Corona und Drogen

Viele Drogengebrauchende sind aufgrund von Begleiterkrankungen und einer geschwächten körperlichen Verfassung besonders durch das Coronavirus gefährdet. Wir haben gemeinsam mit dem JES-Bundesverband, JES NRW und akzept e.V. die wichtigsten Infos zusammengetragen.

Weitere Infos zu Corona

Aktuelle Infos rund um das Coronavirus und COVID-19 bieten wir auf unserer Themenseite zu Corona.

Corona und Drogen: Das Wichtigste auf einen Blick

  • Drogenkonsumierende gehören häufig aufgrund von Begleiterkrankungen und meist geschwächter körperlicher Verfassung zu den besonders durch Corona Gefährdeten.
  • Unbedingt die Safer-Use-Regeln einhalten. Kein Transport von Drogen im Mund, nicht gemeinsam aus einer Flasche oder einem Glas trinken, keine Joints, Pfeifen, Bongs und Sniefröhrchen teilen und keine gesammelten Kippen rauchen. 
  • Wenn zurzeit – z. B. aufgrund des Lockdowns – das Geld für den Konsum fehlt, in der Aids- und Drogenhilfe oder direkt in einer Substitutionspraxis nach einer Notfallsubstitution fragen.
  • Viele Drogenhilfeeinrichtungen können weiterhin nur im Notbetrieb laufen.
  • Verstärkt auf Freund*innen und Bekannte achten.

Generell gelten für Drogengebrauchende und Substituierte die gleichen Verhaltensregeln, wie sie auch für alle anderen empfohlen werden:

  • Möglichst Menschenansammlungen meiden, Abstand von mindestens 1,5 Meter einhalten.
  • Häufig und gründlich die Hände waschen: 20 Sekunden lang mit Wasser und Seife. Immer, wenn man in den Wohnbereich zurückkehrt, nachdem man die Toilette benutzt hat sowie vor dem Konsum.
  • Wenn kein Wasser und keine Seife zur Verfügung stehen, kann man auch ein Händedesinfektionsmittel mit mindestens 60 % Alkohol verwenden. Sogar das Reinigen der Hände mit einem Desinfektionstuch lohnt sich.
  • In die Armbeuge niesen und husten.

Besondere Hinweise für Drogengebrauchende

Das Coronavirus ist im Gegensatz zu HIV und Hepatitis sehr einfach über Speichel übertragbar. Eine Übertragung kann erfolgen, wenn virushaltige Tröpfchen, „Schwebeteilchen“ (sogenannte Aerosole) oder Speichel an die Schleimhäute der Atemwege gelangen. Daher solltet ihr beim Konsum die Safer-Use-Regeln beachten. Dies bedeutet: Nutzt nur eure eigenen Konsumutensilien und gebt benutzte Utensilien nicht an andere weiter!

  • Solltet ihr Substanzen kaufen, die vorher im Mund transportiert wurden, transportiert die Kugeln auf keinen Fall ebenfalls in eurem Mund, und auch nicht im Po oder in eurer Vagina. Gekaufte Kugeln solltet ihr mit Plastikfolie umwickeln. Wenn ihr das Pulver oder den Stein ausgepackt habt und konsumieren wollt, wascht euch vorher gründlich die Hände.
  • Vermeidet unbedingt das Teilen und die Weitergabe von Crackpfeifen, Bongs, Joints und Sniefröhrchen. Bitte keine gesammelten Kippen rauchen, denn Corona ist über Speichel sehr einfach übertragbar!
  • Dies bedeutet auch, dass ihr aktuell keinesfalls aus einer Flasche bzw. aus einem Glas/Becher trinken solltet.
  • Viele Einrichtungen haben Mengenbegrenzungen bei Konsumutensilien aufgehoben. Legt euch kleine Vorräte an. So müsst ihr nicht täglich eure Einrichtung aufsuchen.
  • Vermeidet aber „Hamstern“! Auch andere Drogengebraucher*innen benötigen Konsumutensilien, um sich weiterhin zu schützen.
  • Weiterhin laufen viele Einrichtungen im Notbetrieb. Dies bedeutet in Konsumräumen geringere Platzkapazitäten. Stellt euch darauf ein, dass nicht das gesamte Angebot verfügbar ist. 
  • Solltet ihr hierdurch verstärkt im öffentlichen oder privaten Raum konsumieren, informiert euch bei eurer Drobs, welche Ärzt*innen Naloxon verschreiben
  • Es sind weiterhin weniger Leute unterwegs und Geschäfte geschlossen. Solltet ihr Probleme haben, das Geld für euren Konsum zu bekommen, wendet euch an eure Drogenhilfe oder eine für euch bekannte Substitutionspraxis und fragt nach einer Notfallsubstitution!
  • Für den Fall, dass ihr oder eure Dealer*innen in Quarantäne seid, entwerft möglichst einen „Plan B“. Vielleicht ist ein*e gute*r Bekannte*r bereit, euch als „Läufer*in“ zu unterstützen!
  • Bleibt geduldig und freundlich, auch wenn die Angebote eurer Aids- und Drogenhilfe vielleicht nur noch eingeschränkt zur Verfügung stehen oder weniger Menschen gleichzeitig in die Einrichtung dürfen!
  • Es ist kein Zeichen von Diskriminierung, wenn das Personal Masken und Handschuhe trägt. Dies trägt zu eurem und zum Schutz der Mitarbeiter*innen bei sowie zur Aufrechterhaltung der nötigen Angebote.
  • Bildet Netzwerke mit anderen Drogengebraucher*innen – zum Beispiel über soziale Medien.
  • Achtet verstärkt auf Drogen gebrauchende Freund*innen und Bekannte in eurem Umfeld. Ruft sie an und erkundigt euch, ob alles okay ist.
  • Nutzt kostenlose Informationsdienste, um in Verbindung zu bleiben.

