Antiretrovirale Therapie schützt hoch effektiv vor HIV-Übertragung

Was lange schon beobachtet und diskutiert wurde, ist nun bestätigt: Eine gut wirksame HIV-Therapie schützt die Partner von Menschen mit HIV sehr wirkungsvoll vor der Übertragung von HIV.

Das zeigt eine Studie des „HIV Prevention Trials Networks“ (HPTN). Deren Ergebnisse wurden gestern von den „National Insitutes of Health“ (NIH) der USA veröffentlicht.

Demnach wird die Übertragungswahrscheinlichkeit von HIV durch die antiretroviralen Medikamente um 96 Prozent reduziert. Die Therapie schützt also in etwa genauso effektiv wie Kondome, welche die Übertragungswahrscheinlichkeit um etwa 95 Prozent verringern.

In der Studie ging es um die Frage, ob ein früher Therapiebeginn die Infektionswahrscheinlichkeit bei festen Partnern von Menschen mit HIV herabsetzt. Zugleich sollte erforscht werden, ob auch die HIV-Positiven davon profitieren.

Untersucht wurden 1.763 Paare, die allermeisten (97 Prozent) heterosexuell. Dann wurden zwei Gruppen gebildet: In der einen Gruppe erhielten die HIV-Positiven sofort HIV-Medikamente, in der anderen erst, wenn die HIV-Infektion weiter fortgeschritten war (CD4-Zellen unter dem Wert von 250 pro Mikroliter Blut oder Auftreten einer so genannten Aids definierenden Erkrankung).

Es handelt sich bei dieser Art von Studie um den Goldstandard der Forschung, denn wenn man die Studienteilnehmer nach dem Zufallsprinzip in 2 Gruppen aufteilt, hat man alle „Störfaktoren“ und Besonderheiten ebenfalls gleichmäßig verteilt: diejenigen, die ihre Therapie nicht regelmäßig einnehmen, alte und junge, sexuell aktive und weniger aktive und so weiter.

Bisher war die Erkenntnis, dass Therapien die HIV-Übertragung häufig verhindern, nur durch weniger aussagekräftigen Studien abgesichert. Das hatte in den letzten Jahren zu erheblichen Kontroversen geführt, auch um ein Positionspapier der Deutschen AIDS-Hilfe zur Wirkung der Therapie in der Prävention.

Die Studie belegte nach Angaben der Forscher nicht nur den Schutz vor einer HIV-Übertragung, sondern auch einen erheblichen Nutzen für die HIV-Positiven: Bei ihnen kam es zu weniger Folgeerkrankungen. Die Studie wurde daraufhin abgebrochen, da es nicht mehr verantwortbar erschien, den Menschen in der Vergleichsgruppe den Nutzen der Therapien vorzuenthalten.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO und die HIV/Aids-Organisation der Vereinten Nationen, UNAIDS, bezeichneten die Studienergebnisse gestern in einer gemeinsamen Pressemitteilung als „bahnbrechend“. „Dieser Durchbruch verändert die Situation erheblich“, sagte UNAIDS-Geschäftsführer Michel Sidibé. „Er macht HIV-Behandlung zu einer neuen Priorität in der Prävention. Nun müssen wir dafür sorgen, dass Paare sich auch für diese Option entscheiden können und Zugang zu Medikamenten haben.“

Sidibé bezieht sich damit vor allem auf die Situation in ärmeren Teilen der Welt. Doch auch für Menschen mit HIV hierzulande verbessert sich die Situation: „Sie haben nun Gewissheit, dass die Therapie ihre Partner zuverlässig schützt“, sagt der Medizinreferent der Deutschen AIDS-Hilfe, Armin Schafberger. „Das haben wir zwar schon gewusst, die Studie untermauert dieses Wissen aber nun mit klaren Zahlen.“ Die Paare könnten sich nun entscheiden, ob sie sich auf die Schutzwirkung der Medikamente verlassen oder die Sicherheit noch zusätzlich durch Kondome erhöhen wollten.

Die Schutzwirkung der Therapien ist in vollem Umfang allerdings nur gegeben, wenn die Medikamente sehr zuverlässig eingenommen werden und im Blut mindestens ein halbes Jahr lang keine Viren mehr nachgewiesen werden können. Außerdem dürfen keine anderen sexuell übertragbaren Infektionen vorliegen, die das Übertragungsrisiko wieder erhöhen könnten. Diese Bedingungen sind nur in festen Partnerschaften überprüfbar. „Bei wechselnden oder neuen Sexualpartnern sind weiterhin Kondome das Mittel der Wahl!“, betont Armin Schafberger.

(Holger Wicht)

Quellen:

Pressemitteilung des HIV Prevention Trial Networks

Pressemitteilung von UNAIDS und WHO

Weitere Informationen:

Bericht im Blog ondamaris.de