HIV-Konferenz in Stuttgart: Mitten im Leben

20. „Positive Begegnungen“ für ein selbstverständliches Leben mit HIV / Deutsche AIDS-Hilfe engagiert sich mit IBM, Daimler, SAP und der Stadt Stuttgart für ein diskriminierungsfreies Arbeitsleben / Demonstration: „HIV-Übertragung unter Therapie? Unmöglich!“

Am Donnerstag beginnt in Stuttgart Europas größte Konferenz zum Leben mit HIV. Bei den 20. „Positiven Begegnungen“, veranstaltet von der Deutschen AIDS-Hilfe, erarbeiten rund 400 Menschen mit HIV und Unterstützer_innen Strategien für ein diskriminierungsfreies, sprich: ganz selbstverständliches Leben mit HIV

„Wir sind überall!“

Vor 28 Jahren standen bei der ersten bundesweiten Veranstaltung von Menschen mit HIV und Aids in Frankfurt am Main die Themen Tod und Stigmatisierung im Vordergrund. 

Unter dem Motto „Wir sind überall!“ machen die Positiven Begegnungen zu ihrem Jubiläum nun deutlich: HIV-positive Menschen stehen heute mitten im Leben – die meisten ohne größere Einschränkungen. Die HIV-Therapie sorgt dafür, dass sie gesund bleiben und verhindert auch die Übertragung von HIV.

Diskriminierung führt jedoch dazu, dass viele Menschen mit HIV sich nicht outen. Die Positiven Begegnungen machen das Leben mit HIV sichtbar, ebenso die damit noch immer oft verbundene Benachteiligung und Zurückweisung.

Dazu sagt Ulf Hentschke-Kristal vom Vorstand der Deutschen AIDS-Hilfe:

„HIV-positive Menschen können heute leben wie andere Menschen auch, aber Diskriminierung hindert sie oft daran. Unser Ziel ist ein ganz selbstverständlicher Umgang mit HIV-positiven Menschen in allen Lebensbereichen. Dafür können alle Menschen etwas tun, indem sie Offenheit und Respekt signalisieren.“ 

Sichtbarkeit in Stuttgart und überall

Laura Halding-Hoppenheit, Schirmfrau der Positiven Begegnungen, Ehrenmitglied der Deutschen AIDS-Hilfe sowie Stuttgarter Stadträtin und Gastronomin erklärt:

„Ich freue mich sehr, dass unsere Stadt die Positiven Begegnungen zum dritten Mal willkommen heißt. Das ist ein starkes Zeichen. Schluss mit Ablehnung und Angst: Menschen mit HIV müssen ohne Einschränkungen offen leben können – in Stuttgart und überall!“

Franz Kibler, Geschäftsführer der AIDS-Hilfe Stuttgart:

„Die Positiven Begegnungen sind eine großartige Chance, das Leben mit HIV in unserer Stadt und Region sichtbar zu machen. Wir zeigen: Ein entspanntes und alltägliches Miteinander ist möglich und für nicht wenige Menschen längst Alltag. Offenheit und gegenseitige Unterstützung sind erleichternd für uns alle!“

Falsche Vorstellungen korrigieren

Michèle Meyer, Mitglied der Vorbereitungsgruppe der Positiven Begegnungen aus der HIV-Selbsthilfe: 

„Schluss mit falschen und veralteten Vorstellungen vom Leben mit HIV, mit Schuldzuweisungen und Herabwürdigung! Positive Begegnungen bringen unsere Wahrheiten ans Licht und ermöglichen heilsame Aha-Erlebnisse. Dazu gehört auch, dass HIV unter Therapie nicht mehr übertragbar ist. HIV ist kein Thema fürs stille Kämmerlein, sondern eine gesellschaftliche Aufgabe!“

Gemeinsam mit IBM, Daimler, SAP und Stuttgart gegen Diskriminierung im Arbeitsleben

Auch im Arbeitsleben erfahren Menschen mit HIV immer wieder Benachteiligung. Eine Deklaration von Arbeitgeber_innen soll dem entgegenwirken. Sie wurde heute anlässlich der Positiven Begegnungen erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Titel: „Respekt und Selbstverständlichkeit: Für einen diskriminierungsfreien Umgang mit HIV-positiven Menschen im Arbeitsleben“. 

IBM, Daimler und SAP unterstützen dieses Engagement von Anfang an, die Stadt Stuttgart strebt die Unterstützung an. Bis zum Welt-Aids-Tag am 1.12. sollen viele weitere Arbeitgeber_innen folgen. Die Deklaration wurde heute anlässlich der Positiven Begegnungen erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt.