Besondere Hinweise für Substituierte

Die am 22. April 2020 in Kraft getretenen Erleichterungen in der Verschreibung und Abgabe von Substitutionsmitteln gelten weiterhin – nach derzeitigem Stand bis zum Ende Juni 2021.

  • Wenn ihr bereits substituiert werdet, fragt eure Ärzt*innen nach einer Take-Home-Verschreibung, um nicht mehr täglich in die Praxis zu müssen.
  • Ist eine Take-Home-Verschreibung nicht möglich, bittet eure Ärzt*innen, das Rezept zur Apotheke eurer Wahl zu senden. So kann eine wohnortnahe Versorgung sichergestellt werden.
  • Achtet darauf, eure Medikamente im Haushalt sicher aufzubewahren, sodass Kinder keinen Zugriff haben.
  • Fragt eure Ärzt*innen, ob die Umstellung auf ein Depotmedikament möglich ist, das bis zu 4 Wochen wirkt.
  • Bittet eure Docs um ein Kassenrezept für Naloxon-Nasenspray, damit ihr für einen Notfall gut ausgestattet seid.

Das Forum Substitutionspraxis bietet umfangreiche und laufend aktualisierte Informationen rund um das Thema Corona und Substitutionsbehandlung. Zielgruppe sind Behandlungsteams und Patient*innen in Praxen, Schwerpunktpraxen, Ambulanzen, klinischen Abteilungen für Abhängigkeitserkrankungen und Reha-Einrichtungen.

Außerdem erscheint ein kostenloser Rundbrief mit Meldungen zu aktuellen Entwicklungen. Die aktuellen und bisherigen Newsletter sind auf der Webseite nachzulesen. Zum kostenlosen Newsletter anmelden kann man sich unter forum-substitutionspraxis.de (nach unten scrollen).

Erreichbarkeit von Angeboten vor Ort

Ob Drogenberatungsstellen und Kontaktläden geöffnet sind, erfragt man am besten vor Ort. Nach unserer Kenntnis haben viele Einrichtungen ihre Arbeit vorübergehend eingestellt. Eine Übersicht von Adressen bietet die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Viele Drogenkonsumräume und andere Einrichtungen erhalten wichtige Angebote weiterhin aufrecht und sorgen für räumliche Distanz zwischen den Klient*innen und Mitarbeiter*innen.

Aufruf zur schnellen Hilfe

Die Deutsche Aidshilfe, akzept e.V. und der JES-Bundesverband haben im März 2020 in einem Hilferuf schnelle Hilfe für Drogengebraucher*innen und Obdachlose gefordert, darunter die Schaffung von Möglichkeiten der sofortigen und gegebenenfalls temporären Substitutionsbehandlung für Opioidkonsument*innen – insbesondere auch für Nichtversicherte und Obdachlose, die Sicherstellung der Substitutionsbehandlung für in Quarantäne befindliche Drogenkonsument*innen, unabhängig davon, ob sie vorher bereits mit Substitutionsmedikamenten behandelt wurden oder nicht, oder die Notfallversorgung für Menschen mit einem missbräuchlichen Konsum von Kokain/Kokainderivaten (z. B. durch Versorgung mit Ersatzstoffen wie Ritalin oder mit Originalstoffen). Als Reaktion darauf forderte auch die Bundesdrogenbeauftragte die Aufrechterhaltung der Suchthilfe in der Coronakrise.

In Hamburg wurde Anfang April 2020 auf den steigenden Bedarf an Substitutionsbehandlungen reagiert: In der Kontakt- und Beratungsstelle Drob Inn bekommen Drogengebraucher*innen mit und ohne Krankenversicherung Substitutionsmittel wie Methadon zur Einnahme unter Aufsicht. Der Gesetzgeber hat außerdem per 22. April 2020 vorübergehend die Verschreibung und Abgabe von Substitutionsmitteln erleichtert und die Substitutionsbehandlung als Notfallversorgung für bisher nicht Substituierte ermöglicht. Nähere Informationen dazu finden sich hier.