WHO empfiehlt früheren Start der HIV-Therapie

Die WHO hat am 30. Juni neue Leitlinien zur HIV-Behandlung veröffentlicht. Künftig soll bereits bei 500 statt wie bisher bei spätestens 350 Helferzellen pro Mikroliter Blut mit einer Therapie begonnen werden.

Man hoffe, damit bis 2025 drei Millionen Todesfälle infolge von HIV und Aids sowie 3,5 Millionen HIV-Übertragungen verhindern zu können, heißt es in einer Pressemeldung der Weltgesundheitsorganisation vom 30. Juni.

Bisher galt die WHO-Empfehlung, ab 350 Helferzellen mit einer HIV-Behandlung zu beginnen. Begründet wird die neue Leitlinie mit Erkenntnissen aus der Studie HPTN 052. Sie zeigte, dass ein früher Therapiestart die Sexualpartner vor einer HIV-Infektion schützt und dass HIV-Positive mit frühem Therapiestart seltener eine Tuberkulose als Begleitinfektion haben als Positive, die später (unter 250 Helferzellen pro Mikroliter Blut) in eine Therapie einsteigen.

Die Fälle kamen allerdings ausschließlich in afrikanischen Ländern und Indien vor, und der Effekt war zudem nicht besonders ausgeprägt. Ob der Therapiestart bei 500 Helferzellen einen relevanten Vorteil für HIV-Positive bringt, ist in der Wissenschaft nach wie vor strittig. Klären soll dies eine Studie mit über 4.000 Teilnehmern, die noch bis 2016 läuft.

Umstritten ist auch der strategische Einsatz der HIV-Therapie als Präventionsmittel. Armin Schafberger, Medizinreferent der Deutschen AIDS-Hilfe (DAH), unterstreicht in einem Beitrag für den DAH-Blog, die Therapie müsse Therapie bleiben und dürfe nicht zum Ziel von Public-Health-Maßnahmen werden. Außerdem müsse man nicht nur mehr Menschen den Zugang zur Behandlung ermöglichen, sondern auch die Diagnose erleichtern – zum Beispiel durch den Abbau von Diskriminierung.

Kritisch sieht der DAH-Medizinreferent auch die generelle Empfehlung einer Kombination aus den Anti-HIV-Medikamenten Tenofovir, Emtricitabin und Efavirenz. Tenofovir stehe nicht einmal in den südosteuropäischen Staaten ausreichend zur Verfügung. Außerdem gelte die WHO-Empfehlung für Efavirenz auch für Schwangere, obwohl die Substanz in Tierversuchen zu Fehlbildungen geführt habe.

Insgesamt seien die neuen Leitlinien eher als politische Willenserklärung zu werten, so Schafberger. Sie führten dazu, dass Anspruch und Realität in ärmeren Staaten weiter auseinanderklaffen: „Nach den neuen Leitlinien bräuchten knapp 26 Millionen Menschen weltweit eine Therapie, 9,2 Millionen mehr als nach den alten Leitlinien. Tatsächlich bekommen derzeit aber ‚nur‘ etwa 10 Millionen eine Therapie. Es müssten also noch erheblich mehr Mittel zur Verfügung gestellt werden, um das in der Leitlinie formulierte Ziel zu erfüllen.“

(hs)

 

Quelle/weitere Informationen

WHO-Leitlinien zur HIV-Therapie vom 30.6.2013 (in englischer Sprache)

Pressemitteilung der WHO vom 30.06.2013 (in englischer Sprache)

Einschätzung des DAH-Medizinreferenten Armin Schafberger im DAH-Blog

Beitrag auf aidsmap.com vom 30.06.2013 (in englischer Sprache)

UNAIDS-Pressemitteilung zum weltweiten Stand der HIV-Therapie vom 30.06.2013 (in englischer Sprache)