der finanzielle Aspekt der MAE-Stelle spielt für ihn lediglich eine untergeordnete Rolle. „Ich freue mich, wenn ich nützlich sein und andere Menschen unterstützen kann.“
Dass Silvio nun 30 Stunden die Woche als Helfer eingesetzt wird, wurde durch das Projekt „zukunft positiv“ der Schwulenberatung Berlin möglich. Sie ist der Träger von „Ein-Euro-Jobs“, wie MAE-Maßnahmen umgangssprachlich gern genannt werden, speziell für HIV-Positive und für schwule Männer oder Trans*-Menschen mit und ohne Behinderungen. Rund 60 Arbeitsgelegenheiten an 30 verschiedenen sozialen und kulturellen Einrichtungen – vom Schwulen Museum, über Beratungsstellen wie das Mann-O-Meter bis hin zu Pflegeeinrichtungen – können derzeit durch die Zusammenarbeit mit den Jobcentern in fünf Berliner Stadtbezirken angeboten werden.
Für viele ist der 1-Euro-Job nach vielen Jahren wieder die erste regelmäßige Beschäftigung
„Für viele unserer Klienten ist das nach vielen Jahren der Arbeitslosigkeit ihre erste regelmäßige Beschäftigung“, berichtet Kerstin Mörsch, die „zukunft positiv“ mit aufgebaut hat. „Wir können ihnen in dieser Maßnahme sinnvolle und wertschätzende Arbeit anbieten.“ Ein wichtiges Kriterium ist dabei, dass sich die Einsatzstellen in diskriminierungsfreier Umgebung befinden. Neben der sozialpädagogischen Betreuung sind auch interne wie externe Qualifizierungsmaßnahmen Teil des Projekts. „Wir haben eine 20-prozentige Vermittlungsquote in den ersten Arbeitsmarkt“, sagt Stephan Jäkel, Leiter der Abteilung „HIV und Hepatitis“ in der Schwulenberatung, mit Stolz. Viele der Langzeitarbeitslosen erschließen sich über MAE-Stellen wie etwa in Pflegeeinrichtungen neue Arbeits- oder Tätigkeitsfelder in der Betreuung. Bei Interesse und Eignung haben sie beispielsweise die Möglichkeit, sich zum Pflegeassistenten oder Demenzbegleiter ausbilden zu lassen.
Für viele Langzeit-Arbeitslose ein Hoffnungsträger: die Arbeitsagentur. Foto: knipseline, pixelio.de
MAE-Projekte für Menschen mit HIV und Aids gibt es auch in anderen Städten des Bundesgebietes, wie etwa in Bielefeld, Nürnberg, Köln und München. Die meisten sind direkt bei den örtlichen Aidshilfen angesiedelt. Einige von ihnen bieten auch Ausbildungsplätze an. Die Schwulenberatung Berlin ist allerdings die einzige Einrichtung, die Stellen in verschiedenen Einsatzbereichen offeriert und koordiniert. Silvio hatte von dem Beschäftigungsprojekt in Schwulen-Medien gelesen und seine Beraterin beim Jobcenter auf diese Möglichkeit angesprochen. „Ich war überrascht, wie souverän und verständnisvoll sie darauf reagiert und sich intensiv darum gekümmert hat“, erzählt er. Ab und zu rufe ihn die Betreuerin ihn, um sich zu erkundigen, wie es mit der Maßnahme läuft und wie es ihm gesundheitlich geht.
„Meine Infektion spielt für mich keine zentrale Rolle in meinen Leben. Die Viruslast liegt unter der Nachweisgrenze. Ich lebe ein normales Leben“, betont Silvio. Nur manchmal fühle er sich aufgrund der täglich eingenommenen Medikamente ein wenig schlapp. In solchen Fällen sei es dann auch kein Problem, sich mal eine halbe Stunde Auszeit zu nehmen.
„Mit meinem MAE-Job beweise ich ja, dass ich arbeitswillig, pünktlich und zuverlässig bin“
Seine MAE-Maßnahme ist zunächst auf ein halbes Jahr befristet. Silvio ist aber guter Dinge, dass sie danach verlängert wird. Noch lieber wäre es ihm, wenn ihm die Arbeitsagentur einen 400-Euro-Job oder – noch besser – eine Festanstellung anbieten würde. „Mit meinem MAE-Job beweise ich ja, dass ich arbeitswillig, pünktlich und zuverlässig bin. Ich möchte natürlich nicht hier steckenbleiben, sondern gern einen Sprung nach vorne machen, um mir auch irgendwann wieder Rentenansprüche erarbeiten zu können. Die Hoffnung stirbt bekanntlich immer zuletzt“, gibt sich Silvio optimistisch und kümmert sich wieder pflichtbewusst um den Kaffee- und Teedurst der Frühstücksgäste.
Weiterführende Beiträge zum Thema gibt es im DAH-Dossier „HIV und Arbeit“
Informationen zum Thema bietet die Interessenvertretung HIV im Erwerbsleben
In unserer Reihe zum 1. Mai ist bisher der Beitrag „Dieses Bisschen mehr macht den Unterschied zwischen Überleben und Leben“ erschienen.
„Schwule sind im Medien-Mainstream angekommen“

Martin Munz berät TV- und Presseleute zu schwul-lesbischen Themen. Foto: privat
Wie sieht heute das Bild von homosexuellen Menschen in TV und Presse aus? Philipp Eicker befragte hierzu Martin Munz. Der 37-Jährige ist Mitglied im Bundesvorstand Lesbischer und Schwuler JournalistInnen (BLSJ) und arbeitet im „Team Recherche“ für das NDR-Fernsehen.
