Blutspendeverbot für schwule und bisexuelle Männer

Schwule und bisexuelle Männer dürfen in Deutschland nur Blut spenden, wenn sie ein Jahr lang keinen Sex mit einem Mann hatten. Diese Regelung ist diskriminierend. Die Deutsche Aidshilfe fordert ein Verfahren, dass sich an wissenschaftlichen Fakten orientiert und tatsächliche HIV-Risiken in den Blick nimmt.

Lange Zeit waren schwule und bisexuelle Männer in Deutschland pauschal von der Blutspende ausgeschlossen. Alle potenziellen Spender wurden befragt, ob sie zu dieser oder einer anderen Gruppe gehörten, die statistisch ein hohes HIV-Risiko hat („freiwilliger Selbstausschluss“).

Im Jahr 2017 hat die Bundesärztekammer neue Richtlinien vorgelegt. Demnach dürfen schwule und bisexuelle Männer Blut spenden, wenn sie ein Jahr lang keinen Sex mit einem Mann hatten. Diese Regelung schließt weiterhin die allermeisten schwulen und bisexuellen Männer von der Blutspende aus.

Die neue Richtlinie ist dabei ebenso diskriminierend wie die alte: Männer, die Sex mit Männern haben, sind zwar statistisch tatsächlich häufiger von HIV betroffen als andere. Dies rechtfertigt jedoch keinen pauschalen Ausschluss. Für die Blutspende sind daher dringend neue Kriterien erforderlich. Der Ausschluss bei Knochenmark- und Stammzellspenden sollte umgehend ganz aufgehoben werden.

Nicht akzeptabel und völlig unverständlich ist zudem die gesonderte Nennung von „transsexuellen Personen mit sexuellem Risikoverhalten“ in der Richtlinie. Diese diskriminierende Formulierung muss gestrichen werden.

Ein-Jahres-Frist entbehrt fachlicher Grundlage

Die Neuregelung von 2017 stellt lediglich eine kosmetische Veränderung dar, die über die diskriminierende Regel nicht hinwegtäuschen kann. Die Frist von einem Jahr ist willkürlich gewählt. Nachvollziehbar wäre ein Zeitraum, der sich am „diagnostischen Fenster“ orientiert: Nach sechs Wochen lässt sich eine HIV-Infektion mit einem Antikörpertest sicher ausschließen. Die Deutsche Aidshilfe fordert die Verantwortlichen auf, die Frist dem diagnostischen Fenster anzupassen.

Andere Länder haben bereits kürzere Fristen. Zuletzt haben die USA eine Drei-Monats-Regel eingeführt, wie sie zum Beispiel in England und Schottland schon länger besteht.

Andere Möglichkeiten prüfen

Der Europäische Gerichtshof hat 2015 geurteilt, dass ein Ausschluss besonders stark von HIV betroffener Gruppen nur soweit gerechtfertigt ist, wie sich Übertragungsrisiken nicht auf anderen Wegen reduzieren lassen.

Angesichts zu erwartender Knappheit bei Blutprodukten aufgrund der Covid-19-Epidemie ist nun erst recht überfällig, diese Wege ernsthaft auszuloten, etwa durch Verbesserungen beim Testen von Blutspenden auf HIV.  

Wünschenswert wäre prinzipiell eine Lösung, die nicht sexuelle Orientierung, sondern tatsächliche HIV-Risiken in den Blick nimmt. Diese vor der Spende abzufragen ist jedoch schwierig. Die Deutsche Aidshilfe fordert die Verantwortlichen dazu auf, sich ernsthaft um ein besseres Verfahren zu bemühen.

Der Arbeitskreis Blut am Robert-Koch-Institut, dem Experten zahlreicher Organisationen angehören, hat sich schon vor Jahren mit dieser Frage befasst – ohne befriedigendes Ergebnis. Die Befragung nach realen Risiken hat sich dabei offenbar als schwierig herausgestellt, weil manche Menschen nicht bereit sind, detailliert Auskunft über ihr Sexualleben zu geben.

Ein alternatives Verfahren hat sich nach Informationen des Robert-Koch-Instituts und der Bundesärztekammer aus dem Jahr 2013 in der Erprobung nicht bewährt: Manche Spender und Spendedienste akzeptierten den Fragebogen nicht.

„Freiwilliger Selbstausschluss“

Der „freiwillige Selbstausschluss“ durch eine Befragung ist wichtig, denn bei den Tests von Blutspenden auf HIV wird ein kleiner Teil HIV-infizierter Blutspenden nicht erkannt. Der Grund: Nach der Infektion dauert es einige Zeit, bis HIV im Blut nachweisbar ist. Zwar werden heute auch sogenannte PCR-Tests eingesetzt, die das Virus früher nachweisen können als die sonst üblichen Tests auf Antikörper. Doch auch bei PCR-Tests bleibt eine Lücke von etwa ein bis zwei Wochen.

Hohe Sicherheit von Blutspenden

Die Kombination dieser Tests mit dem „freiwilligen Selbstausschluss“ sorgt dafür, dass Blutprodukte in Deutschland sehr sicher sind. In Deutschland kommt etwa eine HIV-infizierte Blutspende pro Jahr in Umlauf, das Risiko einer unerkannt HIV-infizierten Spende beträgt 1:5,3 Millionen.

Die Herausforderung für die Expert_innen vom Arbeitskreis Blut besteht nun also darin, diese Sicherheit bei einem neuen Verfahren aufrechtzuerhalten. Die Blutspende einfach auch für schwule Männer zu öffnen, ist leider nicht möglich, weil schwule Männer statistisch ein deutlich höheres HIV-Risiko haben.

Manchmal wird gefordert, die Blutspende allen zu ermöglichen, die angeben, nur „Safer Sex“ gehabt zu haben. Dies wäre aber ein unzulängliches Verfahren, denn viele Menschen können HIV-Risiken nicht richtig einschätzen. Außerdem bleibt auch bei Safer Sex ein Restrisiko, das bei schwulen Männern höher ist, eben weil es in dieser Gruppe mehr Menschen mit HIV gibt.

Auch die Angabe, dass jemand in einer monogamen Beziehung lebt, ist nicht immer verlässlich.

Knochenmark- und Stammzellenspende

Überhaupt nicht mehr angemessen ist der Ausschluss schwuler Männer von der Knochenmark- und Stammzellenspende. Hier kann über Leben und Tod entscheiden, ob es einen passenden Spender gibt. Ist dieser gefunden, bleibt genug Zeit für ausführliche Gespräche und Blutuntersuchungen. Darum sollte der Ausschluss in diesem Bereich sofort aufgehoben werden.

(Stand: 6.4.2020)