Führt das HIV-Medikament Dolutegravir zu Fehlbildungen bei Kindern?

Es ist das größte medizinische Thema der Internationalen Aids-Konferenz 2018: mögliche Fehlbildungen durch Dolutegravir in der Schwangerschaft.

Aus einem Register aus Botswana stellte Rebecca Zash vier Fälle von Kindern vor, die mit „offenem Rücken“ (spina bifida, der Rückenmarkkanal schließt sich nicht) geboren wurden.

Diese Fehlbildung entsteht in den ersten Wochen der Schwangerschaft und tritt normalerweise bei einem von 1000 Kindern auf. Im Botswana-Register allerdings war eines von 100 Kindern betroffen, deren Mütter Dolutegravir zur HIV-Therapie eingenommen hatten.

Dolutegravir ist in Botswana seit 2016 Standard für den Therapiebeginn.

Fehlbildungen durch Dolutegravir?

Die vier Fälle können ein Zufall sein und nichts mit Dolutegravir zu tun haben. Sie könnten aber auch auf das HIV-Medikament zurückzuführen sein.

Ob die Fehlbildungen durch Dolutegravir bedingt sind, wird man frühestens in einem Jahr wissen, wenn mehr Fälle aus Registern ausgewertet sind.

Bekanntgeworden waren die vier Fälle bereits im Frühjahr.

Warnung der Europäischen Arzneimittel-Agentur

Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) empfahl damals, HIV-positiven Frauen mit Kinderwunsch Dolutegravir nicht zu verschreiben. Frauen im gebärfähigen Alter unter Therapie mit Dolutegravir sollten wirksame Verhütungsmittel anwenden (aidshilfe.de berichtete).

Doch während es in Deutschland möglich ist, auf einen anderen Integrase-Hemmer auszuweichen, stellt dies in einkommensschwächeren Ländern ein Problem dar.

Dolutegravir ist das ideale Medikament für eine breite Anwendung: hoch wirksam, wenige Nebenwirkungen, kaum Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten und als Generikum erhältlich – der Hersteller hat das Patent in diesen Ländern freigegeben.

Umstieg wäre vor allem in ärmeren Ländern ein Problem

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt seit 2018 Dolutegravir –wie bereits in Botswana umgesetzt – an erster Stelle in der Therapie.

Wenn Frauen nun in ärmeren Ländern auf das ältere Efavirenz ausweichen müssten, einen Reverse-Transkripase-Hemmer, hieße das: weniger Therapieerfolg, mehr Therapieabbrüche, mehr Nebenwirkungen und eine höhere Zahl von Frauen, die infolge der schlechter behandelten HIV-Infektion versterben.

Die WHO kann daher auf den „Roll-out“ von Dolutegravir nicht verzichten, rät aber zu einer wirksamen Empfängnisverhütung.

Allerdings wissen wir, dass viele – vielleicht die meisten – Schwangerschaften nicht geplant sind. Und eine wirksame Empfängnisverhütung steht den Frauen nicht überall zur Verfügung.

Dilemma für viele Frauen und ihre Ärzt_innen

Was also tun? Leider stehen nun viele Frauen (und ihre Ärzt_innen) vor dieser schwierigen Entscheidung.

(Armin Schafberger/hs)