Martin, wann hast du zuletzt einen Schwulen im Fernsehen gesehen?
In „Verbotene Liebe“. Ich muss gestehen, dass mich ein schwuler Plot immer noch packt, selbst bei einer an den Haaren herbeigezogenen Seifenoper. Offenbar gibt es solche Sendungen noch nicht so inflationär, dass ich einfach abschalten kann.
Wie kommen Schwule in den Abendnachrichten weg?
Da spielt Homosexualität derzeit kaum eine Rolle, weder im Positiven noch im Negativen. Das einzige nachrichtenrelevante Thema ist zurzeit die steuerrechtliche Gleichstellung von eingetragenen Lebenspartnerschaften mit der Hetero-Ehe. Die kommt in den Abendnachrichten aber allenfalls als Meldung vor. Tageszeitungen behandeln das Thema meines Wissens nach sehr ausgewogen. Mal abgesehen davon, dass in einer Überschrift der FAZ nur von „Schwulenehe“ die Rede war, obwohl die Regelung auch lesbische Paare betrifft.
Welches Schwulenbild entsteht so beim durchschnittlichen Fernsehzuschauer?
Schwule: freundliche, nette und bisweilen benachteiligte Herren. Foto: olga meier-sander, pixelio.de
Im Großen und Ganzen sind Schwule im Medien-Mainstream angekommen: In den meisten Beiträgen wird ihr Normalsein betont, meist in Verbindung mit der Botschaft, dass diese freundlichen, netten Männer in einigen Punkten noch immer benachteiligt werden. Das ist einerseits eine große Errungenschaft der Schwulen- und Lesbenbewegung. Allerdings entstehen so – häufig ungewollt – wieder neue Klischees. Die wichtigen Themen fallen zu häufig unter den Tisch. Wenn Schwule und Lesben vorkommen, ist ihre Homosexualität oft ein wesentlicher Teil der Geschichte. Der Umstand, dass ein Mensch homosexuell ist – sei es der heteronormativ angepasste Regenbogenfamilienvater oder der exotische Künstler – reicht heutzutage noch für eine Story,
Und das ist kritikwürdig?
Sagen wir es so: Es wäre doch besser, wenn ein Mensch nicht deshalb porträtiert wird, weil er homosexuell ist, sondern weil er einen interessanten Beruf hat oder sich sozial engagiert. Dann reicht es doch, wenn in einem Nebensatz eingeflochten wird, dass die Frau verpartnert ist oder dass der Mann seit vielen Jahren mit seinem Partner zusammenlebt. So wie das bei Heterosexuellen schon der Fall ist. Kaum ein Hetero-Porträt ohne Hinweis auf den Familienstand! Bei Homosexuellen tun sich viele Journalistinnen und Journalisten dagegen schwer. Vielleicht weil sie befürchten, die eigentliche Geschichte würde durch diese Information überlagert. Oder weil ihnen die Nachfrage zu intim scheint.
Wie sieht es bei den Lesben aus?
Lesben - höchstens als Mütter in Regenbogenfamilien. Foto: Wilhelmine Wulff, pixelio.de
Lesben werden in deutschen Medien fast komplett ausgeblendet. Das hat gerade eine Studie von Elke Amberg ergeben, die wir vom BLSJ unterstützt haben. Ausnahmen sind Berichte über Regenbogenfamilien. Als Mutter sind Lesben den Medien gut genug. Elternschaft gilt als weibliche Kernkompetenz. Ich würde aber nicht sagen, dass das offensive Lesbenfeindlichkeit ist, sondern eher Unbedarftheit. Das geschieht unterbewusst. Wir merken übrigens beim BLSJ, wie schwierig es ist, offen lebende Lesben auf ein Podium zu bekommen. Die Scheu vor der Öffentlichkeit ist bei ihnen offensichtlich stärker als bei schwulen Männern.
Was ist Homophobie, und was ist das normale Maß an Häme, das eine öffentliche Person ertragen muss?
Häme wegen seines Privatlebens sollte eigentlich keiner ertragen müssen – es sei denn, er oder sie hat Wasser gepredigt und Wein gesoffen. Trotzdem gibt es natürlich immer wieder diskriminierende Formulierungen in den Medien. In der Bewertung achten wir darauf, ob eine abfällige Bemerkung bewusst geschieht oder nur aus Ahnungslosigkeit. Wir prüfen: Ist eine ablehnende Haltung klar zu erkennen?
Kannst du dafür ein Beispiel geben?
Unser schärfster Protest seit Monaten ging gegen einen Artikel auf der Titelseite der FAZ. Da ging es um einen Untersuchungsbericht über sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche in Holland. Der Autor hat eine Formulierung aus dem Bericht einfach übernommen: Eine „homosexuelle Subkultur“ sei „ein entscheidender Faktor für Übergriffigkeit“. Das ist eindeutig homophob, weil es in mittelalterlicher Manier Homosexualität und Pädophilie in einen Zusammenhang stellt. Eine schwule Subkultur fördert nicht per se sexuellen Missbrauch. Das mag aus der Sicht der katholischen Kirche so sein, aber auf der Titelseite der FAZ ist so eine Aussage ein schwerer Fauxpas. Er spricht für tief sitzende Homophobie. Oder ist die heterosexuelle Subkultur in der Kirche dafür verantwortlich, wenn sich Priester an kleinen Mädchen vergehen?
