Partizipatives Forschungsprojekt zu Sexarbeitenden und Gesundheit

  • Studientitel: Sexuelle Gesundheit und HIV/STI-Präventionsstrategien und -bedarfe von Sexarbeitende
  • Forschungsziele: 1) Differenzierte Beschreibung der Präventionsstrategien von Sexarbeitenden sowie der Änderungen durch das Prostituiertenschutzgesetz und die Covid-Pandemie; 2) Identifizierung von förderlichen und hinderlichen Faktoren in den Präventions-, Test- und Behandlungsangeboten für Sexarbeitende; 3) Charakterisierung des Potenzials der medikamentösen HIV-Prophylaxe PrEP als Safer-Sex-Methode für Sexarbeitende sowie Beschreibung der Barrieren für ihre Entfaltung
  • Methode: Fokusgruppen mit Sexarbeitenden
  • Zielgruppe: in Deutschland tätige Sexarbeitende aus unterschiedlichen Lebens- und Arbeitskontexten
  • Projektlaufzeit: 01.04.2022 – 31.03.2024
  • Projekkoordinatorin: Eléonore Willems; 030690087-73; eleonore.willems@dah.aidshilfe.de oder sw-studie@dah.aidshilfe.de

Hintergrund und Fragestellungen

Weltweit haben Sexarbeiter*innen ein erhöhtes Risiko, sich mit HIV zu infizieren [1].  Zu den Faktoren dafür zählen unter anderem die anhaltende (häufig Mehrfach-)Stigmatisierung und Diskriminierung, Kriminalisierung und Gewalterfahrungen. Gleichzeitig haben viele Menschen in der Sexarbeit nur einen unzureichenden oder gar keinen Zugang zu Gesundheitsleistungen, zum Beispiel, weil sie keine Krankenversicherung haben. Über die Situation in Deutschland liegen bisher allerdings nur wenig wissenschaftlich fundierte Kenntnisse vor. 

Mit der qualitativen Studie „Sexuelle Gesundheit und HIV/STI-Präventionsstrategien und -bedarfe von Sexarbeitenden“ will die Deutsche Aidshilfe einige Fragen zu den Erfahrungen von Sexarbeitenden in Deutschland beantworten. Dafür sollen Sexarbeitende mit unterschiedlichen (z.B. biografischen, sozioökonomischen oder soziokulturellen) Hintergründen, mit unterschiedlichen Geschlechtsidentitäten und aus unterschiedlichen Lebens- und Arbeitskontexten im Rahmen von Fokusgruppen zu folgenden Themen ins Gespräch kommen:

  1. Welche gesundheitlichen Risiken (insbesondere in Bezug auf HIV und sexuell übertragbare Infektionen/STIs) nehmen Sexarbeitende wahr und welche Strategien wenden sie an, um ihre Gesundheit zu schützen? Wie gehen bzw. gingen Sexarbeitende mit den strukturellen Veränderungen durch das im Juli 2017 in Kraft getretene Prostituiertenschutzgesetz um, etwa mit der verpflichtenden Gesundheitsberatung als Bedingung für die legale Ausübung der Sexarbeit, wie mit den Veränderungen durch die Covid-19-Pandemie (etwa mit Berufsverboten und der Reduzierung von Präventionsangeboten)?
  2. Welche Präventions-, Test- und Versorgungsangebote werden von Sexarbeitenden genutzt und wie? Welche Hürden bestehen beim Zugang zu den Angeboten? Welche Bedarfe werden von den bestehenden Angeboten nicht (ausreichend) gedeckt? 
  3. Welche Bedarfe und Hürden gibt es bei unterschiedlichen Gruppen von Sexarbeitenden hinsichtlich der Nutzung der HIV-Präexpositionsprophylaxe (PrEP) als Safer-Sex-Methode? 

In die Studie sollen die Erfahrungen von möglichst verschiedenen Menschen in der Sexarbeit einfließen, um unterschiedliche Bedarfe und Bedürfnisse von Sexarbeitenden zu erfassen. 