Dazu erklärt Dr. Dirk Jakobs, Leiter Global Diversity Office der Daimler AG:

„Daimler setzt sich ein für eine Kultur der Toleranz und Offenheit. 

Chancengleichheit und Diskriminierungsfreiheit sind zentrale Anliegen unseres Verständnisses von Diversity und Zusammenarbeit. Mit unserem Engagement machen wir uns stark für einen respektvollen Umgang mit HIV-positiven Menschen.  Wir sind überzeugt: Respekt und Selbstverständlichkeit entstehen, wenn wir uns alle gemeinsam dafür einsetzen.“ 

Peter Kusterer, Verantwortlicher für Corporate Citizenship bei IBM-Deutschland:

„Respekt ist nicht nur eine Frage des Anstands, er macht einfach aus jedem Blickwinkel Sinn. Nur wer sich frei und ungezwungen bewegen kann, wird im Arbeitsprozess kreativ und offen sein. Diskriminierung von Menschen mit HIV ist Gift fürs Betriebsklima und Innovation.“

Dr. Ernesto Marinelli, SVP und Head of HR bei SAP:

„SAP ist stolz darauf, einer der ersten Unterstützer der Deklaration für einen diskriminierungsfreien Umgang mit HIV-positiven Menschen im Arbeitsleben zu sein.“ 

Werner Wölfle, Bürgermeister von Stuttgart:

„Die Landeshauptstadt Stuttgart als eine der größten Arbeitgeber_innen begrüßt die inhaltliche Ausrichtung der Arbeitgeberdeklaration für einen diskriminierungsfreien Umgang mit HIV-positiven Menschen im Arbeitsleben. Stuttgart strebt den Beitritt zu dieser Erklärung an.“

Demonstration: HIV unter Therapie nicht übertragbar 

Mitten im Leben: Mit einer Demonstration zeigen sich die Positiven Begegnungen am Samstag, dem 25.8., ab 17 Uhr in der Stuttgarter Innenstadt (Route: Liederhalle - Rotebühlplatz/Königstraße). Motto: „HIV-Übertragung unter Therapie? Unmöglich!“ Denn diese Information reduziert Berührungsängste und wirkt damit Stigmatisierung entgegen.

Diskriminierung von Menschen mit HIV

Trotz vieler Fortschritte und einer grundsätzlich unterstützenden Einstellung unserer Gesellschaft, gehören Diskriminierung und die Angst davor für Menschen mit HIV noch immer zum Alltag. Die Erfahrungen reichen von Klatsch und Tratsch über Schuldzuweisungen und offene Ablehnung bis hin zum Ausschluss von sozialen Aktivitäten.

Zugrunde liegen falsche Vorstellungen vom Leben mit HIV, irrationale Ängste und moralische Urteile. Diskriminierung ist eine schwere Belastung, raubt Lebensfreude und kann psychisch krank machen. Die Angst vor Diskriminierung schreckt zudem Menschen vom HIV-Test ab. Folge unerkannter und unbehandelter HIV-Infektionen sind schwere Erkrankungen und weitere HIV-Übertragungen. 

Diskriminierung gibt es in allen Lebensbereichen: 

  • Arbeitgeber_innen und Kolleg_innen halten Menschen mit HIV oft für nicht leistungsfähig oder eine Gefahr. Die Folgen können von Gerede über unzulässige HIV-Tests bei der Einstellung bis hin zur widerrechtlichen Kündigung reichen.
  • Im Gesundheitssystem kommt es immer wieder zu völlig überzogenen „Sicherheitsmaßnahmen“. So erhalten zum Beispiel Menschen mit HIV in vielen Zahnarztpraxen keinen oder nur den letzten Termin am Tag oder werden in Rehabilitationseinrichtungen von Gruppenangeboten ausgeschlossen.
  • Schuldzuweisungen und Zurückweisung erleben Menschen mit HIV in der Familie, im Freundeskreis ebenso wie bei der Partner_innensuche sowie in Social-Media-Diskussionen.

HIV in Deutschland

In Deutschland leben zurzeit rund 90.000 Menschen mit HIV. Die Zahl der Neuinfektionen ist seit über 10 Jahren etwa gleichbleibend auf niedrigem Niveau stabil. Im Jahr 2016 lag sie bei 3.100.

Positive Begegnungen – Konferenz zum Leben mit HIV, 23.-26.8.2018, Maritim Hotel und Liederhalle Stuttgart

Website und Programm

Die Eröffnungsveranstaltung am Donnerstag um 16.30 Uhr ist öffentlich zugänglich.

digitale Pressemappe

Arbeitgeber_innen-Deklaration

Informationen zu Diskriminierung

Statistik zu HIV in Deutschland

Statistik zu HIV in Baden-Württemberg