Wenn so etwas passiert, schreibt der BLSJ einen Protestbrief?
Bei Mist tut freundliche Aufklärungsarbeit not. Foto: Rita Thielen, pixelio.de
Ja, wir machen die auf ihren Mist aufmerksam. Wobei wir in einer Zwickmühle sind: Unsere heterosexuellen Kolleginnen und Kollegen schreiben oft Unfug. Aber unser Protest soll nicht dazu führen, dass sie von schwul-lesbischen Themen generell die Finger lassen. Wir bieten deshalb unseren Rat an, wenn es Unsicherheit gibt, zum Beispiel bei Begriffen oder der Frage: Darf man das überhaupt sagen? Ein Beispiel: Vielen Heterosexuellen ist nicht klar, dass „homosexuell“ Frauen und Männer meint. Die meisten verwenden „homosexuell“ und „schwul“ synonym. Das führt zu Ausdrücken wie „Homosexuelle und Lesben“. Da leisten wir freundliche Aufklärungsarbeit für die Unbedarften.
Und auf welche Fehler reagiert ihr weniger freundlich?
Zum Beispiel, wenn in Artikeln Begriffe wie „Homosexuellenmilieu“ auftauchen. Das hat aus unserer Sicht einen klar diskriminierenden Unterton. Kein Mensch käme auf die Idee, von einem Mord „im Heteromilieu“ zu sprechen, nur weil ein Mann und eine Frau beteiligt waren. „Milieu“ ist zwar ein soziologischer Begriff, aber von einer differenzierten soziologischen Betrachtung sind solche Artikel meilenweit entfernt. Da geht es darum, mit dem Wort „Milieu“ etwas Halbseidenes zu unterstellen. Dabei kann mit „Homosexuellenmilieu“ von der Langen Reihe in Hamburg bis zu Guido Westerwelles Auswärtigem Amt alles gemeint sein, sofern sich dort Schwule aufhalten.
Auf welchen Medienbericht hast du bisher vergeblich gewartet?
Auf das Porträt der Kanzlerkandidatin, in dem es ausführlich um ihre politischen Inhalte geht und nur am Rande erwähnt wird, dass sie seit vielen Jahren glücklich mit ihrer Partnerin zusammenlebt.
„Dieses Bisschen mehr macht den Unterschied zwischen Überleben und Leben“
HIV-positiv und substituiert: geringe Chancen bei der Jobsuche. Foto: Jörg Sabel, pixelio.de
„Gerechte Löhne, Soziale Sicherheit“ hat sich der Deutsche Gewerkschaftsbund als Hauptforderung auf Transparente für die Demonstrationen am 1. Mai drucken lassen. Für Menschen mit HIV stellt sich allerdings oft das Problem, überhaupt erst mal einen Job zu finden.
In einer dreiteiligen Porträtserie beleuchten wir die besonderen Herausforderungen für HIV-Positive auf dem Arbeitsmarkt.
Wer HIV-positiv und zudem substituiert ist, hat auf dem Arbeitsmarkt nicht unbedingt die besten Chancen. Auch Hartmut Organiska hatte Schwierigkeiten bei der Jobsuche – und zuletzt doch großes Glück. Von Axel Schock.
Hartmut Organiska hat von Jugend an gelernt, anzupacken. Ob als Monteur von Blitzableiteranlagen in schwindelnder Höhe, als Arbeiter in Gärtnereien oder Fahrzeugwäscher in einer Autovermietungsfirma: seit er mit 16 Jahren die Hauptschule ohne Abschluss verließ, hat er sich eigentlich immer als Hilfsarbeiter durchschlagen können, und es waren ausnahmslos Knochenjobs.
„Auf dem Papier bin ich 54. Mein Körper aber entspricht wohl eher einem 70- oder 80-Jährigen“
Doch damit ist es schon eine Weile vorbei. „Seit ich 16 bin, dreht sich alles in meinem Leben um Drogen. Seit 20 Jahren habe ich HIV, und genauso lang werde ich nun auch schon substituiert. Das hat die Kräfte aufgezehrt und Spuren hinterlassen“, sagt Organiska. „Auf dem Papier bin ich 54 Jahre alt. Mein Körper aber entspricht wohl eher einem 70- oder 80-Jährigen.“
Als er Jugendlicher war, starben die Großeltern, bei denen er aufgewachsen war. Zunächst halfen ihm die sehr geregelten Fluchten in den Rausch, um die ständige Überforderung zu vergessen, die sich aus der neuen Situation ergeben hatte. Mit Valium, Alkohol, Cannabis und schließlich auch ganz gezielt mit Heroin versuchte er, die verlorengegangene Geborgenheit und Liebe auszugleichen. Weil er hart schuftete, reichte auch das Geld für die Drogen am Wochenende.
Hartmut erlebte die Arge-Betreuerin als unterstützend. Foto: Matthias Balzer, pixelio.de
Als er anfing, auch an den Werktagen zu drücken, und eines Tages schweißgebadet aufwachte, war das Ende der geregelten Existenz eingeläutet. Die Sucht übernahm die Regie über sein Leben, und es folgten die klassischen Stationen einer Suchtbiografie: Dealen, um den Eigenbedarf zu finanzieren, Entziehungstherapien, zeitweilige Obdachlosigkeit, Probleme mit der Polizei, Knast. Und schließlich bei der freiwilligen Eingangsuntersuchung in der Haftanstalt ein positives Testergebnis. „Zum Glück gab es dort einen guten Arzt, der mich, nachdem ich meine fünf Monate abgesessen hatte, zur Substitution weitervermittelte“, erzählt Hartmut. Einmal im Monat absolvierte er nun pflichtgemäß auch ein Sozialarbeitergespräch beim Junkie Bund Köln e.V., um die für eine Substitution notwendige Bescheinigung der Psychosozialen Betreuung zu erhalten.