Ziele und Nutzen des Projekts

Die Ergebnisse sowie Handlungsempfehlungen aus dem Projekt sollen in wissenschaftlichen Artikeln und in einer Broschüre sowie online veröffentlicht werden. Die Forschungserkenntnisse sollen auf verschiedenen Ebenen eine positive Wirkung haben:

  1. Sexarbeitende lernen mehr über die verschiedenen Bedarfe ihrer Communitys und können ihre Forderungen in Bezug auf Gesundheit besser artikulieren und belegen
  2. Präventionsangebote für Sexarbeitende können gemäß den zum Ausdruck gebrachten Bedarfen der verschiedenen Zielgruppen verbessert, die Entwicklung neuer Angebote kann von den Projektergebnissen unterstützt werden 
  3. Faktenbasierte Empfehlungen an die Politik sollen zur Etablierung von Strukturen beitragen, welche die Gesundheit, die Lebens- und die Arbeitsbedingungen von Sexarbeitenden verbessern. Außerdem können die Forschungsergebnisse zur Evaluation des ProstituiertenSchutzGesetz beitragen.

Forschungsmethoden und Partizipation 

Die Studie folgt einem rein qualitativen Forschungsdesign. Untersucht werden die Erfahrungen von Menschen, die aktuell in Deutschland der Sexarbeit nachgehen. Das erfolgt im Rahmen mehrerer unterschiedlicher Fokusgruppen im Sinne von Kleingruppen, die durch einen Informationsinput und eine offene Moderation zur Diskussion über ein bestimmtes Thema angeregt werden. Geplant sind bis zu sieben Gruppen zu maximal 10 Teilnehmer*innen, die bestimmte Faktoren gemeinsam haben (z. B. Sexarbeit auf der Straße oder Identifikation als trans*).

Die Gruppendiskussionen werden voraussichtlich ab Oktober 2022 an mehreren Orten in Deutschland durchgeführt. Um die vielfältigen Erfahrungen von migrantischen Sexarbeitenden bestmöglich in das Projekt einfließen zu lassen, werden die Fokusgruppen in unterschiedlichen Sprachen stattfinden. Peer-Forscher*innen, d. h. Mitglieder aus den Communitys der Sexarbeitenden, werden die Fokusgruppen moderieren. Dafür erhalten sie eine Schulung und eine Aufwandsentschädigung von 500 €. 

Die Gespräche werden akustisch aufgenommen, transkribiert und die Transkriptionen werden ggf. ins Deutsche übersetzt. Die Auswertung der Ergebnisse erfolgt anonymisiert. Personenbezogene Daten und alle Äußerungen, aus denen Rückschlüsse auf Personen gezogen werden könnten, werden durch Pseudonyme oder Umschreibungen so bearbeitet, dass die Anonymität der Personen gewahrt bleibt. Teilnehmende an den Fokusgruppen erhalten eine Aufwandsentschädigung von 100 €. 

Die Ergebnisse aus den Fokusgruppen sollen mit verschiedenen Akteur*innen, vor allem aus den Sexarbeit-Communitys, intensiv und kritisch diskutiert werden. Auf Basis der Ergebnisse werden dann in einem partizipativen Prozess Handlungsempfehlungen entwickelt und ggf. weitere Forschungsbedarfe formuliert.

Ein Projektbeirat mit Vertreter*innen aus Communitys, Forschung und Fachpraxis wird das Projekt über die ganze Laufzeit begleiten und beraten. 

Finanzierung

Das Projekt wird durch das Bundesministerium für Gesundheit finanziert. 

Logo BMG

Kontakt

Du hast Fragen zum Projekt? Du möchtest eine Anregung oder einen Vorschlag machen? Du bist Sexarbeiter*in und hast Interesse, an einer Fokusgruppe teilzunehmen? 

Eléonore Willems, Projektkoordinatorin
sw-studie@dah.aidshilfe.de
030-690087-73

Deutsche Aidshilfe
Wilhelmstr. 138
10963 Berlin

Eléonore Willems, M.A. Politikwissenschaften, hat u.a. das partizipative Forschungsprojekt positive stimmen 2.0 begleitet und war selbst eine Zeit lang in der Sexarbeit. 

[1] Siehe z. B. UNAIDS, HIV and Sexwork, Human Rights Fact Sheet Series, 2021 (Kurzlink: https://t1p.de/vsjff) oder Beyrer, C. et al., An action agenda for HIV and sex workers, The Lancet, 2015, 385 (9964): 287–301 (Kurzlink: https://t1p.de/rcmif)