„Ich muss zusehen, dass ich mich nicht zu sehr verausgabe und die Warnsignale erkenne“
„Dort habe ich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder Vertrauen zu anderen Menschen gefunden“, sagt Hartmut. Mit entscheidend war, dass man ihn erst ganz nebenbei und unaufdringlich um kleine Reparatur- und Handwerkstätigkeiten bat und ihm außerdem ermöglichte, erste Erfahrungen im Umgang mit einem PC zu sammeln. Das weckte den Ehrgeiz und förderte das Selbstvertrauen. Bald schon war er neben seinen Brotjobs als Kurierfahrer und Autowäscher auch ehrenamtlich bei der mittlerweile in „VISION e.V.“ umbenannten Drogenselbsthilfe tätig. Nach einer MAE-Stelle, einem sogenannten 1-Euro-Job, bewilligte die Arbeitsagentur eine Wiedereingliederungsmaßnahme, die ihm eine zweijährige Zusatzausbildung ermöglichte.
Für Substituierte sind die Chancen auf dem Arbeitsmarkt gering
Inzwischen ist er bei VISION e.V. fest angestellt und kümmert sich dort unter anderem um die Besucher des Kontaktladens, arbeitet im Empfang und ist Ansprechpartner der 1-Euro-Jobber. Er liebt seine Arbeit, auch wenn sie manchmal anstrengend ist. „Ich muss zusehen, das ich mich nicht zu sehr verausgabe und die Warnsignale erkenne, wann ich Stopp sagen muss.“ Dass er mit seiner Erkrankung und der Substitution an seinem Arbeitsplatz offen umgehen kann, ist bei VISION e.V. eine Selbstverständlichkeit. „Würde ich mich für eine vergleichbare Stelle bei einem anderen, zum Beispiel kirchlichen Träger bewerben, hätte ich als Substituierter keine Chance“, ist sich Organiska sicher.
„Dieses Doppelleben am Arbeitsplatz bedeutet einen enormen Stress“
Er kennt eine Reihe von Leuten, die ihre Substitutionsbehandlung auch deshalb an ihrem Arbeitsplatz verheimlichen: eine Journalistin, die in gehobener Stellung in einem Kölner Verlag arbeitet, einen Dozenten an der Universität, einen Computerfachmann in einem datenverarbeitenden Unternehmen. „Dieses Doppelleben bedeutet einen enormen Stress. Denn auch die müssen jeden Morgen den Gang um Arzt einplanen, um sich die Methadon-Ration abzuholen, und das alles so organisieren, dass ihr Arbeitgeber nicht dahinterkommt“, sagt Organiska. Hinzu kommt die Angst, dass es irgendwann vielleicht doch auffliegt, durch einen Zufall oder weil Daten von der Krankenkasse versehentlich beim Arbeitgeber landen.
Mit offenen Karten spielen kann Stress ersparen. Foto: Uta Herbert, pixelio.de
Dieser permanenten Panik wollte sich Hartmut nie aussetzen und hat deshalb gegenüber seiner zuständigen Jobvermittlerin bei der Arbeitsagentur seinerzeit auch mit offenen Karten gespielt. „Es hätte doch überhaupt nichts gebracht, ihr zu verschweigen, dass ich substituiert bin. Ich musste ja jeden Tag zu meinem Arzt, darf unter Substitutions- und Opiateinfluss nicht an Maschinen arbeiten und auch nicht Auto fahren. Was bringt es, wenn man mir Jobs anbietet, die ich dann gar nicht antreten kann?“ Auch über seine HIV-Infektion setzte er die Mitarbeiterin der Arbeitsagentur in Kenntnis. „Die hätte mich sonst vielleicht wieder als Arbeiter in den Gartenbau geschickt. Aber bei Wind und Wetter draußen zu stehen, kann ich mir heute nicht mehr zumuten.“
„Man muss den Mut haben, zu sagen, ich komme allein nicht klar“
Seine Offenheit wusste man zu schätzen. „Ich hatte meine Arge-Betreuerin immer als sehr unterstützend erlebt, vielleicht auch durch mein Auftreten, weil ich nicht dem Klischee des abgerockten Junkies entsprach.“ Er wollte nicht bedauert werden, sondern einfach nur ein Angebot finden, das seinen beruflichen wie körperlichen Möglichkeiten und Einschränkungen entspricht.
Mit entscheidend aber sei gewesen, und das ist Hartmuts Rat an alle, die sich in einer ähnlichen Situation befinden: „Man muss um Hilfe auch bitten können und den Mut haben, zu sagen, ich komme allein nicht klar.“ Wie er es sieht, hat er mit seiner Stelle bei VISION e.V. letztlich großes Glück gehabt. Der Verein sei wahrscheinlich der einzige Arbeitgeber in Köln, der auch ganz öffentlich dazu stehe, Substituierte zu beschäftigen. Eine solche Chance hätte ihm sonst sicherlich niemand geboten. „Ich weiß, wie man eine Schippe anpackt, aber die Zeiten, dass ich das kräftemäßig stemmen konnte, sind lange vorbei“, schätzt er seine eigene körperliche Belastbarkeit ein. „Mir bliebe sonst nur, die Stütze abzuholen und mich vor den Fernseher zu setzen.“ Eine verlockende Alternative ist das für ihn aber keineswegs. „Ich verdiene jetzt zwar nicht die Welt, aber dieses Bisschen mehr macht genau Unterschied zwischen Überleben und Leben.“
Weitere Beiträge zum Thema gibt es im DAH-Dossier „HIV und Arbeit“
Informationen zum Thema bietet die Interessenvertretung HIV im Erwerbsleben
„Respekt vor den Möglichkeiten des Einzelnen ist in der Drogenarbeit elementar“

Karl Lemmen wünscht sich Mitarbeiter mit Gespür für das jeweils Erreichbare. Foto: privat
Beratende und Betreuende in Aidshilfe-Zusammenhängen haben mit Menschen in verschiedensten Lebenssituationen zu tun, beispielsweise mit Drogengebrauchern mit HIV, Hepatitis C oder Tuberkulose. Damit stellt sich immer wieder auch die Frage, welche Ansprüche an die Arbeit mit diesen Männern und Frauen zu stellen sind. Carmen Vallero befragte für das Projekt „positive stimmen“ Karl Lemmen, Referent für Psychosoziales/Fortbildung und Qualitätssicherung der Deutschen AIDS-Hilfe (DAH), zur Bedeutung des Aidshilfe-Grundsatzes „Akzeptanz der Lebenswelten“ in der Drogenarbeit.
Karl, welche Erfahrungen hast du in der Bildungsarbeit in punkto „akzeptierende Haltung“ gemacht?
Für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im betreuten Wohnen hat die DAH im letzten Jahr ein neues Seminarangebot mit dem Titel „HIV und Psyche: Betreuung von Menschen mit chronischer Substanzabhängigkeit“ geschaffen. Vermittelt werden soll ein tieferes Verständnis der Zusammenhänge zwischen seelischer Erkrankung und Drogengebrauch – das ist für eine kompetente Begleitung von Langzeitkonsumenten unerlässlich. Und bereits beim ersten Seminar hat sich gezeigt, wie tief das „Introjekt“ der Abstinenzorientierung sowohl bei Trainern als auch Teilnehmern verankert ist.
Kannst du bitte den Begriff „Introjekt“ kurz erklären?
Unter „Introjektion“ versteht man verinnerlichte Werte und Normen. Im Laufe unserer Sozialisation, also dem Aufwachsen in der Gesellschaft, übernehmen wir die dort vorherrschenden Moral- und Wertvorstellungen quasi automatisch. Oft werden sie dann als die eigenen angesehen und nicht weiter hinterfragt. Im Fall der Drogenarbeit heißt das, dass auch manche Betreuer die Vorstellung, Drogenkonsum sei moralisch fragwürdig und müsse daher überwunden werden, einfach übernehmen. Zumindest Abhängige sollten ihrer Ansicht nach jeden Versuch unternehmen, abstinent zu werden, weil nur Abstinente in der Lage seien, ein gesundes und glückliches Leben zu führen.
Wie wirkt sich das gesellschaftliche „Abstinenzparadigma“ auf die Drogenkonsumenten aus?
Das Abstinenzparadigma macht Drogenkonsumenten zu Außenseitern. Foto: michael andre may, pixelio.de
Es macht sie erst mal zu Außenseitern. Bei anderen Süchten, z. B. nach Arbeit oder Fernsehen, sieht das anders aus: Sie sind mehr akzeptiert und werden eher verharmlost – Abstinenz wird da nicht verlangt. Es gibt also einen Unterschied in der Bewertung von Süchten, und Drogenkonsumenten landen oft auf dem letzten Platz.
Der völlige Verzicht auf Substanzen ist ja kein dummes Konzept: Für manche funktioniert es, und bei bestimmten Substanzen mag es auch wirklich sinnvoll sein. Das Problem ist nur, dass Abstinenz nicht für alle Menschen gleichermaßen gelten kann und nicht für alle erreichbar ist. Ob sie möglich ist, hängt immer ab von der einzelnen Person, ihrer Lebenssituation und der Bedeutung, die die jeweilige Substanz für sie hat.
Wie setzt man diese Sichtweise in der Drogenarbeit um?
Zu Beginn werden mit den Klientinnen und Klienten Ziele vereinbart, die sie erreichen möchten – und diese müssen für sie passen, also realistisch sein. Wenn sich hier eine unbewusste Abstinenzorientierung einschleicht, können falsche, weil nicht erreichbare oder vom Klienten gar nicht angestrebte Ziele gesteckt werden. Oft ist der völlige Verzicht auf Drogen zunächst auch gar nicht möglich. Im Vordergrund können ganz andere Dinge stehen, wie etwa die Verbesserung der Lebenssituation, das Erreichen von Stabilität, Zufriedenheit oder der Fähigkeit, zu arbeiten oder sich um ein Kind zu kümmern. Irgendwann einmal kann auch Abstinenz ein Ziel sein, aber es darf und kann nicht zu Beginn Einfluss nehmen. Damit würde man den Menschen nicht gerecht werden. Ich bin der Meinung, dass der Respekt vor jeder Person und ihren individuellen Möglichkeiten in der Drogenarbeit elementar ist.
Was heißt das für die Betreuung und Beratung?
Es gilt zu prüfen, ob der Weg zur Abstinenz gangbar ist. Foto: Jürgen Treiber, pixelio.de
Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollten die Dynamik von Sucht kennen und wissen, wie sich Sucht und Psyche gegenseitig beeinflussen. Folglich sollten sie erkennen können, in welchen Fällen und wann der Weg zur Abstinenz gangbar ist. Bei Menschen, die diesen Weg voraussichtlich nicht schaffen werden, braucht es andere Ansätze. Zum Beispiel muss geschaut werden, ob ein Drogenkonsum erreicht werden kann, der sie so wenig wie möglich schädigt. In der modernen Suchttherapie kommen diese Ansätze mittlerweile immer mehr zur Anwendung. So lassen sich beispielsweise immer mehr Beraterinnen und Berater zu „KISS“-Trainern ausbilden, um dann Drogengebrauchern zum Erwerb von Kompetenzen im selbstbestimmten Substanzkonsum verhelfen zu können.
Für solche Ansätze will auch das Fortbildungsangebot der DAH sensibilisieren…
Ja, denn für einen Wandel braucht es Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die ein Gespür für das jeweils Erreichbare haben und nicht automatisch Abstinenz als höchstes Gut „mitdenken“. Das ermöglicht es ihnen, angemessene Maßnahmen zu entwickeln. Manchmal kann das auch heißen, Klienten auf dem letzten Stück ihrer Suchtkarriere zu begleiten und dafür zu sorgen, dass sie nicht unter einer Brücke, sondern in einem menschenwürdigen Rahmen sterben können. Auszuhalten, dass man nichts ändern kann, ist schwer in einer Gesellschaft, die das als Scheitern und Misserfolg betrachtet. Es ist eine große Leistung, nicht wegzulaufen, sondern dem standzuhalten und dabei selbst keinen Schaden zu nehmen. Davor habe ich großen Respekt.
Was ist deiner Meinung nach hilfreich in der Arbeit mit Drogengebrauchern?
Ich persönlich finde es wichtig, dass man für diese Arbeit nicht nur Wissen, sondern auch Erfahrung mitbringt. Damit meine ich nicht eigene Erfahrungen im Drogenkonsum. Vielmehr sollten Betreuerinnen und Betreuer den Mut mitbringen, sich auf Neues einzulassen. Sie sollten – und das versuchen wir beispielsweise mit Rollenspielen in unseren Seminaren – einmal gespürt und nicht nur begriffen haben, wie es ist, schwer deprimiert zu sein, eine Borderline-Störung zu haben, auf eine Substanz angewiesen zu sein. Solche Einblicke und Erfahrungen sind nicht immer angenehm, aber sie ermöglichen es, Schicksale nachzuvollziehen. Zu verstehen, warum ein Mensch „auf Teufel komm raus“ eine Substanz braucht, ist ein erster Schritt hin zu einer wirklich akzeptierenden Drogenarbeit, die den Betreuten gerecht wird. Und genau dafür sind wir als Aidshilfe auch da.
Weiterführende Informationen:
KISS – Kompetenz im selbstbestimmten Substanzkonsum
akzept e.V. – Bundesverband für akzeptierende Drogenarbeit
JES – Bundesweites Netzwerk von Junkies, Ehemaligen und Substituierten
Einen Sommer lang Junge sein

Laure alias Michaël: ein Junge fast wie jeder andere. Foto: Alamode Film
Der zehnjährigen Laure gefällt es, dass die Kinder in der neuen Nachbarschaft sie für einen Jungen halten – und so beginnt sie in dem subtil und lockerleicht inszenierten Coming-of-Age-Drama „Tomboy“ ein riskantes Spiel mit ihrer Geschlechtsidentität. Von Axel Schock
Wenn man tief in den eigenen Kindheitserinnerungen kramt, stößt sicher jeder auf eine solche Situation: wie man als Neuling schüchtern am Rand steht und darauf hofft, von den anderen Kindern zum Mitspielen eingeladen und in die Clique aufgenommen zu werden. Auch die zehnjährige Laure, die während der Sommerferien mit ihrer Familie umgezogen ist, erlebt diese Momente der Unsicherheit. Nun steht sie da am Bolzplatz ihres neuen Wohnorts und wartet auf die entscheidende Geste der dort spielenden Kinder.
Pimmel aus Knete und Spucken wie die Jungs
Als sie von der gleichaltrigen Lisa (Jeanne Disson) für einen Jungen gehalten wird, korrigiert Laure diesen Irrtum allerdings nicht, sondern freut sich darüber und nennt sich fortan Michaël. Was die französische Regisseurin Celine Sciamma nun im weiteren Verlauf entfaltet, ist nichts weniger als die Suche eines Kindes nach der eigenen, nicht zuletzt auch geschlechtlichen Identität.
Diese zutiefst existenzielle und menschliche Frage entfaltet Celine Sciamma mit derart leichter Hand und so viel Humor, dass es eine Freude ist. Zugleich aber nähert sie sich diesem Konflikt mit der nötigen Ernsthaftigkeit, um das unweigerliche Drama, auf das dieser Sommer der Täuschungen und doppelten Identität hinführen muss, in seiner Wucht spürbar machen zu können.

"Tomboy" wird konsequent aus der Perspektive der Kinder erzählt. Foto: Alamode Film
Damit dies gelingt, wird die Geschichte konsequent aus der Perspektive der Kinder erzählt. Die Erwachsenen bleiben Randfiguren, die allenfalls beim Abendessen mit am Tisch sitzen und vor denen man Geheimnisse hat. Der Film gehört ganz den Kindern. Und das liegt nicht nur daran, dass Regisseurin Sciamma die vielen kleinen Dramen von ersten Küssen, Geschwisterzwist und Rivalitäten in der Clique wie auch die Verhaltensweisen unter den Kids genau beobachtet hat, sondern auch das Ensemble zu einem unverstellt authentischen und glaubwürdigen Spiel anleiten konnte.
Unterhaltsame Reflexion über Geschlechterzuschreibungen und Rollenklischees
Und obwohl wir als Zuschauer Laures Geheimnis kennen, ist dieses Geschlechterspiel so selbstverständlich und überzeugend, dass wir es nur zu gerne vergessen. Stattdessen amüsieren wir uns, wenn „Michaël“ vor dem heimischen Badezimmerspiegel das lässige Auf-den-Bodenspucken der Jungs übt und sich für den Ausflug zum Schwimmen aus Knete einen Penis für die Badehose bastelt.
„Tomboy“ ist allerdings nicht nur eine leichtfüßige, unterhaltsame Reflexion über Geschlechterzuschreibungen und Rollenklischees. Die wirklich großartige Darstellerin Zoé Héran vermag auch das ganze Chaos, das sich in Laures Kopf abspielt, greifbar zu machen: das Adrenalin, das sie bisweilen übermütig werden lässt, wie auch die wachsende Angst, aufzufliegen. Denn mit jedem Tag wird die Sache komplizierter, nicht zuletzt, seit die verliebte Lisa „Michaël“ einen Kuss abgerungen hat.
Ausgezeichnet mit dem Preis der Jury beim Teddy Award Berlin 2011
Was Laure letztlich zu diesem Geschlechterspiel treibt, lässt der Film erfreulicherweise offen. Er erinnert damit an Alain Berliners „Mein Leben in Rosarot“, gewissermaßen das Jungen-Gegenstück zu „Tomboy“. Und wie seinerzeit diese Komödie aus dem Jahr 1996, in welcher der siebenjährige Ludovic am liebsten mit Puppen spielt und Mädchenkleider trägt, ist nun auch „Tomboy“ gerade dabei, einen Filmpreis nach dem anderen einzusammeln.

Regisseurin Céline Sciamma. Foto: Alamode Film
Bei der Uraufführung auf den Berliner Filmfestspielen 2011 wurde Celine Sciamma beim queeren Teddy Award von der Jury für ihre gelungene Regiearbeit ausgezeichnet, und auch bei den lesbisch-schwulen Filmfestivals in Philadelphia, Turin und San Francisco durfte Celine bereits Preise in Empfang nehmen. Umso erfreulicher, dass dieser Film, der so unaufgeregt und unterhaltsam den Sinn der Geschlechterrollen hinterfragt, nun auch den Weg in die regulären Programme unserer Kinos gefunden hat.
„Tomboy“ F 2011. Regie und Drehbuch Céline Sciamma. Mit Zoé Héran, Malonn Lévana, Jeanne Disson, Sophie Cattani, Mathieu Demy. 82 Min. Kinostart 3. Mai
Hier geht’s zum deutschen Trailer des Films. Und hier zur internationalen Internetseite von „Tomboy“.
„Ich war schon immer empfänglich für Unkonventionelles“

Evelin Tschan, langjährige Beraterin bei der AIDS-Hilfe Konstanz. Foto: privat
Birgit Schreiber hat für das Buch „Annäherungen. Ein Lesebuch zur Arbeit in Aidshilfen“ Menschen interviewt, die sich haupt- oder ehrenamtlich für einen informierten, selbstbestimmten und solidarischen Umgang mit HIV und Aids engagieren. Zum Beispiel Evelin Tschan, seit 23 Jahren hauptamtliche Mitarbeiterin der AIDS-Hilfe Konstanz:
Ich hatte bei meiner Einstellung keine Aidshilfe-Erfahrungen und wurde mit einer Fülle von Aufgaben konfrontiert, zu einer Zeit, als das soziale Klima für Aidskranke noch sehr eisig war und es für viele noch um Leben und Tod ging. Mittlerweile schreiben wir das Jahr 27 nach Entdeckung des Virus, und aus der reinen Selbsthilfeorganisation Deutsche AIDS-Hilfe ist auch eine Serviceorganisation geworden. Die HIV-Infektion ist heute kein Todesurteil mehr, viele Betroffene können relativ gut damit leben. Heute geht es vor allem darum, die Nebenwirkungen der medizinischen Therapie zu managen.
Unsere Arbeit beruht maßgeblich auf den Erfahrungen, die Betroffene uns vermitteln
Ich konnte mit der Organisation mitwachsen und habe so mein Know-how erworben. Dadurch hatte ich es in manchem leichter als diejenigen, die heute bei einer Aidshilfe Berater oder Beraterin werden möchten. Sie müssen sich in kurzer Zeit ein umfangreiches und komplexes Wissen aneignen.
Die Aidshilfe ist eine lernende Organisation. Das heißt, dass wir uns ständig weiterentwickeln – mit jeder neuen medizinischen Erkenntnis, mit jedem Medikament, jeder neuen Nebenwirkung, jeder gesellschaftlichen Veränderung.
Qualifizierte Aidshilfe-Beratung auch in Konstanz. Foto: Gerhard Giebener, pixelio.de
Eine weitere Konstante ist das Geben und Nehmen zwischen Betroffenen und Mitarbeitern. Nach meiner Erfahrung ist es das, was die Aidshilfe von anderen Organisationen unterscheidet, die sich im Bereich HIV engagieren: Wir sind ein Team von Haupt- und Ehrenamtlichen, und unsere Arbeit beruht maßgeblich auf den Erfahrungen, die Betroffene uns vermitteln. Wir haben ein gemeinsames Ziel: Menschen mit HIV zu stärken, ihnen Hilfe zur Selbsthilfe zu geben, damit sie gut informiert Verantwortung für ihr Leben übernehmen und selbstbewusst Entscheidungen treffen können. Das verstehe ich unter Empowerment.
Kann ich mich in andere Lebenswelten hineindenken?
Neue Berater und Beraterinnen, die nicht selbst aus einer der von HIV betroffenen Gruppen kommen, sollten sich fragen: Kann ich mich auf andere Lebenskonzepte einlassen? Kann ich die Lebensweisen von Männern akzeptieren, die Sex mit Männern haben? Kann ich mich hineindenken in Menschen aus anderen Kulturen, in die Welt von Drogengebrauchern, Exusern oder Substituierten, von Sexarbeitern und Sexarbeiterinnen? Einblicke in diese Lebenswelten können als eine Zumutung empfunden werden oder aber als Bereicherung. Ich kenne Mitarbeiter, die das von ihrer inneren Struktur her nicht ertrugen. Auch ich habe manchmal Dinge kennengelernt, die mich sehr befremdet haben. Aber ich bin mit den Jahren akzeptierender und auch unaufgeregter geworden. Und ich war schon immer empfänglich für Unkonventionelles. Insgesamt gesehen empfinde ich diese Arbeit als eine Bereicherung meines Lebens.
Aidshilfe als lernende Organisation. Foto: Dieter Schütz, pixelio.de
Was die Beratung selbst angeht, vor allem die Face-to-face-Beratung, braucht man dafür Empathie. Das heißt, man kann mitfühlen, darf aber nicht mitleiden. Und man muss erkennen können, ob es dem Gegenüber lediglich um die Fakten geht oder ob hinter der Frage nach der Rente oder einem Schwerpunktarzt in der Nähe noch mehr steckt. Gibt es vielleicht Probleme mit dem Partner, mit den Kindern? Gibt es andere seelische Nöte? Dann muss man vorsichtig ein Gespräch darüber anbieten.
Praktische Erfahrung ist durch nichts zu ersetzen
Bei Menschen, die gerade ein positives Testergebnis erhalten haben, ist es vor allem wichtig, dass man menschliche Präsenz zeigt. Beim ersten Treffen genügt es häufig, die drängendsten Fragen zu beantworten und dann einfach mit den Rat Suchenden einen Tee zu trinken. Sie sollten auf jeden Fall spüren, dass man für sie da ist, wenn irgendwann weitere Fragen auftauchen. Vieles kann man bei Fortbildungen, auf Tagungen, in Workshops der Aidshilfe und anderer Organisationen lernen und trainieren. Doch die praktische Erfahrung ist durch nichts zu ersetzen.
In der Onlineberatung, bei der ich jetzt seit vier Jahren mitarbeite, geht es vor allem um zwei Dinge: Man muss lernen, mit Texten zu arbeiten und zwischen den Zeilen zu lesen. Wir haben ja nur eine E-Mail vor uns, hören keine Stimme, sehen kein Gesicht. Als langjährige Beraterin mit konventioneller Ausbildung stand ich der Onlineberatung zunächst sehr skeptisch gegenüber, heute dagegen bin ich von den Vorteilen überzeugt: Das Medium ist attraktiv, weil die User anonym bleiben können. Sie können direkt und zielgerichtet Fragen stellen und erhalten schnell eine qualifizierte Antwort, in der Regel innerhalb von drei Tagen, oft schon am selben Tag. Wir erreichen online immer mehr Menschen, darunter auch zunehmend mehr ältere.
In der Beratung stellen wir uns immer wieder auf neue Entwicklungen ein
Die Qualität unserer Antworten sichern wir, indem wir vernetzt arbeiten. Wir können uns online in einem Forum austauschen und einander unterstützen. Alle Antwortmails werden von einer Fachaufsicht gelesen. Das gibt uns zusätzliche Sicherheit. Alle Onlineberater treffen sich in regelmäßigen Abständen persönlich, bilden sich fort, entwickeln gemeinsam neue Qualitätsstandards. Nach dem EKAF-Statement von 2008 zum Beispiel, wonach bei gut funktionierender HIV-Therapie eine sexuelle Übertragung des Virus unter bestimmten Bedingungen so gut wie ausgeschlossen ist, mussten wir neu festlegen, wie wir serodifferente Paare künftig beraten wollen.
Onlineberater müssen zwischen den Zeilen lesen können. Foto: Konstantin Brückner, pixelio.de
So stellen wir uns in der Beratung – ob online, telefonisch oder „von Angesicht zu Angesicht“ – immer wieder auf neue Entwicklungen ein. Die Themen reichen dabei von Problemen am Arbeitsplatz über die Frage, ob und wie man sich gegenüber einem neuen Partner outet, bis hin zum Kinderwunsch HIV-infizierter Frauen. Die Beratung in der Schwangerschaft und zur Vorbereitung der Geburt ist für sie besonders wichtig und kann dazu beitragen, dass alle Maßnahmen getroffen werden, durch die das Baby vor HIV geschützt wird. In Baden-Württemberg hat sich im letzten Jahr kein einziges Kind mehr infiziert. Über Entwicklungen wie diese freue ich mich als langjährige Beraterin natürlich sehr.
Aus der Reihe „Annäherungen“ sind bisher folgende Beiträge erschienen:
„Manche haben außer der Aidshilfe fast nichts mehr“
„Lasst euch von den Mauern bloß nicht abschrecken